Symbolbild: Wahlig

Symbolbild: Wahlig

Korruption und Betrug – Die römische Krake

Dunkle Seitenstraßen, alte Gemäuer und trügerische Blicke. Rom ist in vielen Filmen oder Büchern die Kulisse für Gewalt, Betrug und illegale Machenschaften. In der ewigen Stadt spielt sich dies aber nicht nur in ausgedachten Welten ab. Sondern auch im wahren Leben ist die italienische Hauptstadt Spielstätte für so manchen wahren Krimi. Allen voran treibt hier nämlich eine Mafia ihr Unwesen. Mafia Capitale (Hauptstadtmafia) ist längst ein Schlagwort, wenn es um die Geschäfte der organisierten Kriminalität in Rom geht. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen Ableger der süditalienischen Mafia. Die Mafia Capitale ist in Rom zwischen Politik, Verwaltung und Unternehmern entstanden.

Die Stadt, aber auch der italienische Staat, sind darum bemüht, diese „Schande“ einzudämmen. Wie kann das gelingen? Nur über die Justiz: So wurde bereits im November ein „Maxi-Prozess“ angeschoben, um den Kampf gegen die Mafia aufzunehmen. 46 Angeklagte, 146 Prozesstage und Verwickelungen zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltung, die geklärt werden müssen Bis zum Sommer 2016 soll das Urteil gesprochen sein. Der Hauptprozess steht noch bevor und so sind seit November noch nicht einmal die Hälfte der Angeklagten angehört worden. Einige Verurteilte konnten mit einem Geständnis ihre Strafe verringern. Bei den ersten Verurteilten handelte es sich vor allem um Leute aus dem Verwaltungsapparat.

Die Mafia hat Tradition in Italien

In Sizilien ist es die Cosa Nostra (Unsere Sache), in Kalabrien die ‘Ndrangheta (wohl Heldentum oder Guter Mann), in Apulien die Sacra Corona Unita (Heilige Vereinigte Krone) und in Kampanien die Camorra (Bedeutung unklar, wohl Protest und Schlägerei) – so sah lange Zeit das Bild der italienischen Mafia aus. Organisierte Kriminalität im Süden und nur kleine Ausleger der Organisationen im Norden, so hat es die Politik den Bürgern verkauft. Nach einer Durchsuchung der Polizei 2008 ist offiziell, dass auch die Hauptstadt nicht vor Korruption, Gewalt und falschem Spiel gefeit ist. „Italien zählte 2014 laut einer Liste von Transparency International zu den korruptesten Ländern in der Europäischen Union: Nur in Rumänien soll es noch korrupter zugehen.“

Wie ein Krake hat sich die Mafia Capitale scheinbar in wenigen Jahren ihren Platz in der italienischen Stadtverwaltung gesucht. Mit einem Tentakel einen städtischen Auftrag gesichert und mit einem anderen Tentakel den lokalen Politiker bei einem Caffé geschmiert. Der Hauptstadtmafia geht es nicht nur um die üblichen Themen wie Drogenhandel, Müllentsorgung, Kleidungsherstellung. Nein, in Rom hat die organisierte Kriminalität die nicht abreißenden Flüchtlingsströme im Auge. Leichter und ungefährlicher für die eigene Existenz kann ein illegales Geschäft nicht sein. „Mit den Flüchtlingen verdienen wir noch mehr als mit Drogen“, ist das Motto im Geschäft mit Menschenleben. So hat es jedenfalls der Unternehmer Salvatore Buzzi in einem abgehörten Telefongespräch beschrieben. Lange Zeit verschwiegen und auch von Politik und Verwaltung gedeckt, hat die Mafia Capitale ein enges Netz erschaffen. Die Mafia Capitale ist aus einer Fusion zweier Organisationen entstanden. Mit den beiden Clans, Gruppe Buzzi und Gruppe Carminati, trifft Korruption auf Rechtsstaatgegner. Neben den Namensgeber der beiden Gruppen, dem Unternehmer Salvatore Buzzi und dem Kriminellen Massimo Carminati (auch der letzte König von Rom genannt), sei vor allem der ehemalige römische Bürgermeister Gianni Alemanno treibende Kraft in der Entstehung der römischen Mafia gewesen. Der Rechtspopulist hat das Vetternwirtschaft und Willkür walten lassen. So war es möglich, dass allen voran Buzzi als Unternehmer zahlreiche städtische Aufträge zugeschoben bekam, im Gegenzug ließ er Geld fließen. Einfache Verwaltungsangestellte haben bis zu 10.000 Euro erhalten, der linke Politiker Luca Odevaine hat über seinen Tisch im Innenministerium sogar 20.000 Euro monatlich rübergeschoben bekommen. Im Gegenzug erhielt Buzzi dafür Aufträge für Müllentsorgung, Gärten-Pflege und vor allem für die Flüchtlingsunterbringung. Jährlich machte er damit gut 60 Millionen Euro Umsatz. Die Römer sind empört, denn nicht nur das Ansehen ihrer Stadt leidet, der Umsatz stammt größtenteils aus Steuergeldern. Für minderjährige Immigranten zahlt der Staat 91 Euro pro Tag, für Erwachsene rund 40 Euro. Allein durch das Abzweigen des Geldes, welches eigentlich für die Versorgung der Menschen in den Flüchtlingsunterkünften gedacht ist, hat Buzzi mehr als 40 Millionen Euro Jahresumsatz gemacht.

