Eine Containersiedlung in Amsterdam.  Alle Fotos von Jana Luck.

Eine Containersiedlung in Amsterdam. Alle Fotos von Jana Luck.

Mieten, Kaufen, Wohnen in den Niederlanden

Eine kleine, schwarz-weiß gescheckte Katze sitzt in einem Fenster an der Prinsengracht und blickt auf die Häuser gegenüber des Kanals, die elegant und in calvinistischer Schlichtheit gegeneinander lehnen und zusammen mit glitzernden Fahrrädern, Hausbooten und kleinen, von den Hauptadern abzweigenden Gässchen diese Stadt so zauberhaft machen. So zauberhaft wie in einem Disney-Film sagen heute manche Kritiker, die von Amsterdams Altstadt als „Disneyfiziert“ sprechen.

 

Amsterdam als Disney-Film

„Es ist wie ein Themenpark für Touristen“, erklärt Katusha Sol, die als Stadtsoziologin einer der Gründerinnen von „Placemakers“ ist, eine Initiative, die Nachbarschaftsprojekte und Verbesserungen für öffentliche Plätze engagiert. „Ein Spaßpark für Erwachsene mit Coffeeshops, dem Rotlichtviertel und Touristenattraktionen – aber Unterhaltung mit Echtheitsgefühl. Denn noch leben hier tatsächlich Amsterdamer.“ Ob das noch lange so bleibt, stehe aber in den Sternen. Denn steigende Mieten und Straßen verstopfende Touristenscharen haben schon so manchen Amsterdamer dazu gebracht, sich außerhalb des Stadtzentrums eine Bleibe zu suchen.

Gleichzeitig strömen mehr und mehr Menschen ins Herzen Amsterdams; oft auch junge Familien mit Kindern. Amsterdam ist wie viele europäische Städte ein Ort der Gentrifizierung.

 

Moderate Veränderungen

„Im Vergleich zu Metropolen wie Paris oder London haben wir hier in Amsterdam allerdings immer noch ziemlich moderate Veränderungen“, sagt Katusha Sol. „Doch obwohl Segregation, Konzentration und Fragmentierung der Wohnräume sehr langsam zunehmen, die Zahlen zeigen einen Trend, der aufwärts geht.“

Dass Amsterdam im westeuropäischen Vergleich noch recht balanciert dasteht, spiegelt sich auch in der niederländischen Gesellschaft wider. Traditionell zeigen sich hier eine starke Mittelschicht, keine allzu großen Einkommensunterschiede sowie ein großes Kontingent an sozialem Wohnungsbau. Um auf dem Markt bestehen zu können, forderten Wohnungsbaugesellschaften aber mehr und mehr Eigenbestimmung, etwa auch darin, Wohnungen verkaufen zu können oder die Entscheidungsfreiheit, an wen. „Wer hier vor allem zurück bleibt, ist oft eine Bevölkerungsgruppe im mittleren Segment. Die können sich die richtig teuren Wohnungen wie etwa solche im Zentrum nicht leisten, aber für sozialen Wohnungsbau verdienen sie zu viel“, sagt die Soziologin.

 

Urbanisiertes Suburbia

Das Leben in „Suburbia“ sieht in den Niederlanden anders aus als in vielen westeuropäischen Staaten. Und das liegt schlicht an der Größe des Landes – beziehungsweise seiner Übersichtlichkeit. „Die Wohngegenden außerhalb der Stadtzentren unterscheiden sich nicht allzu sehr von denen im Zentrum“, sagt Sol. „Die suburbanen Gegenden sind hier in den Niederlanden ziemlich urbanisiert – eine Unterscheidung ist deshalb gar nicht so einfach.“ Außerdem liegen Ortschaften und Städte so dicht beieinander, dass das Pendeln zur Arbeit oft nicht länger dauert, als die Fahrt eines Berliners durch die Stadt zu seinem Büro.

 

Wohnen im Container

Studenten wohnen überall in der Stadt verteilt. Ihre Wohnungsentscheidung fällt oftmals nicht damit, wo sie gerne leben möchten, sondern wo ihnen eine der vielen Studentenbauvereinigungen ein Zimmer anbieten kann.

