Skizze: Nastarowitz

Skizze: Nastarowitz

Großmutter Annelise: Die Geschichte einer perfekten deutsch-türkischen Synthese

Man merkt vor allem an der Sprache, dass Annelise S. keine normale deutsche Großmutter ist, die einen zu Kaffee und Kuchen in ihrem Wohnzimmer empfängt und Geschichten von früher erzählt. Wenn sie von sich berichtet, fällt immer mal wieder das türkische Wort „tabii“ (= selbstverständlich), besonders bei Nachfragen schleicht es sich begleitet von einem Kopfnicken in das Gespräch.

Annelise ist eben eine besondere Großmutter – geboren in Deutschland, lebt sie nun seit mehr als 50 Jahren in der Türkei. Wenn sie in ihrem Wohnzimmer mit ihren türkischen Freunden ihren 82. Geburtstag nachfeieArt und sich ohne sprachliche Barrieren über die anstehende Operation einer Bekannten unterhält, dann will man fast meinen, sie sei mittlerweile Türkin. Doch dann fragt ein Gast nach Kaffee und bekommt als Antwort, es stehe leider nur Filterkaffee bereit. Irgendwo dazwischen – zwischen türkischen Schwätzchen und deutschem Filterkaffee hat es sich Annelise S. über die Jahre in Izmir bequem gemacht. Sie ist deutsch geblieben, aber eben auch irgendwie türkisch geworden.

Paris, 1959: Annelise sitzt mit Mitte zwanzig in der Mensa einer Sprachschule, in der sie aber eigentlich gar nicht Französisch lernt, sondern nur kurz auf eine Bekannte wartet, die ihr Lockenwickler vorbeibringen soll. Ahmet ist sonst eigentlich auch nie dort, will aber in der gleichen Schule einen Freund treffen, der Schulden bei ihm hat. Als Ahmet die junge Annelise dann fragt, ob er sich vielleicht ihren Stift leihen könnte und sich daraus erste Gespräche entwickeln, ist beiden irgendwann klar: Die Freunde tauchen merkwürdigerweise gar nicht mehr auf, vielleicht nennt man so etwas ja „Schicksal“. Zumindest die romantisch veranlagten Türken würden es wohl so nennen, meint Annelise mit einem Zwinkern.

Der junge Türke Ahmet hat es ihr angetan, bald darauf lernt er bereits die deutschen Eltern der damals 24-Jährigen kennen. „So ganz begeistert waren die erstmal nicht“, erinnert sich die Seniorin. Bei der Begrüßung muss Ahmet dann aber nur kurz den Kopf charmant auf die Seite legen und „damit hatte er gewonnen“. Im Jahr 1960 folgt die Hochzeit in Deutschland und dann der Trip zurück in die Türkei. Annelise kommt einfach mit ins Unbekannte.

Von Deutschland nach Izmir – ein Trip ins Unbekannte

In diesem neuen Unbekannten riecht es erst einmal ordentlich nach Knoblauch. Der Geruch dieses türkischen Alleskönners schwebt durch die Wohnung von Annelises Schwiegermutter und ist die erste Sinneswahrnehmung auf türkischem Boden, an die Annelise sich heute noch erinnert. Und natürlich an die Scharen von Verwandten, die am Bahnhof in Izmir mit Blumen auf das frisch verheiratete Paar warten. Auch das Empfangsessen ist unbekannt fremd und reichhaltig, mindestens 18 Zutaten und Gerichte werden der jungen Deutschen serviert. Darunter eine türkische Delikatesse, die erst später auch den Einzug in deutsche Haushalte erhalten sollte: Die Aubergine.

„Ich war immer schon fürs Ausland. Und es ist eben dieses Südländische, das uns Deutschen so gefällt!“, begründet die Seniorin ihre Entscheidung. Ahmet beginnt hier wieder zu arbeiten, mit der ersten kleinen Tochter zieht die Familie weiter nach Istanbul, wo dann auch die zweite Tochter geboren wird. Istanbul ist damals noch nicht das Istanbul von heute, „da gab es noch keine Brücken und keine Umgehungsstraßen!“ Annelise genießt die Zeit mit ihrer Clique aus Türken, Deutschen und Holländern, schwärmt noch heute von den inspirierenden Personen, die sie dort kennenlernte und mit denen man feierte, aß und trank. Viele türkische Männer in ihrem Umfeld haben damals europäische Ehefrauen, zu einigen von ihnen hält sie bis heute Kontakt.

Zu ihrem 82. Geburtstag klingelt das Telefon ununterbrochen. Annelise spricht dann manchmal türkisch und manchmal deutsch am Telefon, das geht auch nach über 50 Jahren in der Türkei noch so flüssig wie früher. „Meine emotionale Sprache ist aber mittlerweile türkisch“, meint sie dann. Manche Worte und manche Sätzen funktionieren eben einfach nur auf Türkisch. Und deswegen verabschiedet sie sich auch nach einem deutschen Telefonat mit ihren Istanbuler Freundinnen auf Türkisch und sagt: „Seni çok özledim“ – Ich habe Sehnsucht nach dir. So schön romantisch kann man nur auf Türkisch sein. „Das scheint irgendwie eine deutsche Blockade zu sein“, mutmaßt die 82-Jährige.

Anfangs fährt sie mindestens einmal im Jahr nach Deutschland, nimmt die Töchter mit und bleibt über die Ferien. Auch 2015 ist sie dort gewesen, für einen ganzen Monat. Und weil sie gerade in Deutschland dann gerne „die türkische Fahne sehr hoch hält“, war sogar ein Gespräch mit einer interessierten Professorin angesetzt, der sie von sich und ihrer Geschichte erzählen sollte. Als sie sich am Telefon meldete, sagte sie: „Ich bin die Türkin, also die Deutsche aus der Türkei“. Obwohl Annelise nach wie vor beide Staatsangehörigkeiten besitzt, verschwimmen die Grenzen. Und genau so stellt man sich gelungene Integration doch eigentlich vor.

