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Kanadisches Öl: Zu dreckig für Europa?

Ölsand an der Oberfläche Foto: Michelle Speta
Ölsand an der Oberfläche
Foto: Michelle Speta

Fast idyllisch sind sie, die Werbespots für die westkanadischen Ölsande von Konzernen wie Suncor, Cenovus und Shell.
Rocky-Mountain-Panorama. Wälder. Bergspitzen. Schlittenhunde.
Kanada, das Land der Naturfreunde, Abenteurer und Wanderer. Und eben das Zentrum der lokalen Ölindustrie. Der nördliche Teil der Provinz Alberta ist das größte Ölreservoir in Nordamerika und nach Venezuela und Saudi-Arabien das drittgrößte der Welt. Unter 142.200 Quadratkilometern Wald und Prärieland lagern nach offiziellen Angaben 97% der bekannten kanadischen Ölvorkommen, die insgesamt 173 Milliarden Barrel umfassen. Dass die Ölforderung hier in Wirklichkeit keine ganz saubere Sache ist, wurde schon lange kritisiert. Dass die EU das Öl jetzt aber offiziell als dreckig klassifizieren will, hat einen Aufschrei nicht nur bei den Konzernen, sondern auch der kanadischen Regierung hervorgerufen. Seitdem wird diskutiert, und eine Lösung scheint vorerst nicht in Sicht.

Im Kern geht es um eine von der EU entwickelte Liste von CO2-Standardwerten für Treibstoffe aus verschiedenen Rohölarten, die im Rahmen des 2009 eingeführten Fuel Quality Directive (FQD) erstellt wurde. Laut FQD soll der CO2-Gehalt von Benzin, Diesel und sonstigem Kraftstoff in der EU zwischen 2010 und 2020 um sechs Prozent gesenkt werden. Für Treibstoffe aus alternativen Energiequellen wurde bereits eine verbindliche Liste erlassen, die Werte für die fossilen Treibstoffarten sind bis jetzt nur ein Vorschlag. Diesem zufolge stößt (der kanadische) Treibstoff aus Bitumen 22% mehr CO2 aus als Treibstoff aus konventionellem Rohöl – in den Augen der Kanadier eine empörende Behauptung. „Diskriminierend“ und „unwissenschaftlich“ sei das, protestierte beispielsweise Ressourcenminister Joe Oliver. Seine Regierung will die EU-Klassifizierung nicht hinnehmen und legte deshalb im vergangenen Oktober einen Gegenreport vor, dem zufolge die EU-Liste wissenschaftlich nicht ausreichend fundiert ist. Würde sie implementiert, wäre Öl aus Alberta in Europa kaum wettbewerbsfähig.

Ausbau Ost

Im Moment fließen zwar 99% der kanadischen Ölexporte in die USA, das könnte sich mittel- und langfristig aber ändern. Bereits jetzt orientiert sich die im Westen angesiedelte Ölindustrie nach Osten und plant Pipelines, um Öl in die östlichen Provinzen zu transportieren. Das FQD könnte einer möglichen Ausweitung des Marktes nach Europa aber von vornherein einen Riegel vorschieben. Eine weitere Befürchtung ist, dass das FQD zum Vorbild werden und deshalb auch andere Länder vom Ölimport aus Alberta abbringen konnte. Für die Provinz wäre das fatal, denn die Ölsande sind ein Motor für lukrative Jobs. Rund 20.000 Ingenieure, Elektriker, Lastwagenfahrer und Maschinisten arbeiten dort nach Angaben des Petroleum Human Resources Councils of Canada. 2011 wurden jeden Tag 1.6 Millionen Barrel produziert, und nach Angaben des Ministeriums für Natürliche Ressourcen sollen es bis 2030 immer mehr werden.

Die aufwendige und CO2-intensive Produktion des Alberta-Öl ist der Hauptstreitpunkt in der Diskussion um die Ölsande. Die Gemische aus Sand, Wasser, Ton und Bitumen, einem Rohöl, sind so schwer, dass sie ohne vorherige Verdünnung oder Weiterverarbeitung nicht in Pipelines transportiert werden können. 20% der Reserven liegen nicht mehr als 75 Meter unter der Oberfläche und können deshalb per Tagebau gefördert werden. An der Oberfläche werden sie mit warmem Wasser gemischt, um das Bitumen vom Sand zu trennen. 80% dagegen liegen zu tief und müssen deswegen schon in der Erde getrennt werden. Dafür wird Wasserdampf nach unten gepumpt und das Bitumen dann mittels Brunnen nach oben gebracht. Laut dem Pembina Institute, einem non-profit Think Tank, verursacht ein Barrel Öl aus Alberta in dieser Phase 3.2 bis 4.5 mal soviel CO2-Ausstoß wie konventionelles Rohöl. Die Regierung jedoch spiele das herunter, indem sie den CO2-Ausstoss nur in der sogenannten “Gesamtlebensdauer” angebe, d.h. von der Produktion des Öls bis zum Endverbrauch. Da die Werte des Bitumen-Öls beim Endverbrauch kaum höher als die von konventionellem Rohöl seien, werde der große Unterschied in der Produktionsphase relativiert.

Befürworter und Gegner streiten deshalb heftig über die Folgen der Ölförderung für Kanadas Natur. Unzählige Studien befassen sich mit den Folgen der Ölsande, und die Ergebnisse variieren je nach Auftraggeber. Im In- und Ausland machen Gegner gegen die Ölsande mobil und attackieren die Öl-Lobby scharf. So scharf, dass die deutschen Helmholtz-Zentren vor einem Jahr ein Kooperationsprojekt mit der Universität von Alberta beendeten, das bessere Aufbereitungs- und Reinigungsverfahren in den Ölsanden erforschen sollte. Zu umstritten war den deutschen Forschern die Sache. Während die Regierung immer wieder auf strikte Richtlinien hinweist und versichert, Kanada habe ein „Weltklasse-Umweltschutzprogramm“, behaupten die Gegner, die Öffentlichkeit bekomme Fakten nur selektiv und im Sinne der Befürworter serviert. Es werde verschleiert, dass die Ölförderung Albertas Luft verschmutze und Ökosysteme massiv störe. Die Industrie hinterlasse Abwassergruben und neu bepflanztes Hochland anstelle der bis dahin unberührten Wälder – Bilder, die sich in Werbespots weniger gut machen würden.

 

 

 

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