Die Essalam-Moschee in Rotterdam (Foto: Fabian Scheiffele)

“Ist die Moschee erst einmal da, funktioniert sie einfach”

Der niederländische Politikwissenschaftler Marcel Maussen erforscht seit vielen Jahren, wie sich die Toleranz gegenüber dem Islam entwickelt. Theresa Lieb hat ihn in Amsterdam dazu befragt – und mit ihm auch über den Einfluss von Geert Wilders auf das niederländische Islambild und die Bedeutung der bevorstehenden Europawahlen für den europäischen Islam gesprochen.

Theresa Lieb: Herr Maussen, wie entwickelt sich die Toleranz gegenüber dem Islam in den Niederlanden und generell in Westeuropa? Sehen Sie eine eher positive oder negative Tendenz?

Marcel Maussen
Marcel Maussen

Marcel Maussen: In den Niederlanden gab es nie viel Enthusiasmus für den Islam, auch nicht in der Anfangszeit der 70er Jahre. Nicht viele Leute dachten: „Toll, dass wir jetzt Muslime haben. Jetzt können wir den Orient in unserer Nachbarschaft erleben!“ Damals war es eher der Fall, dass die Leute dachten, der Islam würde ihr Leben nicht viel besser machen, weshalb sie ihn lieber nicht in der Nachbarschaft hätten. Je nach Größe der Moscheen kam es dann zu ein paar Protesten. Besonders nach dem 11. September 2001 erlebten wir jedoch eine rhetorische Veränderung. Es gibt jetzt eine viel größere Akzeptanz dafür, sich negativ über den Islam zu äußern. Heute ist es kein Problem zu sagen, dass man Moscheen hässlich findet oder dass Muslime einen stören. Anfang der 90er Jahre hätte das kaum jemand ausgesprochen. Die negative Stimmung war vor allem zwischen 2000 und 2007 stark und ist dann etwas weniger geworden. In den letzten Jahren wurde bei uns in den Medien nicht mehr so häufig über Burkas oder den Bau von Moscheen diskutiert. Und wenn, dann ging dies meistens von der PVV (“Partei für die Freiheit” von Gründer Geert Wilders; d. Red.) aus. Es scheint, dass die Wirtschaftskrise die Aufmerksamkeit für Islamthemen reduziert hat.

TL: Wie stark ist der politische Einfluss von Demonstrationen gegen den Islam? Der Bau der Essalam-Moschee in Rotterdam beispielsweise wurde durch Proteste und Konflikte mehrere Jahre verzögert. Was waren die Ursachen hierfür?

Die Essalam-Moschee in Rotterdam (Foto: Fabian Scheiffele)
Die Essalam-Moschee in Rotterdam (Foto: Fabian Scheiffele)

MM: Man kann nicht sagen, dass Proteste gegen den Islam immer aufgrund von Islamfeindlichkeit entstehen. Das ist nur ein vereinfachtes Bild, das oft von den Medien produziert wird, die wichtige Hintergrundinformationen weglassen. Bei der Essalam-Moschee waren die Bauverzögerungen zum Beispiel hauptsächlich ein Resultat interner Konflikte. Der Sponsor kam aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die Moschee selbst ist aber marokkanisch. Viele Leute fürchteten deshalb, dass der Einfluss aus den VAE zu stark werden würde. Dann entstand eine große Diskussion über den Ort und die Architektur. Natürlich gab es auch ein paar Proteste von direkten Anwohnern, aber die gibt es bei großen Bauprojekten immer, egal ob es eine Konzerthalle, ein Fußballstadion oder eine Moschee ist. Bei den Moscheen bekommen diese Konflikte dann aber viel symbolische Aufmerksamkeit in den Medien. Wenn das Projekt aber abgeschlossen ist, hat das Drama meist schnell ein Ende. Ist die Moschee erst einmal da, funktioniert sie einfach in ihrem urbanen Kontext.

TL: Sind die Konflikte beim Bau von Moscheen überall ähnlich, oder gibt es regional starke Unterschiede?

