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Bild: Lena von Holt

Leben abseits der Norm

Von der Bedeutung unserer Sprache für geschlechtliche Identität.

 

Ende August hat ein Gericht in Frankreich einem 65-jährigen Mann erlaubt, sein „männliches“ Geschlecht auf der Geburtsurkunde in ein „neutrales“ zu ändern. Mit diesem Urteil wird das allererste Mal in Europa ein Geschlecht eines Erwachsenen anerkannt, das nicht männlich oder weiblich ist und damit ein potentielles „drittes Geschlecht“ eingeführt.

Über 60 Jahre kämpft er für sein Geschlecht. Eine fiktive Kategorie übergestülpt, die ihm nie gefallen wollte – nur, weil die Gesellschaft keinen Namen für ihn fand. Dabei sind gerade die manchmal so wichtig: Sie schaffen Identität. Wer keinen hat, wird als abnormal klassifiziert und in die Ecke der Gesellschaft gestellt.

Intersexuelle Menschen lassen sich aus verschiedenen Gründen nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen, weil ihre genetischen, hormonellen oder körperlichen Merkmale nicht typisch für die Geschlechterkategorien „Mann“ und „Frau“ sind. Experten hoffen, dass der Fall erneute Aufmerksamkeit auf die Diskriminierung von intersexuellen Menschen lenkt und zu einem neuen sprachlichen Umgang führt.

Entweder oder – Gesetzeslage in Europa

In Frankreich kann das Geschlecht zunächst einmal offen bleiben, wenn es nicht eindeutig bestimmt werden kann. Wenn es nach zwei Jahren medizinischer Behandlung immer noch nicht eindeutig zugeordnet werden kann, müsse sich vor Gericht darauf geeinigt werden, dass das Geschlecht auch in Zukunft offen bleibt. Vor dem Gerichtsurteil war es nicht möglich, sich auf etwas „dazwischen“ festzulegen. Ob das Urteil bestand hat, ist noch unklar: Da die Entscheidung den derzeitigen Gesetzen Frankreichs widerspricht, hat die Staatsanwaltschaft Revision einlegt.

Europa ist sich in dieser Frage uneinig: Soll es überhaupt eine dritte Option geben? Wer soll über das Geschlecht eines Menschen bestimmen können? „In den meisten Ländern genügt die Einwilligung der Eltern als Voraussetzung für eine Geschlechtsoperation an einem mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geborenen Kind, einige Länder setzen aber auch die Einwilligung des Kindes voraus“, sagt Stella Jegher, Expertin für Frauenrechte und Genderfragen bei Amnesty International Schweiz.

Vorreiter Deutschland?

In Deutschland komme das neue Personenstandsrecht vom 1. November 2013 einer „juristischen Revolution“ gleich. Das berichtete die Süddeutsche Zeitung. Neben Männern und Frauen erkenne das deutsche Recht seit zwei Jahren auch ein “unbestimmtes Geschlecht” für Neugeborene an. Die Geschlechtsangabe auf der Geburtsurkunde könne einfach ausgelassen und nach Wunsch nachträglich eingetragen werden. Einen ersten Erfolg sieht darin auch die Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf: „Die Identität eines Kindes ist nicht davon abhängig, was nach der Geburt eingetragen wird. Nicht alle entwickeln auch die Identität, die ihnen nach der Geburt zugewiesen wird.“ Selbst wenn man ein intersexuelles Kind zu einem „typischen“ Jungen operieren oder erziehen würde, wäre damit also noch nicht entschieden, welche Identität es später annehmen würde. Das deutsche Gesetz erkennt diesen Spielraum an. 

Es habe jedoch einen Haken: „Wir brauchen dringend weitere gesetzliche Regelung, sonst entsteht eine Gesetzeslücke“, sagt Richter-Appelt. Kein Gesetz lege fest, ob Intersexuelle ein Leben lang ohne Geschlechtseintrag leben können oder ob sie sich früher oder später doch entscheiden müssen. Und ob es bei einer Entscheidung neben „Mann“ und „Frau“ noch eine weitere Kategorie geben werde. Doch ohne Geschlechtseintrag bestehe zur Zeit beispielsweise auch nicht die Möglichkeit ein Kind zu adoptieren oder zu heiraten.

Mann, Frau oder „dazwischen“

Die Möglichkeit eine dritte Kategorie wie „Intersexuell“ anzukreuzen, bestehe weder in Deutschland noch in Frankreich. Richter-Appelt weist darauf hin, dass mit dieser dritten Kategorie kein weiteres Geschlecht gemeint sei. „Es könnte genauso gut heißen, dass es insgesamt fünf Geschlechter gibt“, sagt Richter-Appelt.

Vielmehr lässt sich diese dritte Option wie ein „Gendergap“ verstehen. Auf diese Weise sollen auch all diejenigen sprachlich repräsentiert werden, die sich mit den herkömmlichen Geschlechtskategorien nicht identifizieren können oder wollen – sei es, weil sie biologisch nicht eindeutig einem

 

der beiden traditionellen Geschlechter zugeordnet werden können, sei es, weil sie sich selbst nicht ausschließlich als „Frau“ oder „Mann“ fühlen. „Auch biologisch gesehen gibt es ja zahlreiche Nuancen zwischen den herkömmlichen Geschlechtskategorien“, sagt Jegher.

Forderung nach Selbstbestimmung

Etwa eins von 2000 Kindern kommt in Deutschland mit einem nicht eindeutig definierbaren Geschlecht auf die Welt. Welche Kategorie auf der Geburtsurkunde ausgewählt wird, bestimmen Ärzte meist unmittelbar nach der Geburt. Lange Zeit war es gängige Praxis, den Säugling durch eine Operation nach der Geburt auf ein traditionelles Geschlecht festzulegen. Noch immer werden etwa 80 Prozent der Intersexuellen mindestens einmal in ihrem Leben operiert – meistens noch bevor sie in die Schule kommen. Das geht aus einer Studie des Netzwerks „Disorders of Sex Development“ aus dem Jahr 2008 hervor. (http://www.netzwerk-dsd.uk-sh.de/fileadmin/documents/netzwerk/evalstudie/Bericht_Klinische_Evaluationsstudie.pdf)

Dass operative Eingriffe zur „Geschlechtsangleichung“ nicht zwingend zu einer Geschlechtsidentität beitragen und die „Gleichmachung“ zu lebenslangen physischen und psychischen Folgen führt, belegt die Hamburger Intersexstudie aus dem Jahre 2007.

 

Richter-Appelt kritisiert zwar die geschlechtsanpassenden Operationen ohne medizinischen Notwendigkeit, sieht aber durchaus den Vorteil von Zuteilungen: „Es ist einfacher, dass ein Kind, der Kindergarten und die Schule weiß, was mit ihm los ist. Zum Beispiel dass das Kind weiß, ob es beim Sportunterricht bei den Mädchen mitmachen will. Dem Kind ist nicht geholfen, wenn es sich jeden Tag erneut entscheiden muss, sondern bloß überfordert.“

Wir brauchen eine neue Sprache

Genau genommen hätten intersexuelle Menschen zwei Geschlechter, oder zwei halbe, aber eben nicht „kein Geschlecht“. Das sprachlich korrekt auszudrücken, stellt viele vor eine Herausforderung: „Ich bin mir gar nicht sicher, ob ‚neutral‘ wirklich so gut ist. Das würde ja bedeuten, dass man kein Geschlecht habe“, sagt Richter-Appelt.

“Wir haben im Moment zumindest im Deutschen gar keine Sprache für ein drittes Geschlecht“, sagt Jegher. Aber auch der Alltag werde von der bipolaren Geschlechterordnung dominiert. Die Angabe des Geschlechts wird für die Identitätsnummer oder die Eröffnung eines Bankkontos gebraucht. Von der Kleidung über die Aufteilung der Toiletten bis zur Vorstellung von sexuellen Beziehungen – „Mann“ und „Frau“ prägen unser Leben. „Für intersexuelle Menschen ist das tagtäglich eine Herausforderung, ebenso für manche Transmenschen. Wenn wir das Problem lösen wollen, reicht aber die Einführung eines „Dritten Geschlechts“ nicht, sondern wir müssten die gesamte bipolare Geschlechterordnung in unserer Gesellschaft ändern.“ Das sei ein größeres Projekt und würde auch nicht alle glücklich machen. Viele würden sich gerne als Mann oder Frau definieren.

Die Idee eines dritten Geschlechts ist nicht neu, aber selbst in Fachkreisen umstritten. „Sich auf ein drittes Geschlecht festzulegen, wird viele nicht glücklich machen. Das dritte ist nicht eines, sondern steht für eine sehr heterogene Masse“, sagt Jegher. „Es kann auch sein, dass eine zusätzliche Kategorisierung zu zusätzlichen Diskriminierungen führt.“

 

Dem 65 Jahre alten Franzosen hat es auf jeden Fall geholfen, sein Geschlecht auf der Geburtsurkunde von „männlich“ in ein „neutrales“ zu ändern. „Heute habe ich endlich den Eindruck, von der Gesellschaft so anerkannt zu werden, wie ich bin“, sagte er der Zeitung „20 Minutes“.

Der Präzedenzfall in Frankreich gibt Hoffnung darauf, dass dies bald auch andere „Inters“ behaupten können. Indem man dem „dritten Geschlecht“ einen Namen gibt, ihn im Alltag genauso wie in der Verwaltung anwendet, erkennt man auch die Menschen dahinter an. Um das Diskriminierungsproblem vollständig zu lösen, bedarf es jedoch mehr. Denn wer Grenzen zieht, riskiert immer auch Ausgrenzung.

 

 

 

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