Hunderte Franzosen demonstrieren fast jede Woche gegen Zwangsräumungen. Foto: Ernest Morales

Grande Nation auf engem Raum

Die Franzosen haben über Jahrzehnte hinweg zu wenig gebaut – das lässt die Mietpreise in die Höhe schnellen. Zwangsräumungen sind zum Alltag in der Grande Nation geworden.

Von Nicole Gonsior

Hunderte Franzosen demonstrieren fast jede Woche gegen Zwangsräumungen. Foto: Ernest Morales
Hunderte Franzosen demonstrieren fast jede Woche gegen Zwangsräumungen. Foto: Ernest Morales

Asma Zerfaoui hat noch nicht aufgegeben. Seit mehreren Jahren kämpft sie dafür, dass ihre Familie endlich ganz normal leben darf. Ohne Schimmel und vor allem mit ausreichend Platz. Die 38-Jährige wohnt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im 18. Arrondissement in Paris. Zu fünft haust die Familie auf nur 26 Quadratmetern – und ausgerechnet im obersten Stockwerk eines Altbaus, den ihr Mann durch die Spätfolgen einer Kinderlähmung nur schwer erreichen kann. Im Winter ist das hintere der beiden Zimmer nicht bewohnbar, weil es dort zu feucht wird. Asma Zerfaoui hat schon im Jahr 2008 einen Antrag auf Wohnhilfe gestellt – bislang vergeblich. Ein dicker Ordner mit Unterlagen dokumentiert ihren Kampf. „Eigentlich haben wir das Recht auf eine bessere Wohnung. Aber seit Jahren werden wir von einer Behörde zur nächsten geschickt“, sagt sie.

Asma Zerfaoui und ihre Familie sind mit dem Problem nicht alleine: Vor allem Rentner, junge Leute und Alleinerziehende sind von der seit Jahren wachsenden Wohnungsnot in Frankreich betroffen. Wohnungen im Keller, voller Mäuse und Schimmel oder ohne Toiletten sind kein Einzelfall. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Seit etwa 25 Jahren wird in der Grande Nation zu wenig gebaut. Zudem lassen viele Vermieter ihre Gebäude leer stehen, aus Angst, dass ihre Mieter nicht zahlen können. Die Wirtschaftskrise verschlimmert das Problem zusätzlich.

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Mietpreise deshalb verdoppelt – genau so wie die Anzahl der Zwangsräumungen. Dagegen demonstrieren mittlerweile fast jede Woche Hunderte Bürger vor den Wohnungen von Betroffenen in Paris. Auch in anderen Städten gehen die Menschen immer wieder auf die Straße. Das Problem habe längst die untere Mittelschicht erreicht, sagt Christoph Robert von der Stiftung Abbé Pierre, die seit Jahrzehnten gegen die Wohnungsnot in Frankreich kämpft. Auch Berufstätige sind von dem Problem betroffen. So wie Asma Zerfaoui und ihr Mann: Sie arbeitet als Betreuerin in einem Hort, er in einer Autowaschanlage. Doch von ihrem Einkommen in Höhe von etwa 2000 Euro pro Monat geht fast die Hälfte für die Miete drauf.

Foto: Alain Bachellier
Foto: Alain Bachellier

Allein in Paris mietet die Stiftung deshalb Hotelzimmer für etwa 2700 Familien, um sie so vor einem Leben auf der Straße zu bewahren. Auch in Schulen oder Bürogebäuden gibt es Notunterkünfte. Zudem macht die Organisation immer wieder auf das Problem aufmerksam und veröffentlicht einmal im Jahr einen Bericht zur Wohnsituation in Frankreich. Mehr als drei Millionen Menschen leben demnach in nicht hinnehmbaren Unterkünften. Etwa fünf Millionen seien davon bedroht, in die Wohnungsnot abzurutschen.

In einem bereitgestellten Hotelzimmer lebt derzeit auch Souad Haddou. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern hat eine Unterkunft in der Nähe des Flughafens Orly im Süden von Paris zugewiesen bekommen. Auch wenn sie dankbar für das Dach über ihrem Kopf ist, stellt es sie vor eine logistische Herausforderung: Ihre Kinder gehen nach wie vor im 18. Arrondissement in Paris zur Schule. Der Weg dorthin dauert mindestens eine Stunde. Deshalb kommt sie während der Woche bei Asma Zerfaoui unter, die sie erst vor wenigen Monaten kennen gelernt hat. An diesen Tagen teilen sich dann neun Personen die 26 Quadratmeter große Wohnung. „Wir sind doch in der gleichen Situation, da müssen wir zusammenhalten“, sagt Zerfaoui.

Wie es weitergehen soll, weiß die 38-Jährige nicht. Ihre Kinder werden immer größer, brauchen mehr Platz. Deswegen wird Asma Zerfaoui weiterhin die Behörden aufsuchen und sich in Hilfsorganisationen engagieren. Bis sie und ihre Familie vielleicht eines Tages in einem wirklichen Zuhause leben können.

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