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Hungrig auf Europa

Sie sind jung, gut ausgebildet und finden dennoch keine Arbeit in ihren Heimatländern. Die Arbeitslosenquote unter Jungakademikern ist in den südlichen EU-Staaten besonders hoch. So auch in Italien. Die Jugendarbeitslosenquote liegt laut einer Statistik des Istituto nazionale di statistica (italienisches Bundesamt für Statistik) bei rund 43%. Für viele bleibt nur eine Option sinnvoll: Die Heimat verlassen und im Ausland das Glück finden. So stellt sich das auch die 20-jährige Roberta Salzano aus Italien vor.

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Roberta Salzano  Foto: Wahlig

Sie gehört zu jener jungen Generation von Italienern, die sich bereits vor dem Abschluss des Bachelors an einem Arbeitsplatz im Ausland sehen. Mit Management, das sie an der Universitá degli Studi di Pavia studiert, hat sie durchaus gute Chancen auf dem Internationalen Arbeitsmarkt. Die Universität in der norditalienischen Stadt bei Mailand zählt zu einer der Eliteuniversitäten Italiens. Ferner ist Roberta Studentin des Collegio Ghislieri, eine Art Studenteninternat nur für die Studenten-Elite Italiens. Trotz den scheinbar guten Grundvoraussetzungen durch ihren Studienort, richtet sich auch ihr Blick ins Ausland. Traumland: erst einmal Frankreich für ein weiteres Studium. Einen Master auf Englisch an der Sorbonne in Paris hat die Italienerin fest im Auge. „So habe ich einfach mehr Möglichkeiten auf dem internationalen Markt. England, Deutschland oder auch Amerika sind dann für mich greifbarer.All diese Länder bieten für mein Studienfach gute Arbeitsmöglichkeiten“, erläutert die Studentin.

 

Kein Platz in der Heimat

In Italien sieht sie wegen der Wirtschaftskrise keine berufliche Zukunft für sich. Es sei schwer, da Italien einfach nicht so gut aufgestellt sei und die Wirtschaftskrise hat die Situation im Bereich Management nicht unbedingt verbessert, erläutert Roberta ihr Vorhaben. „Ich liebe Italien sehr, deshalb fällt es mir eigentlich auch schwer, mein Heimatland zu verlassen. Ich denke aber man ist einfach limitiert, wenn man in meiner Generation nicht den Schritt Richtung Europa wagt. Zu guter Letzt wächst man dadurch ja auch in seiner Persönlichkeit und ändert seinen Blick auf die Dinge.“ Sie ist sich sicher, dass es auch Italien helfen kann, europäisch denkende Studenten zu haben. „Vieles läuft in unserem Land schief. Politik, Wirtschaft und irgendwie auch das tägliche Leben. Wir junge Menschen haben in unserer jetzigen Gesellschaft keinen Platz und werden nicht angenommen, diesen Platz zu finden. Unsere Generation wird schnell vorverurteilt, ohne dass wir uns unter Beweis stellen konnten.“ Roberta ist sich bewusst, dass es natürlich durchaus auch besser sein könnte, in Italien zu bleiben, um das Land wieder aus der Krise zu ziehen. Dennoch sieht sie für sich persönlich die Option, Italien zu verlassen als die bessere an. „Italien ist in diesem Thema geteilt. Größtenteils möchten wir Jungakademiker das Land verlassen. Dennoch gibt es auch einige, die Italien nicht verlassen wollen, da sie an unser Land glauben.“

Ob sie nach Italien zurückkehren wird, ist ungewiss: „ Das kann ich so nicht sagen, da ich ja jetzt nicht wissen kann, was im Ausland passiert. Ob ich wirklich den Job finde, den ich mir wünsche und wenn ich im Ausland eine Familie gründe, dann kann ich nicht einfach zurück.“

Massenflucht

Roberta ist kein Einzelfall. Seit 2011 sind bereits mehr als 400.000 Italiener ausgewandert. Die Hälfte davon ist unter 30 Jahren alt und jeder dritte hat einen Hochschulabschluss. Beliebte Länder sind Deutschland, England oder Amerika. Es findet ein Brain Drain statt, da aufgrund guter Ausbildung aber mangelnder Arbeitschancen die künftige Elite Italiens ihr Glück im Ausland sucht. Bei der voranschreitenden Überalterung Italiens befinden viele die Zukunft des Landes als schwierig. Die jungen Leute gehen ins Ausland, kehren dann aber nicht mehr zurück. Das liegt vor allem daran, dass Italien keinerlei Anreize schaffe, sind sich die italienischen Medien einig. Die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano porträtiert regelmäßig unter dem Titel „Cervelli in Fuga“ (Flucht der klugen Köpfe) italienische Jungakademiker, die im Ausland arbeiten.

Mit offenen Augen die Welt erkunden scheint für Roberta in ihrer Situation das Beste zu sein. Im Vergleich sieht sie zum Beispiel Deutschland mit dem Sozialstaat, der politischen Ausgestaltung und der Wirtschaft als sehr gut aufgestellt an. „Ja, auch ich finde dass die Politik in die Wirtschaft einschreiten sollte, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. So hat Italien und meine Generation auch wieder eine Zukunft.“

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