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Krisenfrust trotz Arbeitslust

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Die Krise in Spanien trifft vor allem die jungen Erwachsenen. Mehr als jeder Zweite unter 30 Jahren findet keine Arbeit. Einige reihen Ausbildung an Ausbildung, andere flüchten sich in Minijobs. Während die Politik nur zögerlich reagiert, wächst der Frust bei den Jugendlichen.

Von Katja Scherer

Mario streift seinen Rucksack über die Lehne und zwängt sich auf den niedrigen Holzstuhl. Heute steht zuerst Mathe auf seinem Stundenplan. Es ist Dienstagmittag, die Luft im Klassenraum ist stickig und durch die geschlossenen Fenster dringt Motorenrauschen – ein ganz normaler Schultag im Zentrum Madrids.

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Mario García Álvarez ist 25 Jahre alt. Sechs Jahre lang hat er als LKW-Fahrer gearbeitet, doch die Finanzkrise hat ihn wieder Schüler werden lassen. Früher, in den Jahren des spanischen Wirtschafts-Booms, sei ihm Bildung nicht so wichtig gewesen, erzählt er. Als Kraftfahrer habe er stets einen vollen Auftragsplan gehabt. Doch mit der Krise wurden die Angebote immer seltener. “Ich wusste nie, ob ich am nächsten Tag eine Fahrt habe oder nicht. Das war mir zu unsicher.” Mario entschied sich, zu kündigen und sein Abitur nachzuholen.

Die unter 30-Jährigen sind von der Krise in Spanien am stärksten betroffen. Mehr als die Hälfte der jungen Leute hat keinen Job. Viele junge Ingenieure, Ökonomen und andere Akademiker suchen daher Arbeit im Ausland. Die spanische Politik bietet wenig Alternativen. “Im Moment gibt es eben keine Jobs in Spanien”, sagt Ildefonso Pastor González. Er sitzt für die konservative Partei Partido Popular im Arbeitsausschuss des Parlaments. “Aber dafür haben wir ja die EU.” So könnten die jungen Leute in allen europäischen Ländern nach Arbeit suchen. Das sei eine großartige Chance, fremde Sprachen und Kulturen kennenzulernen.

Weiterbildung als Ausweg

Doch denen, die wie Mario nicht studiert haben und keine Fremdsprachen sprechen, bleibt dieser Ausweg nicht. “Schulabbrecher und Geringqualifizierte sind die großen Verlierer der Krise”, sagt Wirtschaftsprofessor Juan José Dolado. Er hat in einer OECD-Studie die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien untersucht. “Die Jugendlichen müssen sich weiterbilden, das ist ihre einzige Chance”, sagt er. Auch Mario ist zurück auf der Schulbank. Sein Leben wirkt, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht: Vormittags paukt er Mathe und Vokabeln, nachmittags fährt er heim zu seinen Eltern. Dort wohnt er in seinem Kinderzimmer zwischen Real-Madrid-Postern und Fußballschuhen.

Ohne die starken Familienbande wäre die soziale Lage in Spanien deutlich schlechter. Bisher werden Jugendliche, die aus dem Arbeitsmarkt herausfallen, von ihren Familien aufgefangen. Die Jungen leben von Rente und Einkommen der Alten. So bleibt das volle Ausmaß der Jobkrise oft verborgen. Die Reserven der Familien werden immer knapper. Marios Eltern haben viel verkauft, Familienerbstücke aus Gold zum Beispiel. “Lange kann es nicht mehr so weitergehen”, sagt er.

Ob mit oder ohne Abschluss – die Krise trifft jeden

Doch nicht nur zu wenig Bildung ist ein Problem, weiß Wirtschaftsexperte Dolado. “Auch junge Akademiker haben es schwer, eine Arbeitsstelle zu finden.” Viele spanische Unternehmen haben jetzt in Krisenzeiten einen Einstellungsstopp; sie können es sich nicht leisten, gutausgebildete Leute angemessen zu bezahlen.

Die Folge: Hochschulabsolventen müssen oft Jobs annehmen, die ihrer Ausbildung nicht entsprechen. So wie Eduardo Hothorn. Der 26-Jährige hat einen Master in BWL, spricht fließend Englisch. Nach seinem Abschluss verschickte er eine halbes Jahr lang Bewerbungen, ohne Erfolg. “Ich war damals unglaublich deprimiert”, erinnert er sich.

Square255X255_pixels_scherer_krisenfrust_Eduardo halbnahJetzt arbeitet er als Stadtführer in Madrid, erzählt Amerikanern Anekdoten über abergläubische spanische Königinnen. Wenn es gut läuft, verdient er bis zu 700 Euro pro Woche. “Mein einziges Einkommen”, sagt er. Für die WG-Miete reiche das locker und außerdem könne er seine Sprachkenntnisse verbessern.

Für Eduardo wäre es ein Leichtes, in den USA Arbeit zu suchen. Von dort stammt seine Familie, er besitzt einen amerikanischen Pass. Trotzdem hat er sich dafür entschieden, in seinem Heimatland zu bleiben. “Ich bin hier geboren, hier habe ich alles, was mir wichtig ist”, sagt er. “Und einfach weglaufen vor der Krise wollte ich auch nicht.” Aber für immer als Stadtführer zu arbeiten, ist für Eduardo auch keine Lösung. Er überlegt, bald ein eigenes Unternehmen zu gründen, auch in der Tourismusbranche. Die sei krisenfest.

Notwendige Reformen bleiben aus

Ein vor Kurzem von der Regierung verabschiedetes Programm könnte ihm helfen. Um Start-ups zu fördern, müssen junge Gründer nun weniger Steuern zahlen. Damit langfristig mehr Jobs in Spanien entstehen, müsse sich aber noch mehr ändern, sagt Wirtschaftsexperte Dolado. “Derzeit ist der Arbeitsmarkt sehr unflexibel.” Unternehmen müssten die Möglichkeit bekommen, Arbeitsverträge individueller zu gestalten, zum Beispiel den Kündigungsschutz zu lockern. “Die bisherigen Reformen reichen noch nicht aus.” Auch die jungen Leuten zweifeln an der Politik. Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Metroscopia von 2013 glauben 73 Prozent, dass die Regierung keine durchdachten Lösungen für die Krise biete, sondern improvisiere.

“Früher bin ich noch wählen gegangen, mittlerweile nicht mehr”, sagt Eduardo. Das bringe eh nichts. Und auch Schul-Rückkehrer Mario ist frustriert. “Wir, die Jungen, sind nicht schuld an der Krise”, sagt er. “Aber wir sind es, die darunter leiden.”

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