Ein Viertel der Niederlande liegt unter Meeresspiegelniveau -  
                 Foto: Jana Luck

Ein Viertel der Niederlande liegt unter Meeresspiegelniveau - Foto: Jana Luck

Leben unter dem Meeresspiegel

Die niederländische Geschichte ist eng mit Wasser verknüpft. Niederländer wissen, wie sie mit dem Wasser leben und auch, wie sie seine Kraft bekämpfen können. Sie stahlen dem Meer Land, um ihrer wachsenden Bevölkerung mehr Raum zu geben – ein komplexes Ingenieursvorhaben. Und heute ist es wieder ein wichtiges Thema: denn der Meeresspiegel steigt und ein Viertel des Landes, das in einem Delta geborgen ist, liegt unter diesem Level. Zum Beginn der UN-Klimakonferenz in Paris: was bedeutet der Klimawandel für die niederen Lande mit ihrer Polderlandschaft und was für Erwartungen gibt es im Vorfeld der Konferenz? Welche globalen Herausforderungen und Auswirkungen sind hier schon ganz praktisch spürbar?

Die niederländische Klima-Agenda

Jan-Jaap van Halem ist mobil. Ich erreiche ihn telefonisch; er ist gerade auf dem Weg von einer Besprechung zur nächsten. Zwischen meinen Fragen bittet er mich kurz darum, gleich zurück zu rufen – er müsse seinen Anschlusszug erreichen und deshalb kurz ein bisschen schneller rennen. Na klar doch.

Jan-Jaap van Halem arbeitet im Ministerie van Infrastructuur en Milieu, im Ministerium für Infrastruktur und Umwelt – und er lebt seinen Beruf. Gefahren wird mit der Bahn statt mit dem Auto – öffentlicher Nahverkehr statt eigener Wagen.

„Der steigende Meeresspiegel, veränderte Wasserstände in den Flüssen, die in unser Delta fließen, aber auch Trockenheiten und steigende Temperaturen sind die Themen des Klimawandels, die uns hier in den Niederlanden am meisten beschäftigen“, sagt van Halem. Zwischendurch quakt eine Stimme auf Niederländisch durch den Lautsprecher, um seine nächste Station anzusagen.

Wasser von unten und von oben

Nah am Wasser gebaut - Hier in Amsterdam sieht man, wie sehr Land und Wasser beieinander liegen. Foto: Jana Luck
Nah am Wasser gebaut – Hier in Amsterdam sieht man, wie sehr Land und Wasser beieinander liegen. Foto: Jana Luck

„Dabei steht vor allem die Verteilung des Wassers seit Jahrzehnten auf unserer Agenda“, sagt van Halem. Nach der Flutkatastrophe von 1953, als die Deiche nach langen Jahren Weltkrieg und Restauration marode waren und die Wasser verheerende Schäden anrichteten, wurden Maßnahmen zum Deichbau erhöht. Dann, Jahrzehnte später, waren die Ziele erreicht – nur um wieder höher gesetzt zu werden, da nun der steigende Meeresspiegel das Vorhaben zusätzlich erschwerte. Nun geht es vor allem darum, den steigenden Meeresspiegel und auch mehr Perioden mit starkem Regenfall auszugleichen.

„Wir müssen uns jetzt auf Veränderungen einstellen, weil wir nicht sicher wissen, wie erfolgreich Strategien sein werden, die den Anstieg des Meeresspiegels oder stärkere Regenfälle verhindern.“ Wer in Amsterdam lebt, weiß: Regen, in allen Abstufungen von Sprüh-, über Nieselregen und bis hin zu wolkenbruchartigen Wassergüssen stehen beinahe täglich auf dem Programm. „Das führt zu kurzzeitig stark erhöhten Wasserständen in Flüssen – und die halten nicht an Landesgrenzen, das heißt mehrere Staaten zusammen müssen sich an höhere und stetigere Regenfälle anpassen.”

Die Niederlande setzen dabei auf neue Strategien: es geht nicht mehr nur darum, höhere Deiche zu bauen, sondern „wir müssen mit der Natur bauen und mit ihr entwickeln: natürliche Stauräume für Wasser kreieren und statt nur höheren Deichen vor allem stabilere Bauten. Wir Niederländer sind da globale Vorläufer – wir machen das seit Jahrhunderten“, sagt van Halem, nicht ohne ein bisschen stolz in der Stimme.

Zeit zum Diskutieren – Pläne für die Zukunft

In der großen und modernen Eingangshalle auf dem Roeterseiland-Campus der Universiteit van Amsterdam sehen Hereinkommende ein halbhohes Podest; darauf zwei ledern-altbackene Sessel nebst zwei großen Topfpflanzen und einer Stehlampe wie aus Omas Wohnzimmer. Über der schmalen Bühne steht mit schwarzen Lettern auf der Wand: „Room for Discussion“. Auf Plastikklappstühlen davor sitzen brav in Reihen etwa ein gutes Hundert Studenten. Auf den Lederstühlen darüber: Bert Metz, ein niederländischer Klima-Experte, sowie Joyeeta Gupta, Professorin für Umwelt und Entwicklung im globalen Süden, die die niederländische Regierung in Klima- und Entwicklungsfragen berät.

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Beim “Room for Discussion” geht es auch um künftige Klimaflüchtlinge. Foto: Jana Luck

Heute auf der Agenda des Room for Discussion: Der Klimawandel und die Konferenz Paris. Auf Twitter kann zeitgleich mitdiskutiert werden: Was ist zu erwarten von der Klimakonferenz?

„Wir können Veränderungen schon heute spüren“, sagt Bert Metz. „Auch hier in den Niederlanden steigen Temperaturen, das merken wir alle jetzt gerade im Herbst und Winter. Und auch den heftigeren Regenfall nehmen wir alle wahr.“

Klimakonventionen fokussieren zu sehr auf die Folgen, meint Joyeeta Gypta. „Was wir tatsächlich ändern müssen, sind Produktions- und Konsumverhalten. Das betrifft dann auch ganz praktisch unsere Art, unser Konzept, zu leben. Wir müssen einen Schritt zurückgehen und diese Dinge ändern – sonst ändert sich viel hier für uns in den Niederlanden.“

Ein globales Thema

„Im Grunde ist das Problem immer ein weltweites“, sagt Rafael Postpischil, der für ein Auslandssemester an der Freien Universität in Amsterdam Environmental Policy & Planning studiert. „Die Emissionen gehen in die Atmosphäre und machen nicht an Landesgrenzen halt. Aber der zentrale Unterschied ist, dass entwickelte und wohlhabende Länder, so wie die Niederlande, es viel einfacher haben, sich an solche Veränderungen anzupassen. Der steigende Meeresspiegel ist etwa für Bangladesch sehr viel dramatischer.“ Eine mögliche Folge, dann wiederum für die Niederlande: „Menschen aus allen Teilen der Welt flüchten wegen klimatischen Veränderungen hierher. Wir sehen ja jetzt schon, was für Diskussionen über Flüchtlinge es gibt. Bis 2050 müssen wir mit 300 Millionen geflüchteten Menschen rechnen, aufgrund von klimatischen Veränderungen, weil viele Teile der Welt schwerer bewohnbar werden.“ Das werde für die Niederlande und andere wohlhabende Länder, die Glück hatten und in klimatisch stabileren Teilen leben, „eine Hausnummer, die auch unseren Wohlstand in Frage stellt. Es geht darum, sich international für mehr Klimaschutz stark zu machen und Wissen um Abwassersysteme und Dämme zu teilen, nicht vor allem darum, sich hier vor Ort vor dem Wasser abzuschotten“, sagt Rafael, der sichtlich in seinem Element ist. Die Fakten sprudeln nur so aus ihm heraus, er kann kaum aufhören zu erzählen. Etwa vom niederländischen Publizisten Maarten Asscher der voraussagt, dass das Land in 250 Jahren unter Umständen zu großen Teilen nicht mehr bewohnbar sein wird. „Ich bin auch der Meinung, dass Umweltschutz extrem wichtig ist, aber mit solchen Formulierungen sollte man vorsichtig sein. Ich hoffe, dass es so dramatisch nicht kommen muss. Und trotzdem: Das ist ein Jahrhundertthema.“

Nationale Umsetzung von unten

Jan-Jaap van Halem, mittlerweile im nächsten Zug, meint: „Es geht eben nicht nur um Deiche, sondern auch darum, etwa unser Mobilitätskonzept und den Häuserbau zu überdenken. Da ist noch viel Luft nach oben. Wir sind ein kleines Land, daher kann ein gut geplantes Infrastruktur-Netz gerade hier viel bewirken zur Reduktion von CO2.“ Solche Projekte sollten dazu genutzt werden, wirtschaftliche Innovationen voranzutreiben und die Klimaziele nicht als eine Last anzusehen, sondern als eine Chance für Wachstum, findet van Halem.

Für Rafael passiert da vor allem momentan noch viel zu wenig. „Die europäische Klima- und Umweltpolitik tritt auf der Stelle. Sie ist meiner Meinung nach bei weitem nicht ambitioniert genug. Die Zielsetzungen bis 2020 an Treibhausgasreduktion wurden etwa schon 2012 erreicht, waren aber auch extrem niedrig gewählt.“

Nicht nur Rafael, auch andere Niederländer sind unzufrieden mit dem Staat. „Urgenda“ heißt eine Bürgerinitiative, die die niederländische Regierung verklagte: diese habe ihre im Grundgesetz festgesetzte Fürsorgepflicht nicht eingehalten, weil sie ihre Einwohner nicht genug vor Klimaveränderungen schütze. Tatsächlich verpflichtete ein Gericht in Den Haag nun den Staat darauf, den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 um mindestens 25 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. „Diese Rückendeckung vom Gericht ist ein absoluter Präzedenzfall“, sagt Rafael, der sich auch persönlich engagiert bei „Fossil Free Amsterdam“.

„Vielleicht ist so etwas ein Denkanstoß, damit in Zukunft mehr Wege zum Engagement gesehen werden.“

Bert Metz meint, er spiele zwar eine andere Rolle als die eines Umweltaktivisten, aber auch er sieht in lokalen und regionalen Aktionen viel Potential. “Hier in den Niederlanden müssen wir etwas tun, damit sich global etwas verändert.”

Für die Klimakonferenz brauche es jetzt rechtlich verpflichtende Ziele, meint Joyeeta Gypta. „Je später wir solche Vereinbarungen treffen, desto schwerer wird es.“ Metz ist da weniger eindeutig. „Mehr kann man mit Regulationen und Bestimmungen erreichen, die Innovationsentscheidungen von großen Unternehmen beeinflussen und ändern – so, dass klimafreundliche Entscheidungen sich für diese lohnen und in Innovationsabläufe implementiert werden.“

Zum Schluss sagt der Klimaexperte Metz noch: „Beim Klimawandel geht es ums Timing. Wir müssen jetzt mit Realitäten arbeiten. Internationale Vereinbarungen sind immer das Ergebnis davon, wozu Nationalstaaten bereit sind. Es beginnt alles Zuhause, auf einer lokalen und regionalen Stufe, auch in den Niederlanden. Dann erst können Veränderungen zu einem internationalen Level aufsteigen.“

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