Londinium

Londoner Träumereien

Während Großbritanniens Politiker in den vergangenen Monaten mit bangem Blick in den Norden geschaut und mit “Better Together”-Fahnen nach Einheit gerufen haben, ist in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs selbst der Ruf nach Unabhängigkeit laut geworden. Jeder fünfte Londoner würde für ein unabhängiges London stimmen, das ergab eine aktuelle Studie des Umfrageinstituts Censuswide. Größenwahnsinniger Schwachsinn oder gar nicht so abwegig? Eine halb-ernst gemeinte Annäherung in vier Fragen.

 

Was spricht für die Unabhängigkeit Londons?

 

1)    Schottlands wichtigstes Argument im Unabhängigkeits-Kampf war deren großer Wohlstand. Tatsächlich liegt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in Schottland mit etwa 23.300 Pfund (29.340 Euro) um 2.300 Pfund etwas höher als im gesamten Königreich. Das nationale Statistikamt schätzt jedoch, dass der Durchschnitts-Londoner 70 Prozent mehr zum BIP beiträgt als Menschen im Rest von England – das macht einen Unterschied von 16.000 Pfund jedes Jahr. Keine Frage, dass die Londoner ihren Wohlstand da auch lieber unter sich verteilen würden.

 

2)    Londons Einwohner haben mit England etwa so wenig gemeinsam wie der Vatikan mit dem Rest Italiens. Mehr als ein Drittel der Londoner Einwohner wurden außerhalb Englands geboren – und das sind ganz schön viele, etwa drei Millionen Internationale von insgesamt knapp 9 Millionen Einwohnern – und das wiederum sind übrigens mehr Menschen als in Schottland, Nordirland und Wales zusammengenommen. Mit drei Millionen Einwohnern, die etwa 300 verschiedene Sprachen sprechen, ist London nicht nur die kosmopolitischste Stadt Europas, sie hebt sich auch besonders vom Rest Englands ab: Im Schnitt sind die Londoner jünger, besser ausgebildet, weniger religiös und arbeiten mehr.

 

3)    London ist nicht wie die anderen Großstädte in Europa. London ist global, es stellt sich nicht gerne in eine Reihe mit Paris, Berlin oder Brüssel, London hat nur Augen für die, mit denen es auch Geschäfte machen kann: New York, Tokyo und Shanghai. Europa steht für Regulierung der Finanzmärkte, und London will davon so wenig wie möglich, denn die Finanzmärkte sind ihr großes Geschäft. Lass den Rest Großbritanniens mit Europa alleine, London muss unabhängig werden und zwar von England und der EU, forderte ein Kommentator des Evening Standard letztes Jahr.

 

Wer sind die Unterstützer der Londoner Unabhängigkeitsbewegung?

 

Wenn man nach Unterstützern der Londoner Unabhängigkeitsbewegung googelt, stößt man auf den Twitter-Account einer Gruppe namens London City State, die sich für einen unabhängigen Stadt-Staat stark macht – und einige gute und weniger gute Gründe für den Sonderstatus Londons bietet. Zu interessieren scheint das bisher allerdings nur wenige: @indyLDN hat 13 Follower. Von einer echten Unabhängigkeitsbewegung ist man in London also weit entfernt.

Trotzdem gibt es einige Gruppen, die sich für ein finanziell unabhängigeres London einsetzen. Zum Beispiel London First, eine Business Lobby Gruppe, die findet, dass eine Stadt, die mit der Wirtschaftskraft und Bevölkerungsgröße von Schottland, Wales und Nordirland mithalten kann, mehr Kontrolle über ihre eigenen Angelegenheiten bekommen sollte. In London selbst gibt es für diese Idee viel politischen Konsens. Ein Entwurf Boris Johnsons, der vorschlägt, dass London mehr der eingezahlten Steuern behalten und über deren Verwendung entscheiden dürfen sollte, wurde wohlwollend von allen politischen Lagern aufgenommen.

 

Der wohl bekannteste Verfechter der “Republik London”, wie er sie selbst in einem Interview nannte, ist der ehemalige Bürgermeister Londons Ken Livingstone. Kurz vor den vergangenen Wahlen 2012, bei denen Livingstone gegen den aktuellen Bürgermeister Boris Johnson antrat, gab er bekannt, dass er sich die totale Unabhängigkeit für London wünsche. In einem unabhängigen London könne mehr Geld in eine bessere Infrastruktur und Lebensqualität gesteckt werden, statt 20 Milliarden Pfund mehr in den Rest des Landes zu pumpen. Gewählt wurde Livingstone mit dieser Forderung allerdings nicht.

 

Und was spricht dagegen?

 

London hat ein entscheidendes Kriterium im Kampf um die Unabhängigkeit nicht: die historische Legitimation. Während Schottland Jahrhunderte lang ein eigenständiger Staat war und die Katalanen durch Sprache und Kultur historisch eng verbunden sind, war London seit jeher die Hauptstadt und das Herzstück Englands. Die fehlende historische Einheit und Abgrenzung zum Rest Englands macht es auch unwahrscheinlicher, dass sich eine ernstzunehmende Sezessionsbewegung herausbildet.

Auch viele andere praktische Dinge wären für einen so kleinen Staat wie London schwer zu stemmen: ein eigenes Militär, die Einbindung in internationale Organisationen wie die UN oder eigene Vertretungen im Ausland.

 

Wie würde ein Unabhängigkeits-Begehren für London aussehen – und ist es überhaupt möglich?

 

Die schlechten Nachrichten zuerst: um ein legales Unabhängigkeits-Begehren in Gang zu bringen, wird die internationale Anerkennung und vor allem die Anerkennung der Britischen Regierung benötigt – und das wäre im Fall Londons zugegebenermaßen ziemlich schwierig: Die britische Regierung wird kaum Interesse daran haben, ihrer Nation das finanzielle und kulturelle Herz zu entreißen. (Auch die finanzstarken Katalanen haben ihr Referendum wegen mangelnder Zustimmung der spanischen Regierung letztlich wieder abgesagt.)

Nationale und internationale Anerkennung aber einmal vorausgesetzt, müsste auch London ihre Einwohner darüber abstimmen lassen, ob Sie in einem unabhängigen Stadt-Staat leben möchten. Sollte eine Mehrheit dafür stimmen, würde ein formeller Separations-Prozess eingeleitet werden. Auch der wäre im Fall Londons noch wesentlich schwieriger als bei Schottland: Zum Beispiel müsste die gesamte Regierung des verbleibenden Königreichs aus London raus verschoben werden – das wäre nicht nur eine schwierige Entscheidung, sondern auch ein kaum zu tragender Kostenaufwand. Eine Abtrennung Londons vom Vereinigten Königreich ist also technisch möglich, aber praktisch undenkbar – nicht zuletzt wäre auch die Queen sicherlich “not amused”, wenn sie ihren Hauptsitz in London aufgeben müsste.

Foto: Martin Pieck

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