„Ich dachte mir, ich würde schon alleine ein Zimmer finden in Amsterdam“, erzählt Julian, der seit Januar hier Business Administration im Master studiert. „Aber es ist deutlich schwieriger als zuhause, einfach über Facebook oder eine WG-Suchseite verlässliche Kontakte zu bekommen.“ Der 25-Jährige hat vorher in Köln gelebt. „Ich habe da mal bei „Mieten, Kaufen, Wohnen mitgespielt“, erzählt er und muss grinsen. „Ein bisschen Erfahrung habe ich also in dem Bereich. Und ich dachte, im Gegensatz zu Köln könne die Wohnungssuche hier nicht so schwer sein.“ Aber falsch gedacht. Bei Zimmerpreisen im Zentrum zwischen gut 600 und 700 Euro aufwärts für 10 Quadratmeter entscheid sich Julian dann doch für die Zimmervermittlung einer Agentur. „Wie hätte ich das denn als Student finanzieren sollen?“ Jetzt wohnt er in einem Containerkomplex, östlich des Zentrums, und zahlt 525 Euro für 30 Quadratmeter. „Ich merke gar nicht, dass ich in einem Container wohne – auch wenn die Vorstellung irgendwie absurd ist.“ Blickt man aus Julians Fenster mit hübschem Balkon, sieht man Baukräne, die gerade weitere Container aufeinanderstapeln, verkleiden und so wie aus dem Nichts neue Wohnräume schaffen. „Zumindest ist hier alles neu, es zieht nirgendwo rein, ich habe sogar eine Fußbodenheizung“, sagt Julian stolz und legt wie zum Beweis die Hand auf den warmen Boden.

 

Kleine Untermieter

So etwas ist nicht selbstverständlich. Mirjam wohnt zusammen mit ihren Mitbewohnern Nik und Ben direkt im Zentrum Amsterdams; die Universität ist in Sichtweite. Vor den beschlagenen Fenstern liegen dicke, gerollte Kissen. Hält man die Hand davor, spürt man den kalten Durchzug. „Die Fassade und Bauweise ist eben einfach alt und langsam marode“, sagt Mirjam. „Heizen ist super teuer, und gerade im Winter wird es schnell kalt.“ Das typische Grachtenhaus verfügt wie die meisten über einen Haken mit Flaschenzug am Giebel – denn die steilen Stiegen dieser Häuser könnte nicht einmal der beste Möbelpacker ein Sofa oder eine Waschmaschine hochschleppen. Also funktionieren Umzüge hier in Amsterdam zum Teil noch wie vor hundert Jahren – schwere Möbelstücke werden an einem Seil und von außen durch die Fenster in die höhergeschossigen Wohnungen transportiert. Neben den winzigen und steilen Treppen läuft ein rotes Seil bis zur Wohnung der drei hoch. Wenn Besuch unten klingelt, zieht Mirjam oben daran – und unten schnappt der Riegel zurück, um die Tür zu öffnen.

„Wie wir hier ein Zimmer bekommen haben? Einer sagt dem anderen Bescheid. Ben hat damals Nik so lange bearbeitet, bis der ihn sofort angerufen hat, als ein Zimmer frei wurde, und auch ich bin hier nur drangekommen, weil ich Nik kannte“, erzählt die 22-Jährige Mode Management-Studentin. Für das Zimmer mit 16 Quadratmetern zahlt sie 565 Euro.

Nik findet die Geschichte des Hauses faszinierend. „Während der deutschen Besatzung im zweiten Weltkrieg haben sich hier 14 Juden vor den Nazis versteckt. Das kann ich mir gar nicht richtig vorstellen, wenn ich mir überlege, dass wir zu dritt hier gerade genug Platz haben.“

Eine weitere Eigenschaft des Hauses: die unfreiwillige Zweitbewohnung durch Mäuse. „Wir können über Nacht kein Essen draußen stehen lassen“, sagt Mirjam und schüttelt sich ein wenig. „Das ist kein schönes Gefühl, aber hier in den Niederlanden tatsächlich ziemlich normal, viele Freunde von mir haben auch Mäuse in der Wohnung.“ Auch deshalb sind Katzen hier sehr beliebt; nicht zuletzt daher kann man beim Kaffee- oder Biertrinken in Kneipen oft einen kuscheligen Vierbeiner streicheln.

