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Im Zweifel für die Wirtschaft

Frankreich hat sich bei der Weltklimakonferenz als Umwelt-Vorzeige-Land präsentiert. Doch im Süden leitet seit 49 Jahren eine Aluminiumfabrik metallhaltigen Schlamm ins Mittelmeer. Mitten im Nationalpark. Jetzt ist die Lizenz sogar verlängert worden.

Christian Guillaume
Christian Guillaume ist von der illegalen Umweltverschmutzung überzeugt. Foto: Jürgens

Christian Guillaume trägt einen weißen Rauschebart, ein blau-gestreiftes Hemd und hat kleine, wache Augen. Als Kind fuhr er mit Freunden aufs Meer, später kaufte er sich ein eigenes Boot. Das Meer ist seine Leidenschaft. Und gleichzeitig seine größte Sorge. Seit mehr als 20 Jahren ist Christian Guillaume Umweltaktivist. Jetzt steht er oben auf den Klippen über Cassis und setzt das Fernglas an. Alles scheint perfekt. Das Wasser glitzert, die Sonne strahlt. Ein Motorboot tänzelt auf dem Meer. Wellen brechen an den Felsküste. Die Calanques, so heißt der Küstenstreifen zwischen Marseille und La Ciotat, sind Frankreichs Mittelmeer-Idylle.

Christian Guillaume zeigt auf die Bake von Cassidaigne. Eine große Boje, sechs Kilometer weit draußen. Sie warnt Schiffe vor einer Untiefe – und markiert den Punkt, von dem die Bedrohung ausgeht. Etwas weiter draußen, in 320 Metern Tiefe, leitet ein Rohr roten Schlamm ins Meer. Jeden Tag. Seit 49 Jahren.

Gegen die Abmachung

Experten nennen diesen „Rotschlamm“. Rotschlamm ist ein Nebenprodukt der Aluminiumherstellung. Er besteht aus Wasser und Bauxit. Im Bauxit sind verflüssigte Metalle und Chemikalien enthalten, unter anderem Eisen, Blei, Quecksilber, Selen und Arsen. Stoffe, die eigentlich nicht ins Mittelmeer gelangen sollten, findet Christian Guillaume. Frankreich hat  internationale Abkommen unterschrieben, die es dem Land verbieten, solche Stoffe ins Meer zu leiten. Eines davon ist die Barcelona-Konvention, der die Europäischen Union beigetreten ist.  Guillaume bereitet besonders die Menge Sorgen. Schätzungen zufolge hat das Rohr bisher 26 Millionen Tonnen Rotschlamm ins Meer gespült. Der Schlamm bleibt auf dem Meeresboden liegen und bildet ein riesiges Feld. 100 Kilometer lang, dutzende Kilometer breit.

Heute gibt es keine Delphine mehr.

Christian Guillaume zeigt auf eine Insel in der Ferne. Sie liegt in der Bucht von Marseille. Er kennt sie gut, früher hat er dort manchmal übernachtet. Ganz früh morgens seien dann die Delphine gekommen. Guillaume konnte ihnen beim Jagen zusehen. Dann wendet Guillaume den Blick ab und sagt: „Heute gibt es keine Delphine mehr.“

Wer dem Schlammrohr zu seinem Ursprung folgt, kommt nach Gardanne. Eine Kleinstadt, 30 Kilometer landeinwärts. Paul Cézanne hat einige Bilder von Gardanne gemalt, doch das war bevor die Industrialisierung Fahrt aufnahm. Heute bestimmen nicht mehr Sonnenblumen, Olivenbäumen und Weinreben das Stadtbild, sondern zwei große Kühltürme, der Förderturm eines stillgelegten Bergwerks und die Aluminiumfabrik. Mit den Industriearbeitern sind auch die Kommunisten nach Gardanne gekommen. Roger Meï trat 1961 der kommunistischen Partei (PCF) bei. Seit 1977 ist er Bürgermeister von Gardanne. Er hat den Niedergang der Kohleindustrie erlebt und die Welle der Entlassungen. Allein das Aluminiumwerk ist Meï und Gardanne noch geblieben. Und das verteidigt er mit allen Mitteln. „Die wahre Verschmutzung ist die Arbeitslosigkeit, nicht die Verschmutzung der Umwelt“, sagt der Bürgermeister.

Die Fabrik liegt neben dem Bahnhof. Auf dem weitläufigen Gelände reihen sich Produktionsstätten und Lagerhallen aneinander. Die Gebäude sind durch Förderbänder verbunden. Altéo, der Betreiber der Fabrik, stellt hier Aluminiumoxid her. Das wird in der Keramikproduktion, zum Beispiel für Waschbecken oder schusssichere Westen, gebraucht. Dabei setzt Altéo auf eine Technik, die längst überholt ist: das Bayer-Verfahren. Seit mehr als hundert Jahren wird damit Aluminiumoxid produziert. Und Rotschlamm. Konkurrenten wie die kanadische Firma Orbite wenden ein anderes Verfahren an und setzten dabei weniger giftige Reststoffe frei. Trotzdem macht Altéo munter weiter. Im Jahr 2012 verkaufte das Werk 460.000 Tonnen Aluminiumoxid in die ganze Welt.

