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Ist das Kunst, oder kann das weg? – Retake Roma „holt Rom zurück“

Rebecca Spitzmiller ist sauer. Die Hauswand der 58-jährigen ist mit Schmierereien besprüht. Gekritzel und Gekrakel, an die Mauer gesprayt in so mancher Nacht-und-Nebel-Aktion. Autor Unbekannt.
Spitzmiller ist von Haus aus Juristin und weiß: „Das ist Vandalismus“. Und der ist in Italien verboten. Sie greift zum Hörer und verlangt Unterstützung von der Stadt. Nach einem genauso langen wie lauten Telefonat mit einem römischen Beamten legt die Amerikanerin genervt wieder auf. Natürlich werde man ihre Mauer säubern, habe ihr der römische Beamte doch versichert: In frühestens vier Jahren und zu Kosten von mindestens 10.000 Euro.

 

Selbst ist die Frau
Spitzmiller will nicht warten. Sie ist sauer. Entschlossen macht die Jura-Professorin kurzen Prozess: 20 Arbeitsstunden und 45 Euro für Ofenreiniger später ist die Außenmauer sauber.
„Ich musste das Ganze noch zwei, drei Mal wiederholen“, erzählt sie Jahre später. Natürlich waren die Sprayer zurückgekommen.
Erstaunt über die einfache und kostengünstige Waschmethode ruft Spitzmiller ihre Freundin an. Auch die hat die „feigen Tags“ in der Stadt längst satt. Ein paar Tage später türmt eine Gruppe aus Italienern und Amerikanern den römischen Park Villa Borghese. Einen Samstag lang putzen und schrubben die Saubermänner und -frauen, was die Armmuckis so hergeben. Das ist die Geburtsstunde von Retake Roma.

Keine Kunst, sondern Kriminalität
Aus privat wurde öffentlich: Unter dem Namen „Retake Roma“ putzen Freiwillige seitdem Parks, Brücken und Kirchenmauern in Rom. Bevor Schmierereien von den Mauern Roms geputzt werden konnten, musste aber zuerst ein Sinneswandel vollzogen werden. Viele Italiener sehen den Putzdrang von Retake Roma skeptisch, denn: „Es liegt nicht in unserer italienischen Natur, diese Art von Arbeit zu verrichten“, gibt die Studentin Virginia Vitalone in einem Interview gegenüber dem U.S.-amerikanischen Sender CNN zu. Spitzmiller wirbt mit Gemeinschaft, und wenn es um „compagnia“ geht , sind die Italiener gerne dabei. Gemeinsame Schrubberei schaffe Beziehungen zwischen den Menschen, sagt sie. Man lerne sich kennen, beginne, sich um einander zu kümmern und: „Es bringt sie auch dazu, miteinander zu reden, auf eine Art, wie sie es sonst nicht machen würden.“ Das hat dann auch Virginia überzeugt. Gemeinsam mit mehr als 1200 Mitgliedern hilft sie beim Aufräumen. Die zivile Putzkolonne boomt. Und das schon seit fünf Jahren. Bei „Retake Roma“ arbeiten Menschen aus aller Welt und mit ganz unterschiedlichem Lebenshintergrund zusammen: Fünf Jahre alte Kinder sind genauso dabei, wie die Generation ihrer Großeltern.
Der achtjährigen Martina zum Beispiel macht die Arbeit bei Retake Roma „Spaß“: „Denn so helfe ich der Natur, gesund zu werden. Das ist nämlich wichtig, damit wir überleben können“. Ihre Retake-Kollegin Azzurra Baggieri (21) sieht das genauso. Sie geht in ihrer Freizeit gerne putzen, denn sie liebt ihre Stadt Rom und „was man liebt, das pflegt man, und lässt es nicht verkommen“, sagt die Studentin. Inzwischen geht es bei Retake Roma nicht mehr bloß um Graffiti: Auch Müll wird aufgesucht – je nachdem was gerade anliegt. Wer aufräume, zeige damit aber auch Respekt und Liebe für seinen Mitmenschen, genauso wie für die Welt. „Wände zu besprühen ist kein Kunstwerk, das ist Vandalismus“, betont Spitzmiller noch einmal.

