Das Angebot auf dem Printmarkt ist politisch geprägt von den Eigentümern der großen Verlage: „Il Giornale“ gehört beispielsweise der Familie Berlusconi. Foto: Anna Klein

Journalismus in Italien: Medien, Macht und Mafia

Kirstin Hausen ist freie Journalistin und arbeitet seit über zehn Jahren in Italien. Aus Mailand berichtet sie als Auslandskorrespondentin für die öffentlich-rechtlichen Radiosender in Deutschland. Im Interview mit „Europa und wir“ sprechen wir mit ihr über die Eigenheiten der italienischen Medien, die Interessen dahinter und  die Bedrohung durch die Mafia.

Interview: Anna Klein

Auslandskorrespondentin Kirstin Hausen arbeitet seit über zehn Jahren in Mailand. Foto: Anna Klein
Auslandskorrespondentin Kirstin Hausen arbeitet seit über zehn Jahren in Mailand. Foto: Kirstin Hausen

Frau Hausen, Reporter ohne Grenzen stellt Italien ein ziemlich schlechtes Zeugnis in Sachen Pressefreiheit aus. Mit Platz 57 von 179 liegt das Land im europäischen Vergleich im unteren Drittel. Wie kommt das?

Italien gehört schon viele Jahre zu den Schlusslichtern in Europa. Das liegt an der starken Verquickung von Politik und Journalismus. Viele meiner italienischen Kollegen staunen beispielsweise über unser öffentlich-rechtliches System in Deutschland. Denn in Italien steht das staatliche Fernsehen unter direktem Einfluss der Regierung. Das Problem in Italien sind nicht irgendwelche restriktiven Gesetze, wie in anderen Ländern. Stattdessen existieren subtilere Gewohnheitsstrukturen, die sich im Laufe der Jahre festgefahren haben.

Was bedeuten diese Strukturen für die Arbeit der italienischen Journalisten?

Bei den italienischen Kollegen fällt ein gewisser Klientelismus auf. Sie finden über Verwandte und Bekannte in die Branche. Außerdem arbeiten Journalisten hier in dem steten Bewusstsein, wer ihr Arbeitgeber ist, also wer die jeweilige Zeitung oder den Sender besitzt. Wenn man also für die Gruppe Mediaset von Berlusconi arbeitet, weiß man genau, auf wessen Seite man steht und wie weit man bei einer Recherche gehen darf. Viele Journalisten üben sich in „vorauseilendem Gehorsam“. Wer Karriere machen will, darf sich mit bestimmten Themen gar nicht erst befassen. Und wer unabhängige Berichterstattung machen will, hat es schwer. Das erfordert wesentlich mehr Mut, als in Deutschland. Ein italienischer Kollege von mir hat schon massenweise Prozesse vor Gericht ausgefochten. Davon hat er zwar keinen einzigen verloren, aber diese Sanktionen in Form von hohen Geldstrafen schweben wie ein  Damoklesschwert über ihm.

Gerade hinsichtlich der Gesetzeslage gibt es in Italien immer wieder Vorschläge, die die Pressefreiheit einschränken würden. 2012 stand beispielsweise ein Gesetzentwurf zur Debatte, der speziell für Journalisten Haftstrafen wegen Verleumdung vorsah.

Das war ein klarer Versuch, Journalisten abzuschrecken. Konkret ging es um die Veröffentlichung von Abhörprotokollen. Diese Protokolle sind in Italien Grundlage für viele Gerichtsverfahren und dürfen seit einigen Jahren bei der Verhandlung veröffentlicht werden. Dadurch geraten peinliche Details ans Licht, besonders im Zusammenhang mit hochrangigen Politikern oder Unternehmern. Um zu verhindern, dass Journalisten darüber berichten, wollte man Haftstrafen einführen. Allerdings wäre ein solches Gesetz ganz klar verfassungswidrig gewesen.

Woher kam dieser Gesetzesentwurf?

Diese Idee kam aus dem politischen Lager von Berlusconi. Und dieses politische Lager hat bekanntlich häufiger Ideen, die nicht gerade besonders verfassungskonform sind.

Journalisten und Verleger haben massiv gegen das Gesetz demonstriert, das Parlament hat es schließlich abgelehnt. Wie schätzen Sie die Mediengesetzgebung in Italien insgesamt ein?

