Helmut Schmidt,Valéry Giscard d'Estaing, Henry Kissinger waren zentrale Figuren in der damaligen Griechenland-Frage

Helmut Schmidt,Valéry Giscard d'Estaing, Henry Kissinger waren zentrale Figuren in der damaligen Griechenland-Frage

Griechenland, Russland und der Westen

Nach Amtsantritt lancierte die neue griechische Regierung der Idee, Finanzhilfe bei Wladimir Putin zu beantragen. Der windige Alexis Tsipras weiß, wie erfolgreich Athen die Moskau-Karte in der Vergangenheit spielte. Ohne die Angst des Westens vor Sowjetunion und Kommunismus wäre Griechenland nie Mitglied der Europäischen Gemeinschaft geworden.

In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre schrillten im Bonner Auswärtigen Amt und im State Department in Washington die Alarmglocken. Grund der Aufregung unter deutschen und amerikanischen Diplomaten war die politische Lage in Südeuropa.

Nach dem Ende der Diktatur in Portugal dominierten dort linksgerichtete Offiziere. Sie setzten in der Verfassung von 1976 Sozialismus als Staatsziel fest.

In Spanien fürchteten amerikanische und europäische Außenpolitiker nach dem Tod Francisco Francos 1975 den Aufstieg populärer linker und kommunistischer Kräfte. Ein Übergang Spaniens zu einer liberalen westlichen Demokratie schien ihnen keineswegs sicher.

Ein Stück weiter östlich, in Italien, fuhr die Kommunistische Partei bei den Parlamentswahlen 1976 mit über 34 Prozent der Wählerstimmen das beste Wahlergebnis ihrer Geschichte ein. Unter der Führung des charismatischen Enrico Berlinguer herrschte Hochstimmung bei Italiens Kommunisten. Dazu erschütterte der Terrorismus der Roten Brigaden, die 1978 Ministerpräsident Aldo Moro ermordeten, das Land.

Zu guter Letzt schon 1974 hatten türkische Truppen nach Provokation durch die griechische Militärregierung den Norden Zyperns besetzt. Ankara weigerte sich in den Folgejahren, das besetzte Inselgebiet zu räumen.

In Griechenland führte der desaströse Krieg zum Sturz der Militär-Junta. Doch die neue demokratische Regierung – erbost über mangelnde Unterstützung von Seiten der USA und Westeuropas in der Zypernfrage – kündigte im August 1974 ihre Mitarbeit in den Militärstrukturen der NATO.

Der Konflikt zwischen Griechen und Türken – beide eigentlich Bündnispartner in der NATO und in strategisch wichtiger Lage im Ostmittelmehr – war ein großes Ärgernis für die Westmächte.

Doch im Zusammenhang mit der politischen Instabilität und dem kommunistischen Vormarsch in ganz Südeuropa schien er ein ausgewachsenes Desaster. Insbesondere die zwei Realisten US-Außenminister Henry Kissinger und Bundeskanzler Helmut Schmidt sahen die gesamte Südflanke der NATO zerbröckeln.

Gleichzeitig ließ die Sowjetunion nach dem Höhepunkt der Entspannungspolitik Mitte der 1970er wieder die Muskeln spielen. Spätestens 1979, als sowjetische Panzer nach Afghanistan rollten, war die Ära der détente beendet.

In diesem Kontext – Instabilität in Südeuropa, Verschlechterung der Beziehungen zur Sowjetunion – muss der Beitrittsantrag der neuen demokratischen Regierung in Athen unter der Führung von Konstantinos Karamanlis im Juni 1975 gesehen werden.

Die Europäische Kommission und Wirtschaftsexperten antworteten übereinstimmend auf dessen Anfrage. Griechenland war in einer wirtschaftlich desaströsen Lage. Ökonomisch gesehen hatte das Land nichts in der Gemeinschaft zu suchen.

Doch die Mitgliedsstaaten, geführt von Helmut Schmidt und dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing, setzten sich über Kommission und Experten hinweg.

Öffentlich sprach Karamanlis von der Notwendigkeit, Griechenland – die „Wiege der europäischen Demokratie“ – den Weg zurück nach Europa zu ebnen. Solcherlei Sentimentalitäten machten einen gewissen Eindruck auf den feinsinnigen Giscard.

Doch weitaus mehr bewegte den französischen Staatspräsident – und vor allem den kaltschnäuzigen Schmidt – was Karamanlis hinter verschlossen Türen zu sagen hatte. Er brauche den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft als außenpolitischen Erfolg. Sonst könne er, so Karamanlis, die Stabilität des Landes gegen linke Kräfte nicht garantieren.

Auch nährte Karamanlis bei Schmidt und Giscard die Hoffnung, Griechenland würde nach einem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft ins NATO-Bündnis zurückkehren.

Unter diesen Umständen gingen die Verhandlungen zwischen der griechischen Regierung, der Kommission und den neun Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft rasch voran. Im Mai 1979 unterzeichneten die Partner die Beitrittsakte. Die offizielle Aufnahme Griechenlands in die Europäische Gemeinschaft folgte am 1. Januar 1981.

Außenpolitisch war die Aufnahme Griechenlands, gefolgt vom Beitritt Spaniens und Portugals 1986, ein voller Erfolg. Die Beitritte stabilisierten und demokratisierten das kriselnde Südeuropa. Griechenland kehrte 1981 in die Militärstrukturen der NATO zurück. Als nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan der Kalte Krieg in den 1980er Jahren wieder Fahrt aufnahm, stand Südeuropa fest an der Seite der Westmächte.

In der Euro-Krise erklärte Ex-Präsident Giscard 2012, die Aufnahme Griechenland in die Europäische Gemeinschaft sei ein Fehler gewesen. Doch die unrühmliche Rolle Athens in der aktuellen Krise konnten Giscard und Schmidt in den 1970er Jahren kaum absehen. Im damaligen Kontext war die Aufnahme Griechenlands eine rationale Entscheidung.

Insbesondere der deutschen Regierung befürwortete damals, zur Abwehr der Gefahr aus dem Osten politische über wirtschaftliche Erwägungen triumphieren zu lassen.

Das weiß auch Alexis Tsipras.

 

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Die Debatte 1 Kommentar

  1. von Ingrid Misslbeck
    Antworten -

    1. Griechenland

    Mir kommen alte bewährte Sprichwörte in den Sinn.Ein Faß ohne Boden,oder Wer einmal lügt dem glaubt man nicht.
    Ich werde die JA Sager nicht mehr wählen,weil sie so leichtfertig mit anderer Leute nähmlich unserem Geld umgehen.