Massive Verzögerungen müssen die Palästinenser an den zahlreichen Checkpoints im Westjordanland auf sich nehmen                                         Foto: Birsens

Massive Verzögerungen müssen die Palästinenser an den zahlreichen Checkpoints im Westjordanland auf sich nehmen Foto: Birsens

Grenzenlose Freiheit

Schnell mal ins Nachbarland fahren, um in Paris einen Kaffee zu trinken oder an der niederländischen Nordseeküste schwimmen zu gehen – innerhalb der Europäischen Union (EU) ist das heutzutage überhaupt kein Problem. Dass ein Besuch im Nachbarland im Rest der Welt meistens mit Sicherheitskontrollen und Formalitäten verbunden ist, vergessen wir dabei 20 Jahre nach der Umsetzung des Schengener Abkommens schnell. Ein Blick in die palästinensischen Gebiete zeigt, welche enormen Freiheiten wir innerhalb der EU beim Reisen genießen.

Nach dem Inkrafttreten der Schengener Abkommen vor zwanzig Jahren und der Einführung des Euros als einheitlicher Währung in vielen Staaten der Europäischen Union ist Europa wortwörtlich grenzenlos geworden. Selbstverständlich fahren wir heute für einen Tag oder ein Wochenende ins Nachbarland ohne dabei einen Ausweis vorzuzeigen, ein Visum zu benötigen, Gebühren für den Grenzübertritt zu bezahlen oder Geld zu wechseln. Sicherheits- und Passkontrollen gibt es bei innereuropäischen Reisen nur noch am Flughafen.

Jeder Weg ist langwierig & anstrengend

Für die meisten Palästinenser klingt das wie ein unerreichbarer Traum. Ihre Reise- und Bewegungsfreiheit ist durch die israelische Besatzung enorm eingeschränkt. Für die meisten Palästinenser ist es praktisch unmöglich, Ostjerusalem zu betreten, wenn sie keine Ausnahmegenehmigung oder Jerusalemer Ausweispapiere haben – das führt vor allem bei Ehen zwischen Palästinensern aus Ostjerusalem und dem Westjordanland zu zahlreichen Problemen. Als Tourist ist man von dieser Einschränkung zwar nicht betroffen, muss aber trotzdem wesentlich mehr Zeit für die rund 16 Kilometer lange Busfahrt einplanen, als in Europa. Sie dauert etwa eine Stunde, da auf der Strecke der Checkpoint Qalandiya liegt, an dem jedes Mal bis zu fünf Passagiere gleichzeitig eine Sicherheitskontrolle mit Metalldetektor, Gepäckdurchleuchtung und Ausweiskontrolle ähnlich wie am Flughafen durchlaufen und anschließend in einen neuen Bus umsteigen müssen. Solche Checkpoints gibt es im gesamten Westjordanland – 2011 waren es nach Angaben der UN 522 dauerhafte und durchschnittlich weitere 495 ad-hoc errichtete Bedarfscheckpoints pro Monat, die die Fortbewegung im Westjordanland erschweren und zu langen Wartezeiten führen.

Umso schwieriger ist es für Palästinenser ins Ausland zu reisen, denn die Grenzen der palästinensischen Gebiete werden von Israel kontrolliert. Für Bewohner des Gazastreifens ist es durch die militärische Blockade fast unmöglich, diesen zu verlassen und Palästinenser, die im Westjordanland leben und nicht nach Israel dürfen, können das Land nur über die Allenby-Brücke bei Jericho in Richtung Jordanien verlassen und von dort aus – meistens vom Flughafen in Amman – weiterreisen.

Ein teures Vergnügen

Auf diesem Weg liegen zahlreiche Hürden, die für Palästinenser zum Alltag gehören, für Europäer aber vollkommen ungewohnt sind, da sie seit dem Schengener Abkommen und der Einführung des Euros in der EU Geschichte sind. Das fängt bereits vor dem eigentlichen Grenzübergang damit an, dass Jordanien an der Allenby-Brücke – anders als an den anderen Grenzübergängen – keine Visa ausstellt und man sein Visum rechtzeitig vorher beim Konsulat beantragen oder einen der beiden anderen Grenzübergänge zwischen Israel und Jordanien benutzen muss. Palästinensern ist das nicht möglich, da dort nur Touristen und Israelis die Grenze überqueren dürfen. Zusätzlich zu den 40 jordanischen Dinar (ungefähr 50 Euro) für das Visum, werden vor der Einreise nach Jordanien allerdings auch noch rund 150 Schekel (ungefähr 35 Euro) Ausreisesteuer pro Person fällig, die man natürlich jeweils in lokaler Währung bezahlen und daher Geld umtauschen muss. Bei der Rückreise nach Israel fällt nur eine Ausreisesteuer von 10 Dinar (ca. 12,5 Euro) an, da Israel keine Visagebühren erhebt. Ganz schön teuer für einen Wochenendausflug ins Nachbarland!

Sicherheit geht vor

Hinzu kommen zahlreiche Sicherheitskontrollen und lange Wartezeiten. Da die Region um die eigentliche Grenze militärisches Sperrgebiet ist wird man nach einer Sicherheitskontrolle, die in Jordanien ähnlich abläuft wie an deutschen Flughäfen, mit einem Bus zum Einreiseterminal auf der israelischen Seite gebracht. Dabei dauert die eigentliche Fahrt von rund fünf Kilometern nur rund 15 Minuten – je nachdem verbringt man aber eine ganze Stunde wartend im Bus, bevor er voll ist und losfährt.

Am israelischen Terminal steht man dann erstmal ziemlich lange in der Schlange, um seine Koffer, sofern man welche dabei hat, zur Durchsuchung abzugeben und anschließend um das erste Mal seinen Pass vorzuzeigen. Nachdem man eine Sicherheitskontrolle mit Metalldetektor und Gepäckdurchleuchtung durchquert hat, wird man dann möglicherweise – wie es meiner Kommilitonin, die mit mir reiste, passiert ist – nochmal von einem Grenzbeamten in Zivil befragt, um die Angaben, die man vorher gemacht hat, zu überprüfen. An der dritten Station bekommt man dann schließlich ein Visum für Israel, wenn man die zahlreichen Fragen der Grenzbeamten zu ihrer Zufriedenheit beantwortet. zum Beispiel warum man den Einreisestempel aus Jordanien auf einer Extrakarte statt im Pass hat, was man in Israel und den palästinensischen Gebieten vorhat und sogar wie der Vater heißt und welchen Beruf man in Deutschland hat.

Ein falscher Eindruck kostet Stunden

Erregt man – wie viele meiner Mitstudenten im Auslandssemester – Verdacht, wird man oft stundenlang verhört, bekommt möglicherweise die Einreise verweigert und erhält im schlimmsten Fall sogar ein Einreiseverbot für die nächsten Jahre. Dabei müssen alle ausländischen Studenten an der Universität Bir Zayt, die dort für länger als ein Semester bleiben, ihr Visum verlängern, indem sie aus Israel aus- und wieder einreisen, da es praktisch unmöglich ist ein Touristenvisum auf offiziellem Weg zu verlängern und Israel nach Informationen der Universität Bir Zayt keine Studentenvisa für palästinensische Universitäten ausstellt.

Von der grenzenlosen Freiheit wie in Europa, wo man als Student mit ERASMUS ganz einfach ein Semester an einer ausländischen Universität verbringen kann und am Grenzübergang weder kontrolliert wird, noch Geld tauschen muss, sind Israel und die palästinensischen Gebiete also weit entfernt.

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