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Gekommen um zu gehen

Trotz Ärztemangel sind die Studienplätze für Medizin in Deutschland rar gesät. Wer Arzt werden möchte, muss Spitzennoten im Abitur vorlegen – oder geht für die ersten Semester ins Ausland. Riga ist beliebt, aber nicht beliebt genug. Vier Medizinstudenten erzählen vom Kommen und Gehen und Bleiben. 

 

Lena bleibt

Lena
Lena bleibt in Riga, zumindest bis zum Abschuss – Foto: Pecikiewicz

„Sie fliegt übermorgen. Oder schon morgen.“ Wie sich das anfühlt. „Ein Schock. Aber ich freue mich total für sie. Sie hat so dafür gekämpft.“ Lena lächelt. Aber es ist ein trauriges Lächeln, denn ihre Mitbewohnerin hat gerade die Zusage für einen Studienplatz in Deutschland bekommen. Sie – und etwa 500 andere Deutsche – studieren Medizin in Riga.

Momente wie diesen hat Lena schon häufig erlebt. „Das fünfte Semester war das Schlimmste“, sagt sie. „Jeden Tag habe ich von einem anderen Kommilitonen die Nachricht bekommen, dass er geht.“ Sechs Freunde in einem Semester, nur Lena muss bleiben. Drei Semester lang bewarb sie sich vergebens an deutschen Unis. Mittlerweile, in ihrem fünften Semester Medizin in Riga, ist Lena sicher, dass sie bleibt.

Wenn Lena rückblickend etwas ändern könnte, wäre das ihre Einstellung zum Studienortwechsel. „Mir und vielen Kommilitonen war nicht klar, dass es nach zwei Jahren immer schwieriger wird, einen Platz zu bekommen.“ Lenas Problem waren von Anfang an nicht die Noten – denn sie gehört zu den besten Studenten ihrer Universität. Im Weg steht ihr vielmehr ihr Bachelorabschluss in Biochemie, denn als Zweitstudienplatzbewerberin hat sie noch geringere Chancen auf einen Platz in Deutschlan

Lena hat sich um Integration bemüht: Sie hat Lettisch gelernt, sich in einen Letten verliebt und lettische Freunde gefunden. Trotzdem hat der interkulturelle Ansatz nicht immer Erfolg. „Die lettische Kultur ist nicht so meins“, sagt Lena. „Die Menschen sind ziemlich verschlossen und oft auch einfach unfreundlich.“ Auch im universitären Alltag gibt es viele Unterschiede. „In Deutschland wird mehr auf Anonymität geachtet“, sagt Lena. So werden in Lettland Klausuren mit Namen und nicht mit der Matrikelnummer beschriftet. Eine neutrale Bewertung ist bei Studiengruppen von zehn Personen nahezu unmöglich. Außerdem vermisst Lena Kritikfähigkeit der Universität. „In Deutschland ist Kritik viel offener und produktiver, hier führt sie oft zur Verschlechterung der Situation“, sagt sie.

 

Fernweh und Heimweh

Was die Würzburgerin hingegen schätzt, ist ihr Leben in der lettischen Hauptstadt Riga. „Riga ist eine sehr junge Stadt, hier gibt es ganz viel Potential für Veränderungen, es passiert sehr viel.“ Eines ihrer Highlights in der Hauptstadt ist die Mittsommernacht, die in Lettland sehr ausgiebig gefeiert wird. Lena muss nicht lange überlegen, was ihr fehlen würde, wenn sie wieder in Deutschland wäre. „Im Sommer würde ich die langen, hellen Tage vermissen, das ist gigantisch hier. Aber auch die Aufbruchsstimmung der Stadt, das Gefühl, dass hier noch so viel erreicht werden kann.“

In die Freude über Riga mischt sich manchmal etwas Heimweh. Das gehört zu einem Auslandsstudium dazu. „Es gab schon Momente, da habe ich es bereut, hierhergekommen zu sein. Wenn ich das Gefühl hatte, die Uni versagt oder wenn in der Familie etwas Wichtiges war, bei dem ich nicht dabei sein konnte.“