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Altéo bestreitet einen negativen Einfluss auf die Meeresfauna. Foto: Stéphanie Gaspari

Die Gebäude der Fabrik sind rot, getüncht vom Staub, der bei der Produktion entsteht. Auch die Umgebung überzieht der Staub mit einer feinen Schicht: den Bürgersteig, die Häuserwände und die Blätter der Platanen. Bruno Farré hat sich vor sechs Jahren einen Hof am Ortsrand von Gardanne gekauft. Jeden Morgen blickt er auf die Fabrik. Der Ton seiner Stimme ist so trocken wie der Boden der Provence im Hochsommer. „Der rote Staub ist nicht gefährlich“, sagt Farré. „Es ist der weiße Staub, der mir Sorgen macht.“ Immer Sonntags fliege dieser Staub durch die Gegend. Und wenn der Mistral weht, seien Farrés Felder später weiß. Seine Schafe lässt er dort nicht mehr weiden.

Unternehmen bestreitet Umweltverschmutzng

Bei Altéo wissen sie nichts von dem weißen Staub. Das Unternehmen präsentiert lieber seine Anstrengungen, die Umwelt weniger zu belasten. Zwei Filterpressen haben sie entwickelt, um den Rotschlamm zu klären. Seit Anfang dieses Jahrer sollen nur noch Abwässer ins Mittelmeer geleitet werden, kein weiterer Rotschlamm. Die Abwässer enthalten allerdings ebenfalls verflüssigte Metalle und Chemikalien. Weniger konzentriert als im Rotschlamm, aber immer noch höher als die Barcelona-Konvention, ein von Frankreich unterschriebenes Abkommen zum Schutz des Mittelmeers, erlaubt. Für Altéo ist das kein Problem. Aus Sicht der Firma ist gar nicht erwiesen, dass Rotschlamm und Abwasser schädlich für die Umwelt sind. „Wir haben etliche unabhängige Gutachten in Auftrag gegeben. Keines hat einen schädlichen Einfluss unseres Ausstoßes auf Fische und Pflanzen im Mittelmeer feststellen können“, sagt Altéo-Sprecherin Amélie Ranger. Wer im Gespräch das Adjektiv „giftig“ in den Mund nimmt, wird sofort korrigiert: Solange das nicht bewiesen sei, dürfe man es auch nicht benutzen.

Feierabendverkehr in Marseille. Ein Motorrad überholt von rechts, ein Autos nimmt die Vorfahrt. Christian Guillaume bringt das nicht aus der Ruhe. Seelenruhig navigiert er durch die Stadt. Fast so, als befände er sich nicht in den kleinen Gassen, sondern weit draußen auf dem Mittelmeer. Der Umweltaktivist glaubt Altéo kein Wort. Für ihn ist klar, dass die Fabrik giftige Stoffe ins Mittelmeer leitet. Auch die Fischer merken das, ihnen gehe kaum noch etwas ins Netz. Und wenn doch, dann seien das von Rotschlamm überzogene Fische, die kein Mensch essen könne. Christian Guillaume, der so ruhige Mann, wird plötzlich aufbrausend. „Das muss endlich aufhören!“

Trügerische Sicherheit

Um seine Empörung zu verstehen, muss man wissen, dass das Rohr den Schlamm mitten in einen Nationalpark leitet. Einen gesetzlich geschützten Raum, in dem die Natur Vorrecht hat vor dem Menschen. Die Calanques sind im Jahr 2012 zum Nationalpark geworden. Guillaume, der mit dem Verein Union Calanques Littoral 20 Jahre lang für die Einrichtung des Nationalparks gekämpft hat, dachte: „Endlich ist Schluss mit der Verschmutzung.“ Doch dann wandte sich Altéo an den Präfekten, um eine Erlaubnis für seine Abwasserentsorgung zu beantragen. Über das gleiche Rohr. Das Abwasser soll sich laut Altéo in den Weiten des Meeres verteilen. Doch Guillaume befürchtet, dass es durch die Strömung und den Wind in Richtung Küste getrieben wird. Direkt zu den Stränden.

Stephane Bouillon, der Präfekt des Départements, hat seine Erlaubnis mittlerweile gegeben. Eine von ihm eingesetzte Untersuchungskommission hat sich dafür ausgesprochen. Und selbst der Nationalpark ist einverstanden, dass Altéo sein Abwasser ins Meer leitet. Die Begründung geht so: Wenn wir es verbieten, wird die Fabrik in ein anderes Mittelmeerland abwandern und dort unter weniger strengen Vorschriften das Meer stärker verschmutzen. Außerdem sind im Verwaltungsrat des Nationalparks viele Lokalpolitiker vertreten, die Angst vor einer steigenden Arbeitslosigkeit haben. Von Anfang an hatte Altéo klargemacht, dass das Werk geschlossen werde, falls die Erlaubnis nicht erteilt werde. Davon seien dann 700 Arbeitsplätze betroffen.

Die Frau, die sich bei der Klimakonferenz noch als Verfechterin des Umweltschutzes profiliert hat,  konnte Altéo nicht stoppen. Ségolène Royal, die französische Umweltministerin, hat sich mehrfach kategorisch gegen eine Verlängerung der Lizenz für die Fabrik ausgesprochen. Aber gegen ihren Kollegen und Industrieminister Emmanuel Macron konnte sie sich nicht durchsetzten. Denn die Regierung hat versprochen, alles dafür zu tun, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Für den Umweltschutz müssen andere kämpfen. Christian Guillaume und sein Verein haben schon angekündigt, im Zweifelsfall vor Gericht zu ziehen.

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