Die Gesetze selbst schränken die Pressefreiheit nicht unbedingt ein. Das Gesetz „Par condicio“ beispielsweise räumt zum Beispiel in Wahlkampfzeiten jeder Partei einen gewissen Raum ein, sich zu präsentieren, je nachdem, wie groß die Partei ist. Allerdings das völlig nutzlos. Stellen wir uns eine Talkshow vor, mit jeweils einem Vertreter aus dem rechten und dem linken Lager. Der eine behauptet, draußen würde die Sonne scheinen, der andere, dass es draußen schneit. Was müsste der Moderator bei einem solchen Widerspruch tun? Genau, er müsste einfach das Fenster öffnen, um zu sehen, wie es wirklich ist. Eben die Fakten präsentieren. Das wird aber nicht getan, weshalb Politiker Lügen erzählen können, ohne dass jemand eingreift. Ich finde es zum Beispiel absurd, wie hier mit Arbeitslosenzahlen umgegangen wird: Sie werden völlig unterschiedlich beziffert, doch der Zuschauer erfährt am Ende nicht, was jetzt stimmt. Denn es erlaubt sich niemand, die Politiker auf falsche Fakten hinzuweisen oder zu korrigieren.

Schlechtes Image für Italiens Journalisten

Worin sehen Sie den wichtigsten Unterschied zwischen den italienischen und den deutschen Medien?

Das Prestige, das Journalisten hier haben, ist sehr gering. Sie stehen in der Gunst der Bevölkerung ziemlich weit unten. Niemand glaubt, dass man wirklich objektiv und unabhängig arbeitet. Ein positiver Unterschied ist, dass die Justizbehörden den Journalisten sehr viel offener begegnen. In Italien geht Vieles ein bisschen inoffizieller und es ist einfacher, etwas über laufende Ermittlungen herauszufinden. In den vergangenen Jahren hat sich die Richterschaft vermehrt an die Presse gewandt, um sich selbst vor den Angriffen der Politik zu schützen.

Hat sich etwas verändert, seit Silvio Berlusconi im Parlament nicht mehr so viel Einfluss hat?

Kurzfristig wird sich diese Gefüge nicht verändern, es besteht ja schon seit Ende des zweiten Weltkrieges. Damals wurde der Grundstein für den Einfluss der Politik auf die Medien gelegt, indem sie entlang der Parteien aufgeteilt wurden. Weder Medien, noch die Wirtschaft können sich dem entziehen. Die Inhalte sind politisch stark abhängig vom jeweiligen Lager.

Welche Auswirkungen hat das auf die politische Kultur in Italien?

Menschen, die seit 20 Jahren Mediaset einschalten, leben in einer Art Paralleluniversum. Man kann sich nur schwer mit denen unterhalten. Die Faktenlage ist ganz anders, es stimmt alles nicht, was über Berlusconi berichtet wird – er ist ja unschuldig. Und jeder lebt in seiner Welt, je nachdem für welche Medien er sich entscheidet.

Der unvermeidbare Fernseher sorgt als „Nebenher-Medium“ für Unterhaltung. Foto: Anna Klein
Der unvermeidbare Fernseher sorgt als „Nebenher-Medium“ für Unterhaltung. Foto: Anna Klein

Was sind die wichtigsten Medien für die Italiener?

Das Fernsehen läuft immer und überall, als „Nebenher-Medium“: Beim Essen, bei den Schulaufgaben, in den Bars. Doch gerade bei der jüngeren Generation verliert es an Bedeutung. Tageszeitungen haben dagegen insgesamt an Relevanz verloren, weil der Online-Markt stark angewachsen ist.

Der italienische Printmarkt wird vom Staat bezuschusst. Diese Subventionen sollen die Unabhängigkeit fördern, wie erfolgreich ist man damit?

Das führte früher zu absurden Situationen, es gab beispielsweise einzelne Parteiblätter, die nur dank dieser Finanzierung bestehen konnten. Die Subventionen wurden in den achtziger Jahren eingeführt, um das Überleben des Printmarktes zu sichern. Damals waren nämlich die Werbekunden in Scharen zu den privaten Fernsehsendern übergesiedelt, sodass viele Zeitungen vor der Insolvenz standen. Doch so schafft man natürlich keine Unabhängigkeit, denn „staatlich“ heißt in Italien immer parteiisch. Heute kann man davon allerdings nicht mehr leben, die Subventionen wurden stark gekürzt. Die meisten Zeitungen mussten sich deshalb  Sponsoren suchen und sind zu Aktiengesellschaften geworden. Dadurch ist der Markt sehr viel undurchsichtiger geworden, jetzt stehen nämlich bestimmte Unternehmerinteressen hinter den einzelnen Medien.