Schluss mit lustig

Am 2. Dezember 2014 wurde dem Spiel aber vorerst ein Ende gesetzt, als die Polizei Vermögenswerte in einem Umfang von etwa 200 Millionen Euro von der vorläufig beschlagnahmt hat. Darunter nicht nur Grundstücke, Gebäude und Nachtclubs, sondern auch Klöster. Die Geldwäsche betrieb die Organisation mithilfe verschiedener Tarnfirmen in Luxemburg oder in der Republik San Marino. Aber wie so oft machen sich nicht die Unternehmer selbst die Hände schmutzig, der Kopf der Mafia Capitale ist ein bekannter Krimineller, Massimo Carminati, der mit den vielen Spitznamen. Als letzter König Roms, Il Nero (der Schwarze) oder Il Guercio (der Einäugige), da er bei einer Schießerei mit der Polizei das linke Auge verlor, wurde er zum Chefideologen der römischen Mafia. Als ehemaliges Mitglied der rechtsextremen Gruppierung Nuclei Armati Rivoluzionari (bewaffnete revolutionäre Zellen), kennt er die Geschäfte und vor allem die Methoden, mit denen Buzzi seine Ziele erreichte.

Der Prozess selbst, so scheint es, muss zum Musterfall werden, damit Italien den Weg aus der Korruption in der Verwaltung schafft. Die Hauptangeklagten werden aus Sicherheitsgründen nur per Video zugeschaltet. Einige der Verhandlungstage werden in einem anschlagssicheren Bunker stattfinden. Kann die Justiz nachweisen, dass es sich bei der Mafia Capitale nicht nur um Korruption, sondern auch um eine kriminelle Organisation handelt, dann können wesentlich höhere Strafen verhängt werden. Aber die Mafia Capitale wird sich ihre Herrschaft nicht kampflos nehmen lassen. In den letzten Monaten haben wir gesehen, dass es immer noch sehr, sehr viel zu tun gibt”, sagt Franco Gabrielli, der Chef des italienischen Zivilschutzes. Ob der Prozess die kranke Stadt heilen kann, bleibt abzuwarten, denn die Methoden der Hauptstadtmafia sind in großen Zügen überwiegend identisch mit denen der süditalienischen Clans; und die gibt es bekanntlich schon seit mehreren Jahrzehnten.

Der Fall der Mafia Capitale zeigt zudem auch außerhalb Italiens eine entscheidende Sache. DIE Mafia gibt es nicht. Über ganz Italien liegt ein mafiöses Netz, gegen das sich der Staat wehren muss, damit die Worte des Regierungschef Renzi nicht nur in Rom erhört werden: „Wir werden Rom nicht den Dieben überlassen.“

 

Die Debatte Keine Kommentare