Foto: Verena Balschus

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Irgendwo in der Mitte

Zeynep und Deniz sind jung, weiblich und türkisch. Sie sind irgendwie auch europäisch, zumindest wirkt das manchmal so, nachdem sie ihr Auslandssemester in einer europäischen Großstadt verbracht haben. Religiös sind sie auch, fünf Mal am Tag beten macht aber eben auch keiner mehr.

Konstanze Nastarowitz hat für den Europablog mit den beiden befreundeten Studentinnen über ihre Erziehung und ihr Elternhaus, ihre Vorstellungen von Ehe und Familie gesprochen und auch darüber, wie sich all das verbinden lässt. Heraus kam das Porträt zweier junger Türkinnen Anfang 20, zwischen Tradition und Moderne. Eben „irgendwo in der Mitte“.

Zu Beginn des Gesprächs in einem türkischen Café sprechen Zeynep und Deniz über ihre Beziehungen. Sie erzählen von Eifersuchtsdramen, vergangenen Trennungen und davon, wie schwer es manchmal ist, einander zu vertrauen. Deniz ist mit ihrem Freund seit acht Monaten zusammen, Zeynep führt seit anderthalb Jahren eine Beziehung. Ein ganz normales Gespräch zwischen Mädchen eben, das sich genau so auch in einem Café in Berlin oder in einer WG-Küche in Dresden abspielen könnte. Ein Chor aus „Ja ich weiß, wovon du sprichst!“ und „Genau, das macht mein Freund auch immer!“, in den vermutlich auch jede deutsche Studentin einstimmen könnte. Alles ganz normal also.

Nicht normal ist es aber, dass Zeyneps Eltern auch nach anderthalb Jahren Beziehung nichts von ihrem Freund wissen, noch nicht einmal ahnen, dass ihre Tochter mit Anfang 20 vielleicht vergeben sein könnte. Ungewöhnlich ist es auch, dass Deniz sich überlegen muss, wie sie ihre Beziehung weiterführt, wenn sie nach dem Studium vorübergehend wieder bei ihren Eltern einzieht. Schließlich kann ihr Freund sie ja da nicht einfach besuchen kommen, ihr Vater weiß nichts von ihrer Beziehung.

Die beiden finden das nicht ungewöhnlich, diese Verschwiegenheit den Eltern gegenüber. Man umgeht das Thema eben irgendwie. „Meine Geschwister wissen Bescheid. Mein großer Bruder hat letzte Woche eine SMS auf meinem Handy gefunden und ab da war ihm irgendwie klar, dass ich einen Freund habe. Ich meinte dann zu ihm, dass es da wen gibt, mit dem ich gerne Zeit verbringe und Gespräche führe. Er hat mir nur gesagt, dass ich vorsichtig sein soll. Viel länger haben wir über das Thema nicht gesprochen“, erzählt Zeynep, die mit ihrem Bruder auch zusammen wohnt. Ihren Eltern erzählt sie aber nach wie vor von nichts, auch wenn ihre Mutter sie manchmal im Verdacht hat, weil sie bei Heimatbesuchen zu oft auf ihr Handy starrt: „Den beiden werde ich von meinem Freund erzählen, wenn ich sicher bin, ihn heiraten zu wollen. Momentan ist mir das einfach zu viel Druck.“

Deniz sieht das ähnlich. Sie kommt aus einem etwas liberaleren Elternhaus als Zeynep, aber auch sie hat bisher nur ihrer Mutter von ihrer Beziehung erzählt. Alles Weitere soll dann folgen, wenn es ernst wird. Und „ernst“ bedeutet hier eben Heirat.

„Ernst“ soll es nach Ansicht der jungen Studentinnen etwa mit 25 Jahren werden. Dann können sie sich vorstellen, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Damit ist Zeynep ihrer Mutter um einiges hinterher – diese hat geheiratet, als sie gerade einmal 16 Jahre alt war. Das mag daran liegen, dass Zeyneps Eltern aus einer sehr konservativen Großstadt in der Türkei kommen. Aber überhaupt, findet Zeynep, ändern sich eben gerade einfach die Zeiten. Auch in der Türkei.

