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Mein neuer Bruder aus Afghanistan

„Haare“, die sechsjährige Naima zeigt auf ihren blonden Schopf. „Aber wie schreibt man das?“ , fragt Amir. Da muss die kleine Lernhelferin auch ihre ältere Schwester fragen. Obwohl Familie Hoffmann den 15-jährigen Amir (Name durch die Redaktion geändert) aus Afghanistan erst vor 2 Monaten aufgenommen hat, ist er schon mittendrin – beim Toben, bei der Schnitzeljagd, beim Schlittschuhlaufen und sogar beim Strohsterne für den Weihnachtsbaum basteln. Amir ist einer der 57.376 minderjährigen Flüchtlinge, die laut einer Aufstellung der Bundesländer bis zum 19. November nach Deutschland kamen.

 

Was wie alltägliches Familienleben wirkt, überrascht doch immer wieder aufs Neue. Amir hat viel, das ihn beschäftigt: Erinnerungen an die Taliban in Afghanistan, an die Flucht in den Iran, wo er als illegaler Arbeiter in einer Fabrik arbeitete, und schließlich an den langen, einsamen Weg nach Deutschland. Abends schläft er oft erst spät ein und Susanne, Amirs Pflegemutter sagt, sie mache sich Sorgen, dass nicht all seine Fröhlichkeit echt ist. Er habe mal so etwas angedeutet.

 

Es ist nicht leicht mit jemandem umzugehen, der so viel mehr mit sich herumträgt als man aus seinem Gesicht lesen kann. Pflegevater Kai versucht Amir genau so zu behandeln, wie auch seine anderen Kinder. Er hat zwei erwachsene Kinder, die schon studieren und vier kleinere, die noch zuhause wohnen. Am Anfang als Amir sich viel zurückgezogen hat oder unabgesprochen bis spät abends unterwegs war, wurde auch mal ein Machtwort gesprochen. „Da saß Amir ganz bedröppelt auf einem Hocker und hat alles über sich ergehen lassen. Am Ende hat er nur gefragt: ‘Is it ready now?’“, erzählt Susanne. Die anderen Kinder hätten wahrscheinlich mehr diskutiert, aber Amir ist solche alltäglichen Familiensituationen gar nicht gewohnt. Alle Männer in seiner Familie haben immer einfach gemacht, was sie wollten und nie gesagt, wo sie den ganzen Tag sind. Er weiß noch nicht einmal, was sein Vater beruflich gemacht hat, bevor die Taliban ihn mitgenommen haben.

Diese kulturellen Unterschiede und die Erinnerungen, die zwischen den Pflegeeltern und Amir stehen, vergisst man schnell aber sie sind real.

 

Wenn man Amir fragt, wie er es bei Familie Hoffmann findet, sagt er, dass es am Anfang schwer war mit all den unbekannten Gesichtern, aber dass er es jetzt sehr gut findet. Trotzdem wäre er gerne bei seiner Mutter, die mit zwei weiteren kleinen Söhnen noch im Iran ist. Zum Glück hat Amir, aber wenigstens seinen älteren Bruder Jamil (Name von der Redaktion geändert) in seiner Nähe. Jamil war schon vor drei Jahren nach Deutschland geflohen. Lange Zeit hatte er keinen Kontakt zu seiner Familie und wusste nicht, ob sie noch am Leben sind und wo sie sich aufhalten. Bis er 2015 das Geld und die Dokumente zusammen hatte, um in den Iran zu fliegen und sie ausfindig zu machen. Für Amir erscheint es immer noch wie ein Wunder, das Jamil auf einmal in der iranischen Fabrik auftauchte, wo die Familie arbeitete und lebte. Jamil versucht seitdem alles, um der Mutter zu helfen. Er hat ihr Geld für eine nötige Operation geschickt, aber sie sei zu schwach um auch nach Deutschland zu kommen.

 

Amir macht Jamil Vorwürfe, dass er der Mutter nicht noch mehr helfen kann. Trotz des schwierigen Verhältnisses glaubt Susanne, dass Jamil eine wichtige Stütze für Amir ist. Aber man sieht wie wichtig es ist, dass Amir eine neue, deutsche Familie gefunden hat. „Das Konzept Pflegefamilie bietet einen deutlich geschützteren Rahmen als bei anderen Unterbringungsformen. In einem familiären Rahmen erleben die jungen Flüchtlinge “hautnah” das Aufwachsen und Leben in Deutschland durch den Alltag Familie.“, sagt Matthias Fetterer, Pressesprecher beim Jugendamt in dem Freiburger Landkreis.

 

Familie Hoffmann ist die erste Familie aus ihrem Landkreis, die einen minderjährigen Flüchtling aufgenommen hat. Der Wunsch, einen Flüchtling aufzunehmen, kam von den Kindern, die von den vielen Neuankömmlingen und deren Not in den Nachrichten erfahren hatten. Vor allem die elf Jahre alte Hanja konnte es kaum erwarten, dass Amir endlich einzieht. Kai hofft, dass seine Familie auch andere Familien inspiriert, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Seine Familie ist besonders weltoffen. Sie haben selbst vier Jahre im afrikanischen Tansania und dort unter anderem eine Schule aufgebaut. Neben Amir haben sie auch eine Mutter mit ihren zwei Kindern aus Syrien und eine weitere Frau aus Gambia in ihrem Haus untergebracht.

 

Nach einem Drei-Wochen-Deutschkurs soll Amir nun bald in die achte Klasse einer normalen Schule kommen. In seinem Dorf in Afghanistan gab es keine Schule. Schreiben, Lesen sowie ein bisschen Englisch und Chemie hat ihm ein Mann im Iran beigebracht. Amir sagt, dass ihn vor allem Mathematik und Physik interessieren. Er will auf jeden Fall einmal studieren.

 

Wo und wie Amir wohl in ein paar Jahren lebt und was aus ihm dann geworden ist, das sind spannende Fragen, die über die Zukunft Deutschlands entscheiden.

 

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