Einige Konzerne teilen sich den italienischen Medienmarkt untereinander auf, was zu einer hohen Konzentration führt. Wird dagegen etwas unternommen?

Es gibt seit Jahrzehnten einen sogenannten „Interessenkonflikt“, der immer „gelöst werden soll“ – aber keiner löst ihn. Und das will auch niemand, glaube ich.

Aber wer hätte denn die Möglichkeit, gegen diese Konzentration etwas zu unternehmen?

Als Berlusconi nicht an der Macht war, hätte es diese Möglichkeit gegeben. Die Regierung von Romano Prodi hätte beispielsweise ein Gesetz vorantreiben können. Das wäre nicht so schwer gewesen, wenn man den Willen gehabt hätte.

Und warum ist dieser Wille nicht da?

Ich denke, Berlusconi könnte nicht seit 20 Jahren immer irgendwie mitspielen, wenn man ihn nicht auch mitspielen lassen wollte.

Das Angebot auf dem Printmarkt ist politisch geprägt von den Eigentümern der großen Verlage: „Il Giornale“ gehört beispielsweise der Familie Berlusconi. Foto: Anna Klein
Das Angebot auf dem Printmarkt ist politisch geprägt von den Eigentümern der großen Verlage: „Il Giornale“ gehört beispielsweise der Familie Berlusconi. Foto: Anna Klein

Was denken die Italiener selbst über ihre Medienlandschaft? Nehmen sie diese starke Verflechtung von Wirtschaft, Politik und Medien wahr?

Ein Teil ignoriert das und vertraut völlig der jeweiligen politischen Seite. Wenn man Berlusconi-Fan ist guckt man eben „Mediaset“, liest „Il Giornale“ und lebt in seiner Welt. Aber ein großer Teil nimmt das durchaus wahr. Es wird aber als normal angesehen, weil man keinen Vergleich hat.

Die EU diskutiert derzeit, ob man sich in Sachen Medienfreiheit in den einzelnen Ländern einmischen soll. Was schätzen Sie, wie würden das in Italien aufgenommen werden?

Die Italiener reagieren sehr empfindlich auf Einmischung von außen und es gibt einen starken Abwehrreflex. Wenn von außen Kritik kommt, scharrt man sich zusammen. Andererseits verstehe ich nicht, warum sich die EU bisher so lange zurück gehalten hat. Italien gehört immerhin zu den Gründungsnationen und bei den Zuständen wäre ein wenig Kritik durchaus angebracht. Ich bin ziemlich enttäuscht von der EU, dass sich niemand dafür interessiert, was hier eigentlich passiert.

Welches Potential hätte eine solche Regelung?

Natürlich lässt sich das schwer von oben verordnen. Wenn keine innere Überzeugung vorhanden ist, sind solche Maßnahmen wirkungslos. Ein italienisches Sprichwort lautet: „Fatto la legga, trovato l’ingann“ – entsteht ein Gesetz, wird gleichzeitig irgendwo ein Schlupfloch dafür geschaffen, wie man es wieder umgehen kann. Es müsste also erst in der Kultur des Landes verankert werden.

Italiener lassen Skandale kalt

Der Spionage-Skandal rund um den Auslandsgeheimdienst NSA hat in Deutschland für große Aufregung gesorgt und war wochenlang Thema in den Medien. Wie reagiert man in Italien darauf?

Die Italiener sind bei der öffentlichen Wahrnehmung generell etwas abgebrühter. So etwas hat man hierzulande schon vermutet. Italien sympathisierte zu Zeiten des Kalten Krieges mit dem Kommunismus, weshalb die Amerikaner stets ein Auge auf das Land hatten und vieles kontrollierten. Natürlich war es ein Skandal, doch mittlerweile sind die Italiener Skandalen gegenüber abgestumpft. Es gibt zu viele davon. Andererseits kommen in Italien brisante Vorfälle häufiger ans Licht, wie in anderen Ländern.

Woran liegt das?

