Kübra Gümüsay

„In Deutschland wurde ich die ganze Zeit angestarrt“

Kübra Gümüsay
Kübra Gümüsay

Im Jahr 2010 war Großbritannien laut Eurostat das EU-Land mit der höchsten Zuwanderung. Klappt Integration dort besser? Gut einschätzen kann dies Kübra Gümüşay. Die heute 25-Jährige ist vor zwei Jahren von Deutschland nach Großbritannien gezogen,  prägt aber immer noch die Debatte um Integration in ihrem Heimatland entscheidend mit. Auf ihrem Blog „Fremdwörterbuch“ schreibt sie über Politik, Rassismus und Islam. 2013 hat sie im Kampf gegen Alltagsrassismus den Hashtag #SchauHin ins Leben gerufen. Aktuell arbeitet Gümüsay als Social-Media-Beraterin an der Saïd Business School der Universität Oxford. Dort hat Siri Warrlich sie getroffen.

Siri Warrlich: Liebe Kübra, vor einiger Zeit bist du von Berlin nach Oxford gezogen. Da du nun den Vergleich hast, wollen wir heute mit dir über Integration in Deutschland und Großbritannien reden. Allerdings kritisierst Du auf deinem Blog, dass „die Türkin“ oder „der Türke“ alles über die eigene Minderheit sagen kann und es „dann schon stimmen wird“. Du mahnst an, dein Wort nicht blind für bare Münze zu nehmen. Macht es dann überhaupt Sinn, dass wir dieses Interview führen?

Kübra Gümüşay: Wenn du mich nur deshalb zu diesen Themen interviewen würdest, weil ich Muslimin bin, dann wäre es sinnlos. Sinnvoll ist es, wenn du mich deshalb dazu befragst, weil du meine Texte gelesen hast und meine Gedanken interessant findest und daran anknüpfen möchtest. Aber allein die Tatsache, dass jemand einen bestimmten Hintergrund hat, qualifiziert diese Person nicht, sich als Experte über diese Themen zu äußern. Aber überhaupt: Für bare Münze sollte man auch „Experten“ nicht nehmen.

SW: Auf der anderen Seite kommt diese „Deutungshoheit“ vielleicht daher, dass es immer noch viele Menschen in Deutschland gibt, die keine Vorstellung davon haben, wie Muslime in Deutschland leben – einfach deshalb, weil sie selbst keine kennen. Welche Möglichkeiten siehst du, das zu ändern?

KG: Das liegt in der Verantwortung der einzelnen Menschen. Man kann nicht jemanden, der einer bestimmten ethnischen oder religiösen Minderheit angehört, als einzige Informationssäule verwenden und erwarten, dass alles, was diese Person sagt, dann auch unbedingt richtig sein muss. Diese Personen sind nicht zwangsläufig Experten in dem Gebiet, werden aber oft trotzdem so behandelt. Viele junge Muslime zum Beispiel laden sich diese Bürde auf und haben das Gefühl: Oh Gott, ich muss Islamwissenschaften oder Theologie studieren, weil mich alle über den Islam ausfragen. Ich muss also alles wissen. Aber Muslime sind keine laufenden Informationssäulen über den Islam.

Selbstverständlich kann man Freunde dazu fragen, aber sie sind nicht in der Verantwortung, alles und jeden über die eigene Hautfarbe, Religion oder Herkunft aufzuklären. Es ist die Verantwortung eines jeden Menschen, sich selbst zu informieren. Gestern hat ein Freund von mir einen Link gepostet und behauptet, er habe jetzt die perfekte Informationsseite zum Thema Rassismus gefunden – der Link führte zur Startseite von Google. Das fand ich lustig, denn es macht deutlich: Es ist wirklich nicht schwer, sich zu informieren – es gehört einfach ein wenig Eigenarbeit dazu.

SW: In einem Interview mit dem „fluter“ hast Du gesagt, dass offenes, alltägliches Misstrauen oder gar Aggressivität gegenüber Muslimen in Deutschland seit der Veröffentlichung von Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ zugenommen haben. Wie nimmst du den Alltag als junge Frau mit Kopftuch in Großbritannien im Vergleich dazu wahr? Ist es dort anders als in Deutschland?

