Lichterfest Lyon

Kleiner Prinz vs. großer Priester

Frankreich und seine Laizität: Für die Franzosen eine kulturelle Einzigartigkeit, für andere Europäer ein merkwürdiges Gebilde. Dabei verbietet der Staat keinen Glauben, er fördert ihn sogar in gewisser Weise. Die katholische Kirche verliert zwar weiterhin Mitglieder – doch nicht an Einfluss.

Von Marc Patzwald

Tannenbaum LaFayetteAnfang des 20. Jahrhunderts setzte sich Frankreich gegen den Papst durch: 1905 wurden Kirche und Staat per Gesetz getrennt und die Franzosen stellten sich damit gegen das Konkordat mit dem Vatikan – der offizielle Höhepunkt der Laizisierung des Landes. Schon seit 1884 hatte jeder Franzose ein Anrecht darauf, auf einem Friedhof beerdigt zu werden. Der Gedanke dahinter: Jeder Mensch ist gleich und hat das gleiche Recht; der Friedhof ist ein neutraler Ort. Auch die Schulbildung soll für jeden verfügbar sein, frei von Ideologie, also frei von Kirche. Es sollte keinen Religionsunterricht in staatlichen Schulen mehr geben – und das gilt bis heute. Die Vierte Französische Republik nahm die Laizität nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in ihre Verfassung auf, die Fünfte und aktuelle Republik bestätigt sie.

Die Trennung von Staat und Kirche heißt hier aber nicht, dass Frankreich die Religion verteufelt. Sie ist lediglich Privatsache. Deswegen hängen keine Kreuze in staatlichen und öffentlichen Gebäuden. Und deswegen gilt seit 2004 auch das Verbot von Kopftüchern oder das Tragen von anderen sichtbaren religiösen Zeichen wie der Kippa in der Schule. Seit 2011 ist die Burka im öffentlichen Raum verboten. Doch die Trennung der Politik von der Geistlichkeit ist nicht ganz so streng, wie sie vielleicht erscheinen mag. Wer der Kirche Geld spendet, kann das von der Steuer absetzen. Dadurch finanziert der Staat die Kirchen indirekt. Auch die öffentlich-rechtlichen Sender strahlen Kirchenprogramme aus – wie sonntags in Deutschland. Der Islam, der Buddhismus, das Judentum, der Protestantismus und der Katholizismus sind sozusagen vom Fernsehen anerkannt.

Immer weniger Kirchenmitglieder

Machten die Katholiken an der Schwelle des 20. Jahrhunderts noch 98 Prozent der französischen Bevölkerung aus, waren es 2012 nach einer Hochrechnung des Umfrageinstituts CSA nur noch 40 Prozent, also rund 26,5 Millionen Franzosen. Zwischen drei und vier Prozent sind Schätzungen zufolge evangelisch. Zum Vergleich: Die Deutsche Bischofskonferenz geht von 24,3 Millionen Katholiken in Deutschland aus. Zusammen mit der evangelischen Kirche, den Mitgliedern von evangelischen Freikirchen und anderen christlichen Kirchen machen Christen 61,5 Prozent der deutschen Bevölkerung aus. In beiden Ländern nimmt die Zahl der Kirchenmitglieder ab. Die wachsende Gruppe ist diejenige derer „ohne Religion“.

Lichterfest LyonReligion spielt also eine immer geringere Rolle – das könnte eine Schlussfolgerung sein. Beispiele gibt es genug. Das Lichterfest der Stadt Lyon („La Fête des Lumières“) war ursprünglich katholisch geprägt. Es wurde 1852 erstmals gefeiert, zur Einweihung einer Marienstatue. Doch heute hat es nur noch wenig mit der Kirche zu tun. Die Stadt ist an vier Tagen im Dezember voller Essensstände, und die Gebäude werden mit Farben, kleinen Filmen oder mit Feuerwerk beleuchtet. So findet sich zum Beispiel der Kleine Prinz auf der Fassade des Rathauses wieder. Das Fest wurde säkularisiert.

Einfluss wird aber nicht weniger

Und auch Weihnachten ist in Frankreich nicht mehr so kirchlich, wie es einmal war. Es ist für die meisten ein Familienfest: Im vergangenen Jahr hat das Meinungsforschungsinstitut ifop die Wahrnehmung des christlichen Fests in Frankreich untersucht. Demnach ist Heiligabend für 89 Prozent der Befragten eine Gelegenheit, den Angehörigen eine Freude zu bereiten und Traditionen, sprich Kindheitserinnerungen, wieder aufleben zu lassen. Nur noch 35 Prozent der unter 35-Jährigen schätzen es als wichtig ein, den Kindern eine religiöse Botschaft zu übermitteln, gegenüber 66 Prozent der über 65-Jährigen.

Dass die Kirchen und vor allem die katholische Kirche aber nicht wirklich an Einfluss verlieren, zeigt sich an zwei anderen Beispielen. Die Kirchen sind im französischen Ethikrat vertreten, der der Politik Empfehlungen ausspricht – dort sitzen ihre Vertreter neben Philosophen, Juristen und Medizinern. Des Weiteren zeigt sich ihre Präsenz im Alltag. Wenn es um Fragen der gleichgeschlechtlichen Ehe oder um Embryonenforschung geht, mobilisiert die katholische Kirche ihre Anhänger und zeigt sich bei Demonstrationen. Außerdem ist sie ähnlich wie in Deutschland durch die Caritas in der Gesellschaft verankert. Im Großen und Ganzen unterscheidet sich Frankreich also gar nicht so sehr von Deutschland.

Weiterführende Links:

Studie der CSA zum katholischen Glauben in Frankreich: http://www.csa.eu/multimedia/data/etudes/etudes/etu20130329-note-d-analyse-csa-decrypte-mars-2013.pdf

Deutsche Bischofskonferenz zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland: http://www.dbk.de/katholische-kirche/katholische-kirche-deutschland/

ifop-Umfrage „Les Français et Noël“: http://www.ifop.com/media/poll/2089-1-study_file.pdf

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