MM: In der Diskussion gibt es zwei Ebenen. Generell geht es immer um den wachsenden Einfluss des Islam, um radikale Gruppierungen und darum, wie gut die Integration funktioniert. Es gibt dann aber auch eine Diskussion auf lokaler Ebene, die ganz unterschiedliche Inhalte haben kann. In Frankreich wurden zum Beispiel lange Zeit zentrale Moscheen in der Stadt als eine Art Kathedrale geplant. Diese wurden als Symbol eines starken, französischen Islam verstanden und sollten ein Treffpunkt für alle Muslime der Stadt werden. Es gab dann aber meist viele Konflikte zwischen den verschiedenen Strömungen des Islam und den verschiedenen Herkunftsgruppen. In Frankreich war der Bau einer Moschee durch die gewollte Bedeutung als zentrales Gebäude in der Stadt also viel komplizierter. Nach und nach wurden deshalb mehr Moscheen in den Nachbarschaften gebaut.  Diese ortsabhänige Diskussion ist mindestens genauso wichtig wie die generelle. Deshalb widerspreche ich der Idee, dass das größte Problem beim Bau von Moscheen die Akzeptanzfrage ist. Hierfür gibt es einfach zu viele andere Konfliktherde. Man muss übrigens auch sehen, dass es wohl keine starke Zunahme von neuen Moscheen mehr geben wird. Die meisten improvisierten Moscheen in normalen Gebäuden wurden inzwischen von funktionierenden Gebetshäusern abgelöst. Und obwohl die muslimische Bevölkerung noch wächst, führt dies nun wahrscheinlich nicht mehr zum Bau von vielen weiteren Moscheen.

TL: Wie stark ist der Einfluss von Geert Wilders und seiner rechtspopulistischen Partei PVV auf das Islambild in den Niederlanden? Ist es nur eine große Show oder verändert die PVV tatsächlich das religiöse Zusammenleben?  

MM: Die PVV hat tatsächlich einen starken Einfluss, vor allem seit sie ihre politische Agenda ausgeweitet hat. Sie richtet sich jetzt nicht mehr nur an Islamgegner, sondern auch an die niedrige Arbeiterklasse und an Europakritiker. Damit hat sie einen relativ großen Einfluss auf die Asyl- und Einwanderungspolitik. Momentan warnt sie zum Beispiel vor dem Zustrom osteuropäischer Arbeiter. Sie ist also sehr geschickt darin, solche Diskussionen zu starten, vor allem, weil  sie eine sehr gute Pressestrategie hat. Es gibt in der PVV zum Beispiel auch eine spezielle Arbeitsgruppe, um Gemeinden zu helfen, sich gegen den Bau von Moscheen zur Wehr zu setzten. Zum Projektstart vor eineinhalb Jahren wurden viele Fernsehteams und Journalisten in ein Gemeindehaus eingeladen. Dort haben sich kurz drei Leute negativ über Moscheen geäußert und die PVV bekam landesweite Aufmerksamkeit. Das Projekt ist aber keine politische Realität, es ist nur ein Medienevent, denn am Ende ist nichts passiert. Es ist also alles leere Rhetorik, die letztendlich aber hilft, die Meinung im Land zu manipulieren.

TL: Ist es realistisch, davon auszugehen, dass rechtsextreme Parteien in den bevorstehenden Europawahlen erfolgreich sind? Was würde dies für den Islam in Europa bedeuten?

MM: Es ist schon möglich, dass rechtsextreme Parteien viele Stimmen bekommen. Dafür müssen sie aber erfolgreich zusammenarbeiten. Für Wilders ist das ein strategisches Dilemma, weil er als Rechtspopulist von rechtsextremen Parteien gezielt Abstand hält. Vor kurzem war Marine Le Pen aus Frankreich hier, die ja selbst gerade versucht, der Front National ein neues Gesicht zu geben und vom Erbe ihres Vaters wegzukommen. In dieser Hinsicht wäre eine Kooperation möglich. Wilders wird aber etwa von deutschen oder griechischen rechtsextremistischen Parteien eher weiterhin Abstand halten. Falls sie aber doch in gewisser Weise zusammenarbeiten und eine gemeinsame Stimme haben, können sie relativ erfolgreich sein. Das würde islam-, immigrations- und europafeindliche Ideen natürlich im Allgemeinen stärker in den Blickpunkt rücken.

TL: Hätte dies eine Auswirkung auf die Religionsgemeinschaften auf lokaler Ebene?

MM: Die Stimmung wäre natürlich kälter, aber ich denke nicht, dass es eine große Veränderung geben würde. Eine Zunahme von Gewalt oder Demonstrationen gegen den Islam halte ich also für unwahrscheinlich.

Mehr Informationen über Toleranz und Akzeptanz von Islam gibt es auf der Homepage von Accept Pluralism, in dessen Forschungsteam Marcel Maussen unter anderem mitwirkt: http://www.accept-pluralism.eu/Home.aspx

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