Francisco Clavijo und Cristina Domínguez de