Deswegen will Deniz zum Beispiel auch, das ihr Ehemann später im Haushalt hilft. Früher sei das anders gewesen, aber heute sei vielen jungen Türkinnen eben auch eine gleichberechtigte Partnerschaft wichtig. Wenn beide arbeiten, müssen auch beide mal Geschirr abwaschen. Gleichberechtigung in der Beziehung – das klingt in diesem Kontext plötzlich ganz selbstverständlich.

Irgendwie sind Zeynep und Deniz auch religiös. Sie waren wohl auch schon mal religiöser, bevor sie ausgezogen sind und ihr Studentenleben fern von Eltern und Familie begonnen haben. Trotzdem findet Deniz, sie sei irgendwie konservativ. Aber natürlich bete sie nicht fünf Mal am Tag. Das mache hier kaum jemand mehr. Aber ab und an zu Feiertagen eben doch. Das sei ihr sehr wichtig.

Das Kopftuch ist kein Spielzeug

Die Eltern der beiden sind da anders: Zeyneps Vater sitzt manchmal stundenlang in der Moschee, kümmert sich um die Verwaltung. Als sie 12 oder 13 war, wollte sie deswegen ein Kopftuch tragen, weil sie dachte, das könnte ihrem Vater gefallen. Obwohl ihre Mutter kein Kopftuch trägt, sah sie auf den Straßen ihrer konservativen Heimatstadt so viele verhüllte Frauen, dass die junge Zeynep der Meinung war, das wäre eine gute Idee. Ihre Mutter fand die Idee aber wohl nicht ganz so gut und erklärte ihr, das Kopftuch sei kein Spielzeug. Einmal aufgesetzt, lasse es sich schlecht irgendwann wieder absetzen, wenn es einem nicht mehr in den Lebensstil passt. Daraufhin hat Zeynep gewartet, bis sie älter wurde – und ist bis heute nicht verschleiert. So, wie es scheint, wird das auch so bleiben.

Obwohl Religion eine abnehmende Rolle im Leben der beiden jungen Türkinnen zu spielen scheint, so finden es die beiden trotzdem völlig normal, dass in der Schule und auch unter Freundinnen – sicher auch aus religiösen Gründen – wenig über Sexualität und Verhütung gesprochen wird. „Mir ist es gerade ehrlich gesagt schon unangenehm, das Wort „Kondom“ in den Mund zu nehmen!“, gesteht Deniz mit einem schüchternen Lächeln und schaut sich um, ob jemand an den Nachbartischen das Wort eventuell aufgeschnappt haben könnte. „Wir werden schon aufgeklärt“, erzählen die beiden, „ uns wird in der Schule erläutert, wie die Schwangerschaft abläuft und wie man ein Kind gebärt!“ Das sei doch Aufklärung. Von Kondomen und der Anti-Baby-Pille haben sie aber in der Schule nie etwas gehört, und von den Eltern auch nicht. Das erfahre man eben durch Freunde. Und manche junge Frauen, so wie Zeynep, wollen sowieso Jungfrau bleiben, bis sie heiraten. So früh müsse man doch auch noch gar nicht wissen, wie Verhütung funktioniert, findet Deniz. Und wenn man es doch wissen will, dann erfährt man das schon irgendwie von den Freundinnen. Grundsätzlich sind diese Gesprächsthemen aber wohl eher ungewöhnlich unter Freundinnen. Nur mit den ganz engen Bekannten tauscht man sich über sowas aus. Deniz selbst hat ein halbes Jahr gewartet, bevor sie Zeynep von ihrem ersten Mal erzählt hat. „Ich habe mich geschämt!“, gesteht sie.