Trotzdem: Lena ist überzeugt, dass ihr Studium im Ausland sie persönlich weitergebracht hat. „Ich kann jetzt für Ausländer in Deutschland viel mehr Verständnis aufbringen, als zuvor. Verständnis dafür, dass sie die Sprache nicht gleich können und für die Tendenz ,,im selben Kulturkreis zu bleiben.“

 

Lebensabschnitt Lettland

Um ihren beruflichen Werdegang macht sie sich keine Sorgen, da ein Abschluss innerhalb der EU auch zum Praktizieren in Deutschland berechtigt. „Viele Ärzte in Deutschland sind eher interessiert und meinen, dass sie Respekt davor haben, dass man in einem ganz anderen Land studiert hat. Ich habe in Gesprächen bislang fast nur positive Reaktionen bekommen, gerade da die Belegschaft in Krankenhäusern immer internationaler wird“.

In wohl zweieinhalb Jahren wird Lena ihr Medizinstudium beenden. In Lettland bleiben will sie nicht: „Weil es nicht meine Heimat ist, weil es trotzdem im Umgang mit Patienten besser ist, sich in seiner Muttersprache zu unterhalten und da die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung besser sind“, sagt Lena.

 

Johanna und Hanno wollen bleiben

Johanna Thiemann und Hanno Jeß
Johanna Thiemann und Hanno Jeß – Foto: Pecikiewicz

Johanna Thiemann und Hanno Jeß studieren seit 2012 in Riga. „Ich habe mein Abi mit 2,0 gemacht, da hätte ich ewig warten müssen“, sagt Hanno. Seine Freundin Johanna hatte Nachteile im Bewerbungsverfahren um einen Medizinstudienplatz, da sie ihr Abitur in Neuseeland gemacht hat und deshalb mit ausländischen Studierenden bewertet wurde. Als herauskam, dass sie deutsche Muttersprachlerin ist, hatte sie in dieser Bewerbergruppe das Nachsehen.

Johanna und Hanno gehören zu denjenigen Studenten, die sich relativ früh zum Bleiben entschieden haben. „Wir haben irgendwann einen Schlussstrich gezogen“, sagt Johanna. „Wir wollten diese ständige Ungewissheit nicht mehr. Bleibe ich jetzt? Oder gehe ich? Unterschreibe ich den Mietvertrag für ein Jahr, oder nicht?“. Beworben haben sich beide jeweils einmal nach dem vierten und einmal nach dem fünften Semester – eher aus Gewissensgründen. „Das Studium ist relativ teuer. Wir waren es unseren Eltern schuldig, es wenigstens einmal zu versuchen“, sagt Johanna. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich überhaupt gefreut hätte, wenn ich einen Platz in Deutschland bekommen hätte”, sagt die 22-Jährige.

 

Abstriche

Mit der Studiensituation an der Rigaer Stradiņš-Universität sind die beiden zufrieden. „Es ist sehr gut, dass die Gruppen so klein sind, das ist super, um Fragen zu stellen“, sagt Johanna. Gleichzeitig stört sie das verschulte lettische Hochschulsystem. Anwesenheitspflicht sei an einer lettischen Universität eine Selbstverständlichkeit, selbstständiges Lernen werde kaum gefördert. Hanno findet manchmal den Patientenkontakt schwierig, denn in Lettland wird sowohl Lettisch als auch Russisch gesprochen. „Selbst wenn man sich von Anfang an bemüht und Lettisch lernt, passiert es häufig, dass man auf einen Patienten stößt, der nur Russisch spricht. Das ist frustrierend“, sagt er. Außerdem ist da immer noch der zeitlich begrenzte Aufenthalt in Lettland. „Man führt sich immer wieder vor Augen: Okay, für die Zeit, die ich hier bin macht Lettisch Sinn, aber wenn ich wieder in Deutschland bin, brauche ich es nicht mehr“, sagt der 24-Jährige.

 

In Deutschland sind die beiden nur wenn sie Ferien haben, weswegen es sich für Johanna ein bisschen wie Urlaub anfühlt, in der Heimat zu sein. „Das ist superschön, da gehe ich erstmal zum Bäcker, Brötchen holen… Bäckereien fehlen mir hier. Deshalb habe ich mir von meiner Oma eine Brotbackmaschine gewünscht.“ Hanno fallen zwei Dinge ein, die man in Lettland vergeblich sucht: „Magerquark und Lakritz“. Mit Heimweh hatten die beiden jedoch kaum zu kämpfen, dafür umso mehr mit dem Umzug vieler Freunde nach Deutschland. „Im vierten und fünften Semester ist es eher dieses Gefühl: Man wird zurückgelassen. Da musst du dann so als Parasit in neue Freundeskreise eindringen, da sich deiner aufgelöst hat“, sagt Johanna.

