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Kann man sich an Terror gewöhnen?

Gedanken aus Istanbul.

Die Musik ist aus. Die Menschen im WG-Wohnzimmer sitzen vor ihren Handys – schreiben, telefonieren, lesen Twitter. Irgendwo am Ende des Raumes laufen die türkischen Nachrichten, in denen bereits Spekulationen über die Täter zu hören sind.

Istanbul hat es erwischt. Schon wieder. Zum fünften Mal in diesem Jahr ist hier ein Attentat verübt worden. Diesmal gingen zwei Bomben nahe des Besiktas-Fußballstadions hoch. Laut aktueller Zahlen gab es 44 Tote und über hundert Verletzte. Doch Zahlen sagen in solchen Momenten so wenig.

Nachdem die wichtigsten Menschen über mein Wohlbefinden informiert sind, streife ich etwas ziellos durch das Wohnzimmer, das heute eigentlich zum Feiern gedacht war. „Irgendwie gewöhnt man sich dran, oder?“, fragt mich ein Türke. Ich antworte, dass ich erst vor drei Monaten nach Istanbul gekommen sei. „Oh, das ist also deine erste Bombe?“ fragt er erstaunt und ich nicke beklommen. Einmal mehr überkommt mich bei seinem Blick das Gefühl, dass ich die Bedeutung dieses Anschlags für die Türkei nicht vollends verstehen kann. In seinem Gesichtsausdruck erkenne ich eine Mischung aus Mitleid und Neid. Mitleid für meine Betroffenheit. Und Neid, weil auch er gerne sagen können würde, er hätte so etwas in seiner Stadt noch nie erleben müssen.

Sein Satz geht mir nicht aus dem Kopf. Kann man sich wirklich an Terror gewöhnen? Hier scheint es fast so. Es sind die immer gleichen Nachrichten und Anrufe die getätigt werden müssen, der immergleiche Schock und dann die immerwährenden Fragen im Kopf. Denn niemand weiß eine Antwort auf die Frage: Was können wir tun, außer einfach weiterzuleben?
So geht auch am nächsten Morgen in Besiktas alles seinen gewohnten Gang. Ich werde von den lauten Rufen des Simit-Verkäufers geweckt und der Himmel erstrahlt in verhöhnend schönem blau.
Freunde fragen mich, ob ich nun mehr Angst habe in Istanbul. Irgendwie nicht. Aber was mir Angst macht, ist diese Routine. Der Anblick der vermeintlichen Abstumpfung gegenüber solchen schrecklichen Ereignissen hat etwas Theatralisches. An so etwas soll sich kein Mensch gewöhnen müssen.

Der Knall hat für die Menschen hier einmal mehr eine Frage aufgeworfen: Wie lange?
Wie lange wird es dauern, bis so etwas wieder passiert? Wie lange dauert es, bis irgendwann jemand unter den Opfern ist, den ich kenne? Wie lange wird es für die Angehörigen der Opfer dauern, bis das Leben wieder weitergehen kann? Wie lange kann ich in einem Land leben, in dem man sich an den Terror gewöhnen muss?

Währenddessen überschlagen sich die Medienberichte über politische Folgen des Attentats. Ich frage mich, wo ich trauern kann. Beim Besiktas-Wahrzeichen, einer Adler-Statue, hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Wir werden nicht vor Bomben kapitulieren.“ Daneben steht ein Mann und verkauft Türkeiflaggen. Ob die heute wohl irgendjemanden trösten können?

Auf meinem Desktop liegt ein angefangener Text über die Besonderheit der Besiktas-Fangemeinde. „Lachen und Weinen mit Besiktas“ heißt das Dokument. Denn in so kurzer Zeit konnte ich bei den passionierten Fußballfans das beides sehen. Kaum ein Spiel bei dem kein Bier- oder Cay-Glas zersplitterte: entweder im Torjubel oder vor bei verlorenen Spielen mit Tränen in den Augen. Noch vor zwei Wochen konnte ich selbst im Stadion erleben, wie die Fans ihrer Mannschaft halt geben und die Liebe zu Besiktas zugleich auch eine politische Philosophie ist. In den Fangesängen heißt es: „Besiktas, wir sind gekommen, um mit dir zu sterben“. Niemand hatte gewollt, das dass einmal wörtlich genommen werden muss.

Die Debatte 1 Kommentar

  1. von Cornelia Hartmann-Resch
    Antworten -

    1. Nein und Ja

    Nein , wir können uns nicht an den Terror gewöhnen.
    Ja , wir können einfach weiterleben.Mit besonderer Bewußtheit , Ausrichtung ,Verantwortung ,Sensibilität und Intensität.

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