Wem gehört Jerusalem? Wem gehört der Tempelberg? An der heiligen Stätte entzünden sich immer wieder Konflikte. Bild: Isabella Henkenjohann

Wem gehört Jerusalem? Wem gehört der Tempelberg? An der heiligen Stätte entzünden sich immer wieder Konflikte. Bild: Isabella Henkenjohann

Israel – ein Vorbild für Europa?

Der prüfende Blick auf den Sitznachbarn, Taschenkontrollen vor öffentlichen Gebäuden, Militär auf den Straßen: Es sind Banalitäten israelischen Lebens. Schließlich ist der Terror Alltag. Ist das auch die Zukunft Europas?

Einen Monat nach den Anschlägen von Brüssel gibt es neue Terrorwarnungen aus Belgien. IS-Kämpfer sollen laut der zentralen Einrichtung zur Bewertung der Terrorbedrohung Ocam nach Europa geschickt worden sein. Während sich Europa noch fragt, wie es den Terror bekämpfen kann, scheint Israel die Antwort darauf bereits zu kennen: Nehmt euch ein Beispiel an uns. Die europäische Vorsicht halten israelische Politiker und Journalisten für naiv. Die Anschläge in Brüssel bewertete die konservative Zeitung Jerusalem Post kurze Zeit später als „Ergebnis jahrelanger Fahrlässigkeit“.

 

Israelische Verhältnisse

„In Sachen Flughafensicherheit liegt Europa 40 Jahre hinter Israel zurück“, meint auch der frühere Vorsitzende der israelischen Flughafenbehörde, Pini Schif. Nach mehreren Anschlägen auf den Tel Aviver Flughafen in den 70er Jahren hat Israel dort ein komplexes Sicherheitsnetz aufgebaut. Schon auf der Straße zum Flughafen werden die Reisenden kontrolliert. Es ist der erste von elf weiteren Checkpoints bis zum Abflug. Das Sicherheitspersonal hat Zugriff auf Passagierlisten. Auffällige Personen werden lange befragt, das Gepäck gesondert kontrolliert. Racial Profiling durch Sicherheitskräfte und Militär ist dabei gängige Praxis – nicht nur am Flughafen, auch in den Straßen der Stadt.

Die intensive Überwachung durch die Geheimdienste wird von weiten Teilen der Gesellschaft akzeptiert. Der Apparat gilt als effizient und ist hervorragend vernetzt. In der Cyber-Tech-Branche sind die Israelis Vorreiter – schon heute greifen weltweit Staaten und Unternehmen auf ihr Know-how zurück.

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Mehr als 700 Kilometer ist sie lang, die Sperranlage zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten. Um dicht besiedelte Gebiete wie in Bethlehem eine Mauer, größtenteils ein elektronisch gesicherter Zaun. Bild: Isabella Henkenjohann

Umstrittener ist Israels Abschottungstaktik: Nicht nur an den Grenzen zu Ägypten, Syrien und Libanon, sondern auch um das Westjordanland stehen Zäune und Mauern. Gerade die Sperranlage zum Westjordanland wird international scharf kritisiert. Seit ihrer Errichtung ist die Zahl schwerer Anschläge zwar zurückgegangen, sie hat aber auch viele Einschränkungen für die palästinensische Bevölkerung mit sich gebracht.

Man ist sich in Israel bewusst, dass man den Terror mit den Maßnahmen gegen ihn auf kleinere Ziele umlenkt. Seit September erschüttert eine „Messer-Intifada“ das Land: Palästinenser griffen immer wieder Zivilisten und Soldaten mit Messern an. Die erneute Welle der Gewalt hat bislang knapp 30 Israelis, zwei Amerikaner und mehr als 180 Palästinenser das Leben gekostet. In den letzten Wochen ging die Zahl der Anschläge merklich zurück. Man begann, den Erfolg leise zu feiern. Doch es war eine trügerische Ruhe. Während sich im UN-Sicherheitsrat Israel und Palästina erneut ein heftiges Wortgefecht liefern, fliegt in Jerusalem ein Linienbus in die Luft. Viele Israelis fühlten sich an die zweite Intifada in den Jahren von 2000 bis 2005 erinnert, als es wiederholt Selbstmordanschläge auf israelische Busse gab. Einen Tag lang fürchteten sich die Israelis vor der dritten Intifada. Am nächsten Morgen standen wieder andere Themen auf der Seite Eins der Zeitungen. Terror bleibt in Israel Alltag.

 

„Euer Terror ist auch unser Terror“

Auch deswegen ist die Solidarität mit Europa groß. Kurz nach den Anschlägen in Brüssel richtet sich Israels Präsident Reuven Rivlin einem Kondolenzbrief an König Philipp: „Sadly, we, in Israel, are no strangers to the horror and grief that follows such murderous attacks and can understand the pain you all feel now. Terrorism is terrorism, whether it takes place in Brussels, Paris, Istanbul or Jerusalem.“ Der Schmerz mag der Gleiche sein, der Terror ist es nicht. Auch wenn die Bedrohung durch den Islamischen Staat wächst, noch greift der IS Israel nicht in großem Stil an. Der Konflikt heute ist ein nationaler. Es geht um Grenzen, Besatzung und Demütigung. Und auch um die Frage, welche Seite das größere Opfer ist. Die israelischen Siedler, die Familienmitglieder verloren haben, oder die palästinensischen Attentäter, die sich ihrer Zukunft beraubt sehen. Netanyahus oft aufgemachte Rechnung, palästinensische Attentäter seien muslimische Extremisten, man kämpfe gegen den gleichen Terror, geht allerdings nicht auf.

 

Was ist uns unsere Freiheit wert?

Israel schlägt mit aller Macht gegen die Gewalt zurück. Eine „dauerhafte Schlacht gegen den Terrorismus“ kämpfen zu wollen – das ist keine leere Drohung. Auch nach dem Busanschlag vor einer Woche wiederholte Ministerpräsident Netanyahu: „Wir werden mit diesen Terroristen abrechnen.“ Oft wird auch gegen die Familien der Attentäter hart vorgegangen. Immer wieder hört man von Häuserzerstörungen – Maßnahmen zwischen Abschreckung und Kollektivstrafe.

Friedenstaube mit kugelsicherer Schutzweste: Politische Kunst des Street Art-Künstlers Banksy auf den Mauern zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten.   Bild: Isabella Henkenjohann
Friedenstaube mit kugelsicherer Schutzweste: Politische Kunst des Street Art-Künstlers Banksy auf den Mauern zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten. Bild: Isabella Henkenjohann

Jetzt, über eines der wichtigsten Feste im Judentum, Pessach, wurden aus Angst vor weiteren Anschlägen für zwei Tage die Grenzen zum Gaza-Streifen und zur Westbank geschlossen. Keine unübliche Maßnahme, gerade für Pessach, aber jedes Mal ein Rückschlag für die Palästinenser, die in Israel arbeiten.

Die Härte ist Israels Erfolgskonzept bei der Terrorbekämpfung. Denn auch, wenn der Terror zum Alltag geworden ist, die Angst davor schwindet nie. Und so überwiegt das Verlangen nach Sicherheit den Wunsch nach Freiheit. Man nimmt den Preis in Kauf: Einschränkungen, Misstrauen, Hass. Das schmerzt in westlichen Augen.

Zäune, ein engmaschiges Sicherheitsnetz, Profiling – Israels Lösungen können keine Lösungen für einen Staatenverbund wie Europa sein. Auch weil sie die Freiheit, die uns die Terroristen nehmen wollen, einschränken. Eine andere Lektion kann Europa allerdings von Israel lernen: Man lässt sich das Leben nicht nehmen.

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