Energiewendeinterview

Man kann es nicht jedem rechtmachen

Das ist die erste Lektion einer Strategievorlesung. Trotzdem scheint die Deutsche Energiepolitik so ein Versuch, allen Interessen gerecht zu werden: dem Umweltschutz, dem Klimawandel, der politisch angespannten Lage mit Russland, dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Bruce Everett, Professor an der Georgetown University und an der Fletcher School of Law and Diplomacy, unterrichtet den Kurs „Petroleum in the Global Economy“, nachdem er über 30 Jahre beim Ölriesen Exxon Mobile gearbeitet hat. Seine – Amerikanische – Perspektive zur Deutschen Energiepolitik ist ziemlich radikal: Deutsche Politiker setzen auf unsichere, teure Technologien und gefährde die Versorgung in der Zukunft.

Bruce Everett zweifelt an dem Weg der Deutschen Energiewende Foto: Schwarzmann
Bruce Everett zweifelt an dem Weg der Deutschen Energiewende Foto: Schwarzmann

Herr Everett, Ihrer Meinung nach setzt Deutschland bei der Energiewende auf Technologien, die sich noch nicht bewiesen haben…

Everett: Ich denke, es ist nicht klar, ob der Vorteil des geringen CO2-Ausstoßes von erneuerbaren Energien deren hohe Kosten und Unzuverlässigkeit rechtfertigt.

Können Sie das ein wenig genauer erklären?

Zunächst sind diese Technologien unglaublich teuer und unzuverlässig. Atomkraft, Kohle oder auch Erdgas liefern stetig Energie an das Netz – unabhängig von Uhrzeit und Wetter. Erneuerbare Energie kann das nicht. Vergleichen wir ein Watt eines Erdgaswerkes mit einem Watt eines Solarkraftwerkes: das Erdgaswerk erzeugt 7.900Kilowattstunden Elektrizität im Jahr, das Solarwerk 1300 Kilowattstunden – und das auch nur dann, wenn die Sonne scheint. Auch Windkraft wird vor allem nachts produziert, da brauchen Kunden aber keinen Strom. Da es allerdings keinen wirtschaftlich effizienten Weg gibt, diesen Strom zu speichern, entsteht eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, die man mit fossiler Energie füllen muss.

Das heißt, sie sehen schwarz für die Energiewende?

Everett: Deutschland muss einen gesunden Kompromiss finden zwischen dem Langzeitziel Energiewende und Wirtschaftswachstum.  Die Deutschen Konsumenten zahlen schon heute zwei- bis dreimal so viel für Strom wie die Amerikanischen. Steigende Energiepreise besorgen die Deutsche Industrie. Gas kauft Deutschland zu hohen Kosten ein und der Anteil der mit Atomkraft erzeugten Energie hat die Bundesregierung auf unter 40% reduziert. Nur: Ohne Atomkraft gibt es nur noch eine kostengünstige Quelle für Energie und das ist Braunkohle.

Glauben Sie, wie unter anderem auch die Financial Times, dass der Atomausstieg ein Fehler war?

 Es ist nicht richtig, die Entscheidung die Atomkraftwerke abzustellen, als Fehler zu bezeichnen. Demokratische Systeme reagieren auf ihre Wähler und Kernenergie ist unbeliebt in Deutschland. Der Atomausstieg ist teuer.

Die Deutsche Energiewende:

So heißt das Programm der Bundesregierung, dass zum Ziel hat, die Energieversorgung in Deutschland grundlegend zu ändern. Mehr Informationen gibt es auf der Seite des verantwortlichen Ministeriums:

Deutsche versus Amerikanische Energieversorgung, die grundlegenden Unterschiede:
Ressourcenreichtum auf eigenem Boden
Die USA haben große Vorkommen an Öl, Erdgas und Kohle im eigenen Land und das relativ kostengünstig. Auch wenn es momentan wichtige umweltpolitische Herausforderungen diesbezüglich in den USA gibt, besteht für die USA die Möglichkeit, sich kostengünstig selbst zu versorgen.
Die USA haben einen politisch stabilen Handelspartner
Während die USA ihre Energieversorgung mit kanadischen Ressourcen sichern, ist Deutschland auf Russland und den Nahen Osten angewiesen. Kanada ist nicht nur ein wirtschaftlich Handelspartner, sondern auch ein politisch stabiles Land. Deutschland muss mit politischer Unruhe und Versorgungsunsicherheit in den Ländern rechnen, aus denen sie ihre Ressourcen beziehen.
Atomkraft ist ein akzeptables Übel in Amerika
Auch wenn die Amerikaner kein Fan von Atomkraft sind, wird es als notwendiges Übel angesehen.

Aus einem Dokument des Ministeriums für Wirtschaft und Energie geht hervor, dass der Atomausstieg nur 1,5cent pro Kilowattstunde kostet und mit Steuerreduzierungen aufgefangen wird. Das klingt nicht so teuer wie Sie es darstellen.

1,5cent pro Kilowattstunde allein klingt nicht so viel, aber das ist ja auch nicht die einzige kostenintensive Umstrukturierung der Energiewende. Alle Maßnahmen zusammen werden teurer werden. Außerdem sollte man folgendes nicht vergessen: Subventionen und Steuerreduzierung verteilen die höheren Kosten einfach nur vom Konsumenten auf den Steuerzahler. Egal, wer die trägt, es entstehen zusätzliche Kosten für ganz Deutschland!

Ein Thema, was eng mit der Energiepolitik zusammenhängt ist die Krise zwischen der Ukraine und Russland. Gas spielt in den Sanktionen keine Rolle. Sehen Sie eine Möglichkeit für Deutschland, den Gasbedarf ohne Russland zu decken?  

Deutschland könnte, ohne Zweifel, andere Gasquellen finden, es gibt unglaublich viele Gasvorräte weltweit. Allerdings ist es sehr teuer, Gas zu transportieren. Russisches Gas kostet die Deutschen momentan 10 Dollar für ein MBtu.

Was ist ein MBtu?

Everett: Das ist die Einheit, in der Gas gemessen wird MBtu steht für Million British Thermal Units. Würde Deutschland nun Gas aus einem anderen Gebiet beziehen, zum Beispiel aus Australien für 15 Dollar per MBtu, dann müsste Deutschland Millionen in eine neue Infrastruktur investieren. Russisches Gas ist relativ kostengünstig und in Massen vorhanden. Die wirkliche Frage ist doch, ab wann für Deutschland dieser Kostenvorteil irgendwann weniger zählt als die geopolitischen Probleme, die daraus resultieren.

 

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch genommen haben, Professor!


Beitragsbild: mLu.fotos CC BY 2.0

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