 

Volatiler Wohnungsmarkt

Auch Manuel wohnt dicht an der Universität, aber sein Zimmer hat er über eine Wohnungsvermittlung gemietet. „Ich wohne fast auf dem Campus, das ist sehr entspannt. Und es spart eine Menge Zeit, die ich bei meinem stressigen Studium mehr als gebrauchen kann.“ Man bekomme hier weniger fürs Geld als zuhause, findet der 27-Jährige. „Und der Werterhalt scheint hier nicht so eine große Rolle zu spielen.“ Ansonsten ist Manuel aber ziemlich zufrieden. „Wenn ich das etwa mit London vergleiche, wo Leute 1000 Pfund für ein Zimmer zahlen müssen, ist das hier in Amsterdam schon noch ziemlich moderat“, findet er. Er selbst zahlt 580 Euro für 20 Quadratmeter.

„Was im Vergleich zu Deutschland auffällt, ist der super volatile Wohnungsmarkt“, sagt er. „Am besten kommt man hier schon mit der Kaution in der Hand zur Wohnungsbesichtigung und sagt, dass der Umzugswagen gepackt unten vor der Tür steht.“ Drei bis vier Tage vor dem geplanten Umzug eine Wohnung zu suchen sei normal. „Ich habe versucht drei Monate vor Studienbeginn etwas zu finden – unmöglich.“

Weil in den Niederlanden die Distanzen weniger groß sind, pendeln viele seiner niederländischen Kommilitonen zur Uni, erzählt Manuel. „Das Land ist so klein und außerdem gibt es in den Zügen WLAN und Strom – zur Uni zu pendeln hat also einen ganz anderen Charakter.“

Seine Schwester Manon lebt mit ihrem Freund in einem Studio in der Innenstadt. „So sparen wir etwas, wenn wir uns das Zimmer teilen“, sagt sie. Manon berichtet von einer Freundin, die südlich der Stadt wohnt. „Sie und ihre Mitbewohnerinnen fühlen sich dort nicht sicher, holen sich gegenseitig von der Haltestelle ab abends. Aber die Preise im Zentrum können sie sich nicht alle leisten.“

 

Wohnen im Süden

Lily wohnt auch im Süden der Stadt aber fühlt sich hier sehr wohl. Die Gegend ist familiär und ruhig; ein paar Jogger auf der Straße, eine Großmutter schiebt einen Kinderwagen. In einem zweigeschossigen Reihenhaus wohnt Lily mit ihrer Mitbewohnerin zur Untermiete. Es gibt ein Wohnzimmer mit Garten und eine geräumige Küche. „Ich zahle hier 450 Euro für ein unmöbliertes Zimmer. Wir brauchen so eine knappe halbe Stunde in die Stadt – aber ich habe mein Auto mitgenommen und hier kann ich gut parken.“ Lily kommt aus Düsseldorf. „Dort ist es auch recht normal, nicht direkt im Zentrum zu leben. Die wuselige Stadt ist weit weg – und das ist auch mal ganz schön. Wenn ich nach Hause komme, kann ich mich entspannen und runter kommen.“ Lily hatte Glück und hat das Zimmer über Facebook gefunden. Sie hatte auch die Möglichkeit, teurere Zimmer im Zentrum zu mieten. „Wenn man sich überlegt, dass ich jetzt 80 Euro für ein Monatsticket zahle, kommt man beim Preis dann wahrscheinlich trotzdem auf etwas ähnliches hinaus“, sagt sie.

 

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Die Organisation Pakhuis de Zwijger koordiniert viele Projekte vor Ort und in einem Blog berichten Menschen aus anderen Städten Eruopas über spannened Projekte: https://citiesintransition.eu/

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