Foto: Goethe-Institut São Paulo

Foto: Goethe-Institut São Paulo

Kultur-Gedanken

Das Goethe-Institut ist nicht nur die Anlaufstelle für Menschen auf der ganzen Welt, die Deutsch lernen wollen. Mindestens genauso bedeutend ist die „Förderung kultureller Zusammenarbeit“, die sich das Institut auf die Fahnen geschrieben hat. Doch was ist das eigentlich, kulturelle Zusammenarbeit, oder noch grundsätzlicher gefragt – was ist eigentlich Kultur? Und falls es überhaupt Antworten darauf gibt – gelten diese in Deutschland genauso wie anderswo auf der Welt? Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kulturabteilung im Goethe-Institut São Paulo haben sich darüber mal Gedanken gemacht, in lockerer Runde und abseits ihres Alltags. Sarah Heuberger war dabei.

 

Katharina von Ruckteschell-Katte ist die Leiterin des Instituts in Sao Paulo und der Region Südamerika. Wenn es um Kriterien geht, welche Projekte im Kulturbereich unterstützt werden und welche nicht, vertritt das Goethe-Institut ihrer Meinung nach einen eher engen Kulturbegriff. „Wenn wir zum Beispiel mit der GIZ zusammenarbeiten und die fördern ein Programm, das sich des Kulturformats Theater bedient, um über HIV-AIDS aufzuklären, dann tun wir es, um das Format angewandtes Theater zu fördern und nicht, weil es um AIDS-Aufklärung geht!“

Anders sieht es da im Sprachunterricht am Goethe-Institut aus. In den 80er und 90er Jahren gab es Beschwerden darüber, dass in den Kursbüchern Themen wie Mülltrennung behandelt wurden und nach der Meinung mancher zu wenig Goethe. Aber hier greift für von Ruckteschell-Katte ein eher offener, soziologischer Kulturbegriff. „Die Kultur in Deutschland ist eben auch mit der Mülltrennung verbunden!“

Den Mitarbeitern am Goethe-Institut ist es wichtig, von Kulturzusammenarbeit oder -austausch zu sprechen und nicht von Kulturförderung, so wie das früher der Fall war. „Kann man überhaupt eine Kultur fördern? Das hieße ja, einer bringt dem anderen was bei und das wollen wir ja gar nicht!,“ betont von Ruckteschell-Katte.

Dass Kultur kein Luxus sondern ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen sei, darüber sind sich alle einig. Trotzdem werde in Krisenzeiten immer zuerst bei den kulturellen Projekten gekürzt. In São Paulo nehme das gerade absurde Ausmaße an, erzählt Luiz Rangel, Brasilianer und seit zwei Jahren beim Goethe-Institut. Zwar sind die meisten Kulturinstitutionen nach wie vor geöffnet, aber immer mehr Leute werden entlassen und immer mehr Projekten werden die Mittel gestrichen. „Das Gehäuse steht zwar noch, aber der Inhalt fehlt!,“ ergänzt seine Kollegin Isabel Hölzl.

Genauso einig sind sie sich darüber, dass Kultur keine „Soft Power“ sei. Es ist eben zu kurz gedacht, Kultur als direkten Weg zur Verständigung und damit auch gleich zur Verbesserung der wirtschaftlichen Beziehungen zu sehen. „Kultur kann nur wirken, wenn sie zweckfrei ist. Wir machen kein schönes Theaterstück zusammen, damit die Leute sich besser kennen lernen und dann einen gemeinsamen Öldeal abschließen!“, betont Katharina von Ruckteschell-Katte. Auch Begrifflichkeiten wie „Cultural Diplomacy“ zielen zu sehr auf einen direkten Zweck. Die kulturelle Zusammenarbeit habe zwar auch Ziele, allerdings kein direkt materielles. Es gehe darum Gesprächskanäle aufzubauen, betont Martin Bach, neuer Leiter der Programmarbeit in Sao Paulo.

Weniger Einigkeit herrscht unter den Mitarbeitern des Goethe-Instituts allerdings, wenn es um die unterschiedliche Bedeutung von Kultur in Brasilien und in Deutschland geht. Die Hälfte der Mitarbeiter ist deutsch, die andere brasilianisch, manche sind zweisprachig aufgewachsen und fast alle sprechen sie beide Sprachen. Für Isabel Hölzl, in Deutschland aufgewachsen und seit zehn Jahren in Brasilien, ist es etwas typisch deutsches, starr zwischen Hoch- und Unterhaltungskultur zu unterscheiden: „In Brasilien haben die Menschen weniger Berührungsängste!“ Als Beispiel nennt sie die Funk-Musik, die stark in der brasilianischen Kultur verwurzelt sei. Doch nicht alle ihre Kollegen sehen das so, es gebe viele Brasilianer, für die Funk keine „richtige Kultur“ sei. Einig sind sie sich aber, dass sich gerade viel ändere in den Kulturszenen, besonders in denen von großen, prekären Städten wie zum Beispiel São Paulo. „Es gibt immer mehr Ansätze, Kultur nicht mehr nur in den klassischen Institutionen wie Theatern oder Museen stattfinden zu lassen, sondern überall,“ erklärt die Katharina von Ruckteschell-Katte. „Dadurch ändert sich vielleicht auch langsam der klassische Kulturbegriff!“

 

Die Debatte Keine Kommentare