Eigentlich ist es ganz einfach
Die Amerikanerin weiß, dass die meisten Graffitis von Jugendlichen stammen: Gelangweilten, nach Aufmerksamkeit gierenden Jugendlichen. Die Eltern seien in der Pflicht, genauer hinzuschauen: „Fragt eure Kinder, wohin sie abends gehen!“, appelliert Spitzmiller, die selbst Mutter eines Sohnes ist. „Und wenn ihr Farbe an den Händen eurer Kinder entdeckt und Sprayflaschen in ihren Schränken findet: Redet darüber!“ Denn wer glaube, dass wer anders für den Vandalismus verantwortlich sei, der habe nicht verstanden worum es eigentlich gehe. Es sei ja so, wie Papst Franziskus es mal gesagt habe, findet Spitzmiller: „Es beginnt bei jedem einzelnen von uns. Hab keine Angst, etwas anders zu machen und das Leben voll auszuschöpfen. Verschlaf es nicht. Du musst aufwachen und rausgehen“, zitiert die Amerikanerin den Argentinier und fügt selbst hinzu: „Und wenn du ein Problem siehst, dann versuch es gefälligst zu lösen.“

Um die Graffiti von Hauswänden zu lösen, brauchen die Freiwilligen mittlerweile nur noch einen Kratzer und Wasser mit Seife. Eine Kirche an einem Tag, das sei machbar. Bei Backsteinmauern helfe allerdings oft nur noch der Griff zu Pinsel und Farbe, denn die Sprühfarbe sei meistens schon zu tief im Stein verankert, wissen die Experten von Retake Roma. Dann malen die Freiwilligen das Graffiti einfach über. Es ist, als klebten sie der Mauer ein „Kinderpflaster“ auf, das so lange halten muss, bis die Stelle professionell gesäubert wird. „Es ist keine hoffnungslose Sache, es ist eigentlich so einfach“, sagt Spitzmiller.

„Dreck steckt an“
Gesagt, getan? Nicht in Rom. Die zunehmende Zahl von Graffitis und Schmierereien verschlechtert nicht nur das Stadtbild, im anarchisch tolerierten Sprayen ein Zeichen spiegelt sich auch eine neue römische Lässigkeit wieder: Wenn Dinge in Unordnung hinterlassen werden, glauben die Menschen, dass es niemanden gibt, der sich kümmert. Wenn Leute Müll auf den Straßen sehen, werfen sie ihren Müll dazu. Das kann sogar die Annahme fördern, dass Kriminalität okay sei: Die Kriminalitätsrate steigt. Experten nennen das das „kaputte Fenster-Syndrom“.

Dabei liegt die Lösung auf der Hand und steht ja sogar im Gesetz: „Die Stadt wäre sauber. Sie könnte sauber sein in einer Woche, wenn die Menschen endlich für ihre eigenen Häuser, Kirchen und Parks die Verantwortung übernehmen würden“, seufzt Spitzmiller und schüttelt den Kopf. Das ist auch (wie so vieles) gesetzliche Pflicht in Italien. Aber, (wie so oft) werde das Gesetz nicht durchgesetzt, die Sache sei längst außer Kontrolle geraten.
Der untätigen Justiz in Italien zum Trotz putzt Retake Roma fleißig weiter. Über ihre Facebook-Seite geben sie anderen Römern individuelle Tipps zur Graffiti-Vernichtung. Das werde immer mehr nachgeragt, sagt Spitzmiller. Langsam käme es auch zu Veränderungen in den Nachbarschaften, in denen Retake Roma schon gewienert habe: Die Menschen seien seitdem aufmerksamer und würden ihre Hauseingänge sauber halten. Das ist ein Anfang.