„Deutsch“ ist Annelise nur noch zwischen den Zeilen

Wenn sie erzählen soll, welche Charaktereigenschaften sie denn dann eigentlich noch zur Deutschen machen und in welchen Dingen sie mittlerweile türkisch ist, fällt immer wieder das Wort „Synthese“. Sie habe eben eine Synthese geschafft, sei in vielem deutsch geblieben, habe aber von den Türken viel dazu gelernt. Man lebe hier grundsätzlich etwas leichter, mit weniger Disziplin. Weniger Disziplin als in Deutschland bedeute aber auch, dass das menschliche Miteinander viel wärmer sei. „Ich glaube, wenn man richtig diszipliniert ist, kann man gar nicht so nett und freundlich sein wie die Türken es sind!“, mutmaßt Annelise über diesen türkischen Charakterzug.

Gleich darauf erzählt sie noch eine Anekdote eben jener deutschen Professorin, die sie vor kurzem in Deutschland eigentlich treffen wollte. Am Telefon gingen sie gefühlte Ewigkeiten den vollen Terminkalender der Professorin durch, ohne, dass dabei auch nur ein bisschen Platz für den Besuch aus der Türkei gemacht wurde. Das sei leider eben typisch deutsch. Türken hätten schon am nächsten Tag irgendwann ein Stündchen frei geräumt. Annelise hat dann einfach entnervt aufgelegt. „Ich bitte dich, die wollte mich doch gar nicht kennenlernen“, ärgert sie sich noch heute über dieses Telefonat.

Typisch türkisch sei auch eine gewisse praktische Veranlagung der Einwohner. Annelise hat hier schnell gelernt, Küchenarbeit mit nur einem guten Messer zu erledigen („Keine türkische Hausfrau braucht zehn verschiedene Messer!“). Und als sie einmal mit dem Omnibus auf der Strecke nach Istanbul liegen blieb, war auch der Bus schnell wieder funktionstüchtig: Der türkische Busfahrer fragte seine Passagiere nach einem Gummiband. Als Annelise noch eines in ihrer Tasche fand, hieß es einfach nur „Abla, gib mir das!“ und nach ein paar Handgriffen war der Bus repariert.

Deutsch ist Annelise dann vielleicht nur noch zwischen den Zeilen, in typisch deutschen Regelmäßigkeiten und Routinen. Wenn sie erzählt, dass sie jeden Morgen dieselbe 4km Spazierrunde durch Izmir dreht, zum Beispiel. Dabei trifft sie dann immer auf die gleichen Nachbarn, selten aber auf türkische Freunde, „die stehen nicht allzu gerne früh auf“. Und deutsch ist sie auch, wenn sie vor Weihnachten mit behelfsmäßigen türkischen Zutaten einen deutschen Stollen auf den Geburtstagstisch in ihrem Wohnzimmer zaubert. Gleich daneben warten dann aber auch schon frisch gebackene türkische Teigwaren.

Deutsch-türkische Lebenskunst

Mit 47 Jahren stirbt Ahmet an Lungenkrebs, die gemeinsamen Töchter sind da gerade 17 und 18 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt lebt die Familie wieder in Izmir. Voraus ging eine Odyssee durch türkische und deutsche Krankenhäuser, die Töchter blieben in der Zeit bei Verwandten in der Türkei. Nach Ahmets Tod beginnt Annelise zu arbeiten. Freunde fragen sie, ob sie nicht im Betrieb mithelfen will und schon ist sie Chefsekretärin, kann mit ihren Sprachkenntnissen besonders die Ausländer in Izmir gut unterhalten. „Vor allem die Arbeit hat mich in dieser Zeit abgelenkt und Spaß zurück ins Leben gebracht“, erinnert sich die Seniorin. „Meine Schulfreundinnen meinten immer schon ich sei eine Lebenskünstlerin und da ist auch was dran. Ich komme nach einiger Zeit eben immer irgendwie wieder zurecht.“

Drei Jahre später heiratet Annelise einen Freund ihres Mannes, Mehmet, „der hat sogar noch mehr geraucht als mein erster Mann!“ Auch er stirbt nach zehn Jahren Ehe an Lungenkrebs. Einmal mehr bleibt Annelise allein zurück und einmal mehr schafft sie es, weiter im Leben zu stehen. Eine Lebenskünstlerin eben.

Mittlerweile ist sie 82 Jahre alt, ist auch nach dem Tod ihrer beiden türkischen Männer in der Türkei verwurzelt geblieben. Eine ihrer Töchter lebt mittlerweile in Deutschland, die andere ist gerade zurück in die Türkei gezogen.

Allein war Annelise in all der Zeit eigentlich nie. Immer wieder erzählt sie von ihren tollen türkischen und internationalen Freunden, von kleinen türkischen Kindern, denen sie Deutschunterricht gab und Arbeitskollegen, die sie begleitet haben. Auch an ihrem 82. Geburtstag sitzt die Witwe nicht allein in ihrem Wohnzimmer, sondern ist umringt von eben jenen Freunden und Freundinnen, die mit schweren Tüten voller Geburtstagsgeschenke vom Bazar kamen und einen Filterkaffee mit ihr teilen. Gerade diese Freude an Geselligkeit und die immer offenstehende Tür scheint am Ende das zu sein, was Annelises Integration so erfolgreich machte. Sie hat „die deutsche Staatsangehörigkeit behalten, aber die türkische dazugewonnen.“ Auf dem Papier und in der Realität: Annelises „Synthese“ hat perfekt funktioniert.

 

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