Wir haben hier, trotz eines eher niedrigen Niveaus im Journalismus und anderswo, viele geniale Leute. In der Justiz gibt es beispielsweise sehr beharrliche Richter und Staatsanwälte, die ihre Verfahren sogar unter Morddrohungen durchziehen und ihre Unabhängigkeit bewahren. Solche Journalisten gibt es auch.

Ein gefährlicher Job

Zum Beispiel Roberto Saviano, der vor sechs Jahren mit seinem Roman „Gomorra“ für große Aufmerksamkeit sorgte. Er schildert darin detailliert die Praktiken und Aktivitäten der neapolitanischen Mafia, der „Camorra“. Saviano lebt seitdem versteckt und unter Polizeischutz. Ist Saviano ein Einzelschicksal?

Nein, es gibt eine ganze Reihe von Journalisten, die hierzulande unter Personenschutz stehen, weil sie sich mit der Mafia befasst haben. Das ist eine absolut reale Bedrohung.

Wie wirkt sich das auf die Branche insgesamt aus, wie geht man damit um?

Was man tatsächlich erzählt, ist nicht so wichtig. Doch wenn man wirklich stört und die Geschäfte nicht mehr laufen, wird man aus dem Weg geräumt. Besonders Journalisten in prekären Arbeitsverhältnissen sind gefährdet. Sie werden von ihren Redaktionen nicht ausreichend geschützt und sind der Bedrohung ausgeliefert. Journalismus kann hierzulande ein sehr gefährlicher Job sein.

In Deutschland hat das Thema Mafia dank Savianos Buch hohe Wellen geschlagen. Wie wurde es in Italien aufgenommen, hat sich speziell für die Journalisten seitdem etwas verändert?

Es war ein Riesen-Ding. Saviano wurde zu einer Ikone der Anti-Mafia-Bewegung, denn er gilt als glaubwürdig. Saviano wurde aber nicht nur als Held gesehen, gerade von seinen Kollegen. Aus Neid und Missgunst wurde ihm vorgeworfen, mit den Opfern der Camorra nur Geld machen zu wollen. Gerade für junge Journalisten aber ist Saviano ein Vorbild.

Zum Thema Nachwuchs im Journalismus: Wohin bewegt sich der Journalismus in Italien in der Zukunft?

Die wenigsten Journalisten in Italien haben einen festen Vertrag. Es herrschen vermehrt prekäre Arbeitsbedingungen, die Tarife sind viel schlechter, als in Deutschland. Vom Journalismus kann man in Italien nicht sehr gut leben. Ich sehe das pessimistisch.

Was könnte man tun, um das Ansehen und den Wert des investigativen Journalismus wieder zu stärken?

Man muss auf Leute setzten, die das lesen wollen und denen es etwas wert ist. Ich mache mir aber keine großen Hoffnungen, was die Politik hinter den Medien angeht. Die Parteien werden auf diesen Einfluss nicht einfach verzichten. Auch das staatliche Fernsehen bräuchte dringend Reformen. Die Personalpolitik dort wird zum Beispiel von den Parteien gemacht, was schleunigst geändert gehört. Aber daran hat niemand Interesse. Ein Teil der Bevölkerung glaubt zwar immer noch alles, was geschrieben und gesendet wird. Daneben herrscht aber großes Misstrauen gegenüber den Medien. Doch gleichzeitig resignieren die Meisten: Man glaubt zwar nichts, aber man kann sich das System eben auch nicht anders vorstellen.

Die Debatte 1 Kommentar

  1. 1. Italien und die Macht der Medien

    Viele italienische Bürger sind noch von den Berlusconi TV Mediaset und seine Zeitungen klar marionettisiert. Ich kann mir die falschen Informationen vom italienischen Fernsehn wie Mediaset und Rai schon nicht mehr ansehn wie parteiisch die Nachrichten an die Bürger ausgestrahlt werden. Ganz allein um nur die Wahlen zu gewinnen redet man die anderen Parteien schlecht…und das soll eine Demokratische staat sein?? Es ist an der Zeit gekommen die Politik zu revolutionieren und die Medien von den Parteien unabhängig zu machen. Wenn die EU ein bischen mithelfen würde gegen diese Korrupte Regierung etwas kritik auszuüben dann könnte es der gesammte EU der Beginn sein die EU auf die Beine zu helfen. Aber es gibt Gott sei Dank schon eine sehr erfolgreiche Oposition “M5S” Movimento 5 Stelle welches die Korrupte Regierung bekämpfen wird.