Foto: Kim Hansen, Wikimedia Commons

Kein flauer Wind

In Deutschland wird schon von einer Krise der Offshore-Windenergie gesprochen. Das schreckt  die Niederländer nicht ab. Sie wollen aus den Fehlern lernen.

Von Theresa Lieb

Foto: Kim Hansen, Wikimedia Commons
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Seit Mitte August stehen in der Nordsee, nordwestlich von Borkum, 30 neue Windräder im Offshore-Windpark Riffgat zur Inbetriebnahme bereit. Vor Februar nächsten Jahres werden sie allerdings keinen Strom liefern: Es müssen noch 15 Kilometer Kabel verlegt werden, bevor die Windräder an das Stromnetz angeschlossen werden können. Durch schlechte Koordination zwischen Planung und Logistik drohen nun Millionenverluste. In anderen Offshoreparks führten falsche Finanzierungsmodelle bereits zum Misserfolg. Szenarien wie diese bremsen die anfängliche Euphorie von Politik und Wirtschaft für die neue, zunächst vielversprechende Offshore-Industrie in Deutschland.

In den Niederlanden verhielt sich die Politik in den vergangenen Jahren der Offshore-Industrie gegenüber zurückhaltend. In der ersten Regierung des Ministerpräsidenten Rutte von 2010 bis 2012 galt energiepolitisch ein strikter Sparkurs: Kosteneffiziente Technologien wurden bevorzugt. Und laut Haico van der Heijden vom Niederländischen Energy Research Center kann die Offshore-Windindustrie mit Onshore-Windparks kostentechnisch noch nicht mithalten. „Durch diese politische Entscheidung gingen die Entwicklungen in der Offshore-Industrie erst einmal langsamer voran. Denn es wurden nur noch Projekte zur Kostenreduzierung subventioniert.“

Ob die Offshore-Industrie eine wichtige Rolle in der Energiewende spielen würde, war deshalb zunächst unklar: Um den Wünschen der Regierung nachzukommen, hätten die Kosten der Offshore-Windparks bis 2020 um 40 Prozent reduziert werden müssen. Aus diesem Grund hatte die niederländische Industrie im Jahr 2011 einen „Green Deal“ mit der Regierung vereinbart, um eine solche Kostenreduktion zu verwirklichen.

Seit September 2012 sieht die Lage für die Offshore-Industrie jedoch wieder besser aus. Die neue Regierung aus Rechtsliberalen (VVD) und Sozialdemokraten (PvdA) hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 den Anteil von erneuerbaren Energien auf 16 Prozent zu steigern. Dies liegt zwei Prozent über dem vorgeschriebenen EU-Ziel und ist ein großer Schritt, denn im Jahr 2010 lag der Anteil an erneuerbaren Energien noch bei knapp vier Prozent. „Wenn wir das wirklich erreichen wollen, brauchen wir unbedingt Offshore-Windparks“, sagt Ton Sledsens von der Nederlandse Wind Energie Associatie.

Zu der gleichen Folgerung ist der Sozialwirtschaftliche Rat der Niederlande (SER) nun im Juli gekommen. Dieses Beratungsorgan der Regierung hat den Entwurf eines nationalen Energieabkommens verfasst, das nun auch konkrete Ziele für die Offshore-Branche feststeckt: Bis 2020 sollen neue Windparks mit einer gesamten Produktion von 6000 Megawatt gebaut werden. Die Offshore-Industrie würde dann 3,5 Prozent der erneuerbaren Energien in den Niederlanden ausmachen.

„Von einer Krise der Offshore-Industrie in den Niederlanden kann also nicht geredet werden,“ sagt Gijs van Kuik, Professor für Windenergie an der TU Delft. Ganz im Gegenteil: Die niederländischen Forscher und Unternehmen können von den logistischen und finanziellen Fehlern in Deutschland lernen, so van Kuik. Wobei nicht zu vergessen ist: Der Netzbetreiber, auf dessen Anschluss die Investoren in Riffgat warten, ist das niederländische Unternehmen Tennet. Anschlussprobleme ans Energienetz im eigenen Land haben die Holländer aufgrund der geografischen Lage kaum zu meistern. Allein die Fläche der Niederlande kann mit Deutschland nicht verglichen werden. Zusätzlich sitzen die größten Energieverbraucher in den Niederlanden an der Küste, also nah bei den Windparks.

Die größte Herausforderung für die nächsten Jahre ist nun, die bereits geplanten Offshore-Windparks kosteneffizienter zu bauen. Van Kuiks hofft deshalb, dass der Demonstrationswindpark Leeghwater bald genehmigt wird. In diesem experimentellen Windpark sollen die neuen Technologien getestet werden, sodass sich die Investoren nicht mehr nur auf Computeranimationen verlassen müssten: „Die Zeichen stehen gut. Wann endgültig grünes Licht gegeben wird, ist aber noch nicht klar.“

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