Darüber, nach dem Studium in Lettland zu bleiben, hat das Paar noch nie ernsthaft nachgedacht. „Studium ja – Arbeiten nein“, sagt Hanno. „Die Arbeitsverhältnisse sind katastrophal. Hier verdient ein Lehrer mehr als ein Arzt“, sagt Hanno.

 

Marius Lischka
Marius Lischka Foto: Pecikiewicz

Marius will nicht zurück

Marius Lischka hat eine ganz andere Einstellung zu seinem beruflichen Werdegang. Der 22-Jährige möchte nach seinem Studium in Lettland auf keinen Fall in Deutschland arbeiten. „Wenn sie mich schon nicht ausbilden, dann kriegen sie mich auch nicht als Arzt“, sagt er. Dafür würde Marius gerne in ein englischsprachiges Land auswandern. „Ich habe das hier schon auf Englisch gemacht, also möchte ich das gerne ausnutzen. Ich möchte gerne etwas Neues kennenlernen, ich war noch nie in Amerika. Auch nach England oder Australien würde ich gehen.“ Außerdem ist Deutschland das einzige europäische Land, das keine Facharztausbildung zum Notfallmediziner hat und genau dieser Bereich interessiert Marius am meisten.

 

Ein großer Gewinn

So wie die meisten deutschen Medizinstudenten in Riga ist Marius finanziell von seinen Eltern abhängig. 5.000 – 10.000 € kostet ein Semester Medizin an der Stradiņš-Universität in Riga. „Meine Eltern unterstützen mich, weil sie wissen, wie sehr ich das hier will“, sagt er. Vor allem ihretwegen hat auch er sich von Riga aus um einen Studienplatz in Deutschland bemüht.

Er selbst ist „im Privatleben“ in Lettland sehr glücklich, wie er sagt. Seine Freundin ist Lettin und wohnt nach einem Erasmus-Aufenthalt in Deutschland nun auch wieder in Riga. Ein Highlight seiner Erfahrung mit der neuen Kultur war eine Saunaparty. „Da wurde viel getanzt und gesungen und um vier Uhr morgens sind wir dann in den eiskalten See gesprungen“, sagt er. Mittlerweile har er sich mit ein paar Letten angefreundet und auch wenn er gerne Zeit mit seinen ausländischen Mitstudenten verbringt, fehlt ihm im Studium manchmal der Kontakt zu Letten. Dafür werde an der RSU viel praktisch gearbeitet, was ihm sehr gut gefällt.

Für “absoluten Schwachsinn” hält Marius das schlechte Image des deutschen Medizinstudenten im Ausland, der sich seinen Abschluss erkauft. “Ich glaube, dass viele neidisch sind, da sie das Physikum machen müssen und wir nicht. Bei uns verteilen sich die Prüfungen auf all die Semester. Wir zahlen nicht dafür, dass wir das alles mit Bravour bestehen, sondern dafür, dass sie es uns auf Englisch beibringen”, sagt Marius.

Dadurch, dass Marius sein komplettes Studium im Ausland absolviert, hat er das Gefühl, sich persönlich sehr weiterentwickelt zu haben. „Um was zu erledigen, muss man unter Umständen drei Mal nachschauen. Man wird kreativer beim Einkaufen. Ich wusste einmal nicht, was „Schweinefleisch“ auf Lettisch heißt. In Deutschland hätte ich die Verkäuferin wahrscheinlich nicht angegrunzt“, sagt er lachend.

Lena, Johanna, Hanno und Marius sind gekommen um zu gehen. Dann kam das Bleiben dazwischen. Marius Lischka will als Einziger nicht mehr zurück nach Deutschland. Aber für immer in Lettland leben? Der angelsächsische Raum reizt ihn mehr. Dennoch ist Lettland für die vier irgendwann zu einem Zuhause geworden. Zum Zuhause auf Zeit.

 

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