„In Europa sind eben alle etwas freier und offener“

Die Jugend ist die Zeit dieser ersten Male: Man trinkt das erste Mal Alkohol, hat den ersten Kuss, ist das erste Mal verliebt. Viele dieser ersten Male erlebten Zeynep und Deniz jedoch nicht in der Türkei, sondern in Europa. Beide verbrachten mit 19 und 20 Jahren ein Auslandssemester in einer europäischen Großstadt, Zeynep trank hier, fern von Mama und Papa, zum ersten Mal Alkohol. „In Europa sind eben alle etwas freier und offener“, erklärt Deniz. Dort sage einem niemand, was man zu tun und zu lassen habe. „Niemand interessiert sich dafür, was du tust, keine Eltern, keine Lehrer und keine Verwandten beurteilen dein Verhalten!“, erklärt Zeynep. Gerade deswegen habe sie sich für ERASMUS entschieden: Sie wollte endlich einmal frei sein, an einem Ort, an dem niemand sie kennt. Und frei ist man in Europa! Deniz erinnert sich daran, wie sie am Anfang ihres Aufenthalts eine junge Familie bei McDonalds beobachtete: Die Mutter saß auf dem Schoß des Vaters. Einfach so. Das hätte es in der Türkei nicht gegeben, meint sie. Von diesem Moment an war ihr klar, wie offen man in Europa ist. Hier haben die beiden Freundinnen dann auch gelernt, auf sich selbst aufzupassen. Sie reisten zu zweit mit einem Rucksack auf dem Rücken quer durch Europa, genossen die neu gewonnene Freiheit und veränderten sich. Erwachsener seien sie dort geworden, irgendwie reifer.

Und obwohl sie in Europa tun und lassen konnten, was sie wollten, fiel ihnen auch auf, was sie an der Türkei so schätzen: „Hier kümmert man sich umeinander“, erklärt Deniz. Trotzdem, meint sie, würde sie sich immer für Europa entscheiden.

Eltern bleiben Vorbild

Was die Zukunft den zwei jungen Frauen bringen wird und wann und wo sie einmal eine Familie gründen werden, das bleibt offen. Wenn sie einmal Kinder haben, dann wollen sie aber vieles genauso machen wie ihre Eltern. Sie wollen Karriere machen und Kinder haben, nicht nur Hausfrau sein. So haben ihre Mütter es ihnen vorgelebt. Ob Deniz´ Kinder in 5-10 Jahren vielleicht über ein paar mehr Themen mit ihr reden dürfen, als sie es mit ihrer Mutter konnte, lässt sie offen. Vielleicht über Drogen, über erste Erfahrungen mit Alkohol – aber über Sex? Nein, das will sie nun wirklich nicht von ihrer Tochter wissen. Auch Zeynep ist da vorsichtig, findet, dass Aufklärung auch über Freunde funktionieren kann, da müsse man nicht mit der Mutter drüber sprechen. „Auch wenn das sicher gut und gesund wäre!“, wirft Deniz ein. Irgendwie fänden die beiden das dann doch komisch. Ein Aufklärungs-Buch könnte aber vielleicht sinnvoll sein, geben sie dann zu. So als Geburtstagsgeschenk.

Einmal mehr wirft Zeynep ein, dass sich die Zeiten eben ändern. Das werde sie auch versuchen, zu beachten, wenn sie ihre Kinder erzieht. Nur werde es eben auch immer gefährlicher. Da müsse man Kinder vielleicht sogar noch mehr schützen.

Clopen-minded

Und so befinden sich Zeynep und Deniz nach wie vor manchmal im Zwiespalt: Sie leben das Leben vieler europäischer Mädchen, lieben Mode und kommen auch mal betrunken von einer Party nach Hause. Gleichzeitig kann es aber eben sein, dass man dann zu Hause dem großen Bruder im Flur begegnet und versuchen muss, möglichst unauffällig an ihm vorbeizukommen, ohne dass ihm auffällt, dass die kleine Schwester zu viel getrunken hat und am Ende vielleicht sogar die Eltern davon erfahren.

Sie seien schon mehr türkisch als europäisch, meinen die beiden beim Verlassen des Cafés. Traditionell, aber auch modern, „clopen-minded“, wie Zeynep es mit einem Grinsen ausdrückt. „Eben irgendwo in der Mitte“, findet Deniz.

 

 

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