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La France est Charlie

Frankreich trauert um die Opfer des Anschlags auf die Redaktion des Magazins „Charlie Hebdo“ in Paris

 

Es ist ein schöner Tag in Lyon, die Luft ist klar und rein und die Sonne wärmt das Gesicht. Die Anzeigen der Linienbusse signalisieren noch „Bonne année“, also „frohes neues Jahr“. Doch der fröhliche Gruß schmeckt schal; er hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, da wirklich niemand mehr in Feierlaune ist.

Der Kalender schreibt den 8. Januar 2015, es ist der Tag nach dem furchtbaren Attentat auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ am Mittwochmorgen in Paris. Mindestens zwölf Menschen sind gestorben, darunter acht Journalisten. Das Land steht unter Schock. Es hat gerade den schlimmsten Anschlag seit den Bomben-Explosionen in der Pariser Metro 1995 erlebt.

Bereits am Vorabend haben sich auf den Straßen zehntausende Menschen zu spontanen Kundgebungen versammelt: in Paris sind es 35.000, in Lyon 15.000, in Toulouse 10.000, in Nantes etwa 5.000 Menschen, darunter Ex-Premierminister Jean-Marc Ayrault, die ihre Trauer zum Ausdruck bringen. Die Fernsehsender zeigen den ganzen Tag über Sondersendungen. Augenzeugen schildern, wie die Attentäter in das Gebäude an der Rue Nicolas-Appert Nummer 10 eindrangen, ein Blutbad anrichteten und sich auf der Straße anschließend Gefechte mit der Polizei lieferten. Die Berichte lassen die Zuschauer mit offenem Mund zurück.

 

 

Am heutigen Donnerstag wehen die Fahnen im ganzen Land auf Halbmast. Präsident François Hollande hat einen nationalen Trauertag ausgerufen.

Ein Kellner im Café hat sich einen Button mit dem Schriftzug „Je suis Charlie“ ans Revers geheftet. Auf den Straßen patrouillieren deutlich mehr Polizisten als sonst. In der Tram herrscht betretenes Schweigen. Statt den bunten Service-Filmchen, die normalerweise auf den Bildschirmen flackern, prangt da nur ein schlichter Schriftzug auf schwarzem Grund: „Nous sommes Charlie“.

Niemand hat bislang realisiert, was da eigentlich geschehen ist. Die unschuldigen Toten und Schwerverletzten, die die Attentäter zurücklassen, sind schlimm genug. Doch es geht hier um mehr für das Land. Frankreich wertet den Anschlag als Angriff auf seine Werte, auf die Grundrechte der Fünften Republik. Die Zeitungen titeln „La liberté assassinnée“ (Figaro), auf Deutsch „die ermordete Freiheit“, und „La France meurtrie“ (La Croix), „Frankreich tief verletzt“.

Um 12 Uhr am Mittag versammeln sich die Menschen nach den Kundgebungen am Vorabend erneut für eine Schweigeminute auf den Straßen. Auf den Schock folgt die stille Trauer. Die Zeichnungen des Magazins Charlie Hebdo sind nicht unumstritten, „Glaubt ja nicht, dass ich euch jetzt besser finde oder gar mag“, sagt einer, „aber trotzdem ist das natürlich ein furchtbarer Tag für Frankreich. Wir müssen jetzt alle zusammenhalten.“ Zusammenhalt und Solidarität, das sind die Worte, die immer wieder fallen, und dass man nicht aufgeben dürfe. Aufgeben wollen auch die verbliebenen Redakteure von „Charlie Hebdo“ nicht; Patrick Pelloux, Kolumnist bei der Zeitschrift, hat bereits angekündigt, dass in der kommenden Woche eine Ausgabe erscheinen wird.

Der Kampf für ein geeintes, tolerantes und freies Frankreich wird nicht einfacher werden. Bereits wenige Stunden nach dem Attentat auf die Redaktion in Paris kam es zu Attacken gegen muslimische Einrichtungen, zum Glück ohne Verletzte: Im nordwestfranzösischen Le Mans sowie in Port-la-Nouvelle im Süden Frankreichs wurden am Mittwochabend eine Moschee sowie ein weiteres muslimisches Gebetshaus beschossen, in Villefranche-sur-Saône kam es am Donnerstagmorgen zu einer Explosion vor einem Dönerladen nahe einer Moschee.

Derweil versucht Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen „Front National“, aus dem Attentat Kapital zu schlagen. Sie forderte ein Referendum über die Wiedereinführung der Todesstrafe und einen französischen „Krieg gegen den Fundamentalismus“.

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