KG: Es gibt große Unterschiede. Man muss natürlich betonen, dass ich in Großbritannien bisher nur in London und Oxford gelebt habe. Und das sind Orte, an denen Multikulturalität mehr oder weniger selbstverständlich ist – oder die Menschen zumindest so gebildet sind, dass sie genug Anstand haben, es nicht zu zeigen, wenn sie rassistisch sind. Diese Städte stehen nicht repräsentativ für den Rest des Landes. Nach dem Woolwich-Mord [an einem englischen Soldaten auf offener Straße in London im Mai 2013, nach eigenen Aussagen der Mörder verübt als Racheakt für die Morde an Muslimen durch englische Streitkräfte; Anm.d.Red.] hörte ich von muslimischen Freunden in London, dass sie vorsichtshalber Zuhause geblieben sind, weil sie sich unsicher fühlten und weil von öffentlichen Anfeindungen die Rede war.

Als ich mit 21 Jahren zum Studieren nach England kam, habe ich mich hier innerhalb von zwei Wochen heimischer gefühlt als in meiner gesamten Zeit in Deutschland. Das war bedrückend, weil mir erst damals bewusst geworden ist, dass ich mich bis dato in Deutschland nicht wirklich heimisch gefühlt hatte – auch nicht in der Türkei, wo meine Eltern herkommen.

Das lag bei mir unter anderem an zwei Sachen. Zum einen: Wenn man in London am Flughafen ankommt, sieht man Polizistinnen und Beamtinnen, Menschen, die den Staat repräsentieren. Und man merkt, dass sie tatsächlich die demografische Vielfalt des Landes widerspiegeln – eine mit Kopftuch, ein Sikh mit Turban, ein Schwarzer, ein Pakistaner, Weiße, also unterschiedliche Ethnien, Hautfarben und Religionen. Das ist absolut selbstverständlich und niemand hinterfragt dort deren Autorität und Loyalität. Das geht dann natürlich über den Flughafen hinaus, in andere Bereiche des öffentlichen Lebens in der Stadt.

Der zweite Grund war: Im alltäglichen Leben, auf den Straßen, in den U-Bahnen oder im Bus hatte ich nicht das Gefühl, dass man mich als Fremdobjekt betrachtete. Niemand hatte mich und mein Kopftuch angestarrt – das war in Deutschland anders. Dort spürte ich das ganz deutlich. Oder besser gesagt: Ich habe es in Deutschland nicht permanent im Bewusstsein gehabt, weil ich damit aufgewachsen bin und das Starren zur Normalität wird. Erst als ich hier in England den Vergleich hatte, habe ich gemerkt, dass das Starren, das ich in Deutschland an vielen Orten erlebt habe, nicht normal ist.

SW: Im ZeitCampus Magazin hast du vor einiger Zeit explizit die abweisende und teilweise diskriminierende Einstellung von Studenten und Professoren an deutschen Unis gegenüber Muslimen scharf kritisiert. Einer Bekannten von dir, die mit Kopftuch zur Vorlesung erschien, wurde gesagt: „Die Putzkammer ist da hinten!“. Mittlerweile hast du selbst in England studiert – wie nimmst du die Unterschiede speziell an der Uni wahr?

KG: Ein Unterschied von 180 Grad. Ich habe an der SOAS [School of Oriental and African Studies der University of London; Anm.d.Red.] studiert, die natürlich auch nicht repräsentativ ist, weil sie eine Art Paradiesvogel unter den Universitäten ist. Als Beispiel: Der Präsident der LGBT Society [Lesbian, Gay, Bisexual, Trans; Anm.d.Red.] war ein Muslim und die Präsidentin der Palestine Society war Israelin – und das schien überhaupt kein Problem zu sein, zumindest beobachtete ich keine Diskussion darüber. Mir schien: Dort entscheidest du selber, wer du bist und wie du gesehen werden möchtest.
Ein anderes interessantes Erlebnis: Ich habe erst dort gemerkt, dass ich in Deutschland an der Uni in manchen Situationen nicht ernst genommen wurde. Man merkt Probleme nicht, wenn man sie nicht als Problem erkennt. Und man erkennt sie häufig erst als Problem, wenn man einen Vergleichswert hat. Und das hatte ich mit meinem Studium in England.

SW: Hat dich der Aufenthalt hier persönlich verändert? Was nimmst du aus England mit, wenn du irgendwann nach Deutschland zurückkehrst?

KG: Ich habe noch keinen abschließenden Umgang mit meinen Erfahrungen in England gefunden. Aber aktuell merke ich: Ich sehe Deutschland viel gelassener, wenn ich hier bin. Mich nehmen Diskussionen, Debatten und Diskurse nicht so sehr mit wie früher. Der Abstand tut mir gut. Auch der Vergleich, den ich habe. Ich hatte hier kürzlich eine Präsentation vor dem International Board der Business School der Universität Oxford, wo ich derzeit arbeite. Es war ein sehr befreiendes Gefühl zu merken: Hier sitzt eine Runde von Managern großer, internationaler Firmen und sie achten nur darauf, ob das, was du sagst, Sinn macht oder nicht – was ich auf dem Kopf trage, welche Religion ich habe, spielt hier keine Rolle. Auch in Deutschland hatte ich immer wieder das Glück, an Orten zu arbeiten, wo ich spürte: Hier zählt mein Talent, hier zählt mein Wissen und ich werde ernst genommen für das, was ich sage. Aber in einem Land, in dem ich ja eigentlich Fremde bin, diese Unvoreingenommenheit zu spüren, hat mich sehr bewegt.

Ich bin immer noch sehr oft in Deutschland. Wenn ich dort bin, merke ich, dass ich manchmal weniger Geduld gegenüber Intoleranz habe als früher. Ich denke mir dann: Also sorry, aber ein paar Kilometer weiter ist das überhaupt kein Problem und jetzt kommst du hierher, in dein Heimatland, in das Land, wo dir deine gesellschaftliche Akzeptanz wichtig ist und viel bedeutet, und musst dir diese Sprüche anhören. Get over it, denke ich dann. Deutschland ist ein buntes Land, diese Menschen könnten endlich mal anfangen, das zu zelebrieren statt zu hassen.

Die Debatte 1 Kommentar

  1. 1. Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht

    Die ganze Debatte um Ausländer ja/nein, Kopftuch ja/nein, Moslem ja/nein spielt sich meines Erachtens in den Köpfen eines jeden Einzelnen ab. Wir sind das christliche Abendland und die Kirchen lehren, daß nur der Christ der Errettete ist. Deswegen auch die Kreuzzüge. Das macht den Westeuropäer aber nicht zum besseren Menschen. Alles nur auf die Schiene “Nazi” zu schieben ist billig und löst nicht die Frage.

    Die Christen sind nicht besser und nicht schlechter als die Muslime. Beide sollten sich auf die Gründer besinnen. Ich denke immer häufiger darüber nach, wie Jesus den Matthäus als Jünger bestimmt hat. Matthäus, der Steuereinnehmer, einer der gehassten Personen – damals. Jesus geht an ihm vorbei und sagt “Folge mir nach”. Nicht mehr. Keine Bedingung, “Dann musst du aber andere Kleidung tragen”, “du darfst kein Kopftuch tragen”, “du darfst dies und das nicht und du mußt dies und das tun”. Nein, einfach nur “komm mit”.

    Das beschämt mich, wenn ich ohne Grund denke “schon wieder so eine Vermummte”. Und dann mache ich mit Menschen so tolle Erfahrungen, die eigentlich nicht in mein Weltbild passen, weil sie z.B. tätowiert sind.

    Ich habe neulich gelesen, daß Menschen andersartiges ablehnen, weil sie eigentlich selbst auch so sein wollen, aber nicht den Mut dazu haben.

    Also: wieviele deutsche Frauen würden gerne auch ein Kopftuch tragen? Sie tun es aber nicht, weil in ihren Köpfen geschrieben steht “Wenn du Kopftuch trägst, bist Du auch so eine von denen. Und als gute deutsche Frau kannst du dir das nicht leisten”.

    Welch eine Unsinnigkeit! ich schätze mich als so offen ein, daß ich auch mit einem Hijab auf die Straße gehen würde. Wenn Frau, warum nicht auch Mann? Was nehmen sich Männer eigentlich gegenüber den Frauen an Rechten heraus?

    Ich trage Kilts und Röcke. Viele Leute sagen “Toll”! aber haben selbst keinen Mut dazu. Das ist es. Der einzelne hat keinen Mut. Dann muss die Gruppe her.

    Aber sowohl Jesus, als auch Mohammed haben den Menschen gesgt, daß sie Kraft von Gott / Allah bekommen.

    Gott hat die Menschen erschaffen. Es gibt keine 2000 Götter, die 2000 Menschenpaare erschaffen haben. Der Streit Gott Jahwe, oder Allah lohnt sich also nicht. Es ist ein Gott im Himmel, zu dessen Ehre er uns Menschen geschaffen hat.

    Und zur Ehre Gottes passt es nicht, Menschen, die anders sind als ich, zu diskiminieren.
    Also: dann probiere ich als erster Mann Hijab zu tragen. Wer bringt mir bei, wie ich ihn binde? Ich glaube, das wird ein Spaß! Ich hoffe nur, es beleidigt weder die Frauen, noch die Männer, ich will mich nicht lustig darüber machen, ich finde diese Art der Kopfbedeckung hübsch und meine persönliche Meinung: Männer müssen mutiger werden.