Foto: Pieck

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Londoner können sich London kaum noch leisten

Mieten rauf, Löhne runter: Die britische Hauptstadt ist für viele ihrer Einwohner zu teuer.

In London ist Billigarbeit in den vergangenen zehn Jahre auf einem Höhenflug gewesen. Immer mehr Jobs wurden immer schlechter bezahlt. Dieser Trend hat 2016 angehalten. Im Vergleich zum Vorjahr ging die Zahl der Billigjobs zwar zurück. In London ist Unterbezahlung aber immer noch ein großes Thema. Wie das Londoner Think-Tank New Policy Institute in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung berichtet, ist ungefähr jeder fünfte Job in London so schlecht bezahlt, dass er zum Leben in britischen Hauptstadt nicht ausreicht. Daneben machen kletternde Mieten den Londonern Kopfschmerzen. Niedrigere Löhne und höhere Mieten: Was macht das mit der Metropole?

“Würde” und “Wertschätzung”, darum geht’s. John Clark arbeitet für die Londoner Restaurant-Kette Abokado in Islington, einem Viertel im Stadtkern, der bekannt ist für seine vielen Pubs, Cafés und Restaurants. John, der seinen Namen nicht im Netz lesen will, heißt eigentlich anders. Er fürchtet Ärger mit seinem Chef. Vor einem halben Jahr, mit 20, ist er aus seiner Heimat Litauen nach London gekommen. Eigentlich wollte er hier studieren, aber das geht nicht: “Viel, viel zu teuer!”, stöhnt er. Nach Litauen zurück war für ihn aber auch keine Option.

Zimmer als Luxusware
Das Problem mit London: Das Preisschild, das das Leben hier trägt. 500 Pfund zahlt er für die Miete in einer Neun-Quadratmeter-Abstellkammer weit außerhalb der Stadt. In das “Zimmer”, wie er ironisch sagt, hat er eine Luftmatratze zum Schlafen reingelegt. Einen Schrank gibt es nicht, John lebt aus dem Koffer. “Zum Glück arbeite ich in einem Restaurant, da spare ich mir das Essen Kaufen”, sagt der 20-Jährige in flüssigen Englisch, der einen geflochtenen, dünnen Zopf trägt und immer lacht, wenn es ums Thema Geld geht. Davon hat er nämlich eigentlich zu wenig, um in London über die Runden zu kommen. 35 Stunden die Woche ist er Sushi-Verkäufer in der Fast-Food-Kette. Er verdient genau den britischen Mindestlohn: 7,2 Pfund. Das macht am Ende des Monats knappe 1.000 Pfund. Das ist zu wenig, um in London überleben zu können. Das sagt zumindest die Londoner Nichtregierungs-Organisation Living Wage Foundation. Auf Grundlage von unterschiedlichen Faktoren hat sie den “richtigen” Mindestlohn für London berechnet. Und der liegt bei 9,75 Pfund. Sadiq Khan, der Bürgermeister der Stadt, unterstützt die Verbreitung dieses sogenannten London Living Wage. Mittlerweile machen mehr als 1.000 Londoner Unternehmen auf freiwilliger Basis mit und zahlen ihren Mitarbeitern die 9,75 Pfund, mit denen man sich bei Vollbeschäftigung ein Leben in London leisten kann.

Mark Lilley (“Abokado Mark”) ist hat die Londoner Fast-Food-Kette Abokado gegrüdet. Der Slogan von Abokado: Wir helfen Londonern, ein gesunderes und glücklicheres Leben zu führen. Den London Living Wage zahlt die Kette ihren Mitarbeitern nicht.

 

Ein Funke Hoffnung
Unterbezahlung ist in der britischen Hauptstadt ein großes Thema. Zwar hat die Anzahl der zu schlecht bezahlten Jobs, also der Jobs, die unter den 9,75 Pfund des London Living Wage liegen, zum ersten Mal seit fünf Jahren nicht noch weiter zugenommen. Aber immer noch sind mehr als 18% aller Jobs in London unterbezahlt. Besonders auffallend ist der Unterschied zwischen den Stadtteilen in Inner London und denen in Outer London. Die Stadtteile mit den höchsten Prozenten an Unterbezahlung liegen alle in Outer London, also nicht mehr im unmittelbaren Londoner Stadtkern (siehe Map). In Outer London sind 27% aller Jobs schlecht bezahlt, in Inner London sind es hingegen nur 14%. In diesem Jahr sind nicht noch mehr schlecht bezahlte Jobs dazugekommen, zum ersten Mal seit fünf Jahren. Aber: In den letzten zehn Jahren ist Unterbezahlung um sieben Prozent nach oben gesprungen.
Im nordöstlichen Borough Brent zum Beispiel ist fast jeder dritte Job schlechter bezahlt als der London Living Wage. Andrew Jackson, 39, lebt und arbeitet dort. Der zweifache Familienvater ist seit zehn Jahren in einem kleinen Kiosk an der U-Bahn-Station “Stonebridge Park” Angestellter. Er verdient 8 Pfund – und muss alleine seine Familie ernähren. Seine Frau passt auf die kleinen Kinder auf. Er sagt: ”Natürlich ist es schwierig. In London, dieses Gehalt! Aber ich habe keine Alternative, ich muss das Gehalt so annehmen. Mein Chef meint, er kann mir nicht mehr zahlen, weil er sonst schließen müsste. Das glaube ich aber nicht. Ein bisschen, ein bisschen mehr Gehalt, das wäre Wertschätzung meiner Arbeit und würde mir zumindest ein bisschen Würde geben. Ich bin kein Sklave!”

Die Londoner Stadtteile im Überblick. Was sind die Konsequenzen von Billigarbeit? Klicken Sie auf die Karte, um weitere Informationen zu den Stadtteilen zu erhalten.

Billigarbeit ist das eine Thema, das Londoner zu schaffen macht. Das andere sind die Mietpreise. Die sind seit mehr als zehn Jahren in einer konstanten Aufwärtsbewegung. Nach Angaben der Statistiker der britischen Regierung muss der Durchschnitts-Londoner heute 36 Prozent mehr Miete zahlen als noch 2006. Besonders auffallend ist der Unterschied zwischen London und dem Rest von Großbritannien. Während man in London durchschnittlich 1.543 Pfund Miete zahlt, muss man im Rest des Landes ungefähr 800 Pfund weniger für´s Wohnen ausgeben.

Weniger Gehalt, mehr Miete: Leben in London wird immer schwieriger. Ob London zu einer Stadt nur für Superreiche wird und Mittel- und Unterschicht vertreibt, wird abzuwarten sein. Zumindest gibt der Stopp bei der Zunahme von Billigarbeit Grund zur Hoffnung, dass das nicht passiert. London als “city for everybody”, das wünschen sich wohl nicht nur die beiden Verkaufsmitarbeiter John Clark und Andrew Jackson.

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