Wenn sie an einer Ampel steht und einen Sticker sieht, knibbelt sie ihn mit dem Messer vorsichtig ab. Für diese Fälle hat Spitzmiller jetzt immer ein kleines Taschenmesser dabei. Sie ist keine Italienerin und setzt sich dennoch mehr für die Stadt ein, als so mancher Römer. Rebecca Spitzmiller ist guter Dinge. Immerhin: Ihre Straße ist Graffiti- und Stickerfrei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Debatte 1 Kommentar

  1. 1. Danke, Marion Sendker, für diesen hervorragenden Bericht über Retake Roma

    Mit Gruppen wie unserer, die sich mittlerweile im ganzen Land bilden, werden die Ziele der Retake-Bewegung zu einer nationalen Leidenschaft: Wir organisieren landesweite Aufräum-Tage und teilen unsere Erfahrungen. Ich bin zwar als Amerikanerin geboren, habe aber seit 1991 auch die italienische Staatsbürgerschaft: Für mich ist es nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, mich einzusetzen und alles zu geben, was auch immer nötig ist, um mich um meine Stadt und mein Land zu kümmern.

    Über die Schulungsangebote von Retake Roma habe ich mit Hunderten von Schulkindern gesprochen, die Fachleute sind, wenn es um Graffitis geht: Sie, oder ihre Klassenkameraden, sind immerhin die „Täter“. Sie erzählen mir, dass die meisten Graffitis aus „Spaß“ entstehen, Sprühen sei eine Art Sport. Und es stimmt ja: Graffitis setzen ein starkes Zeichen von Rebellion und Frustration, und vielleicht drücken zumindest ein paar Vandalen mit ihrem größtenteils inhaltslosen Kritzeleien absichtlich eine Botschaft über das Scheitern der Gesellschaft aus.
    Was dabei aber so beunruhigend ist, ist ihre Anti-Produktiviät: Anstatt Lösungen vorzuschlagen oder zu versuchen, die Probleme selbst zu lösen, scheinen die „Schriftsteller“ irgendwie zu glauben, dass Sprühen und die Umgebung zu verschmutzen ihre einzige Option sei. Dabei ist eine einfache Lösung doch für jeden Menschen greifbar nahe: Jeder kann doch zum Beispiel einfach damit aufhören, die eigene Stadt zu vermüllen, und anzufangen, aufzuräumen und Privateigentum auch als solches zu wahren.
    Man muss sich einmal vorstellen, wenn die gleiche Masse an Energie und Passion in positive Handlungen fließen würde, zum Beispiel in das Anmalen von rostigen Gittern und Halterungen, in das Putzen von dreckigen Mauern oder in Unkrautrupfen.
    Das ist, was wir mit Retake Rome versuchen: Es ist eine Art Jiu-Jitsu, um die negative Energie in heilende Aktionen zu wandeln und Spaß daran zu haben. Das Gegenteil zu tolerieren ist lächerlich und ignorant, und es beweist, dass hier etwas tatsächlich ziemlich schief läuft.
    Sicherlich trifft auch meine Generation Schuld, indem wir den jungen Menschen nicht (genug) Richtung und Führung gegeben haben. Das Problem ist so allgegenwärtig, dass niemand davon ausgeschlossen ist, und doch übernehmen nur so wenige die Verantwortung, während die meisten noch nicht einmal merken, dass es überhaupt ein Problem gibt. „Sono ragazzate“ („Das sind Dummjungenstreiche“), ist ein beliebter Spruch der Eltern, die sich damit vor ihrer Verantwortung drücken und sich ganz bequem der Notwendigkeit versagen, überhaupt irgendetwas zu tun.

    Bei Retake Roma fördern wir legale, künstlerische Ausdrucksweisen, und arbeiten, um Kindern und der Öffentlichkeit den Unterschied zwischen Kunst und Vandalismus beizubringen, um das erste zu fördern und das letzte zu bekämpfen. Es ist wichtig, dass Rom weiterhin seine Geschichte als Stadt der Künste wahrnimmt. Um das zu können, muss die Stadt nicht nur sauber sein, sondern natürlich auch vor Kreativität strotzen und Zentrum für innovative, kreative Ausdrucksweisen sein, einschließlich Straßenkunst. Wir arbeiten deswegen zusammen mit Künstlern und beziehen Kinder und junge Menschen ein, um kreative Werke zu schaffen. Vieles davon kann man sich am besten auf Fotos anschauen. Schau doch mal vorbei auf unserem blog (our blog ) oder besuch uns auf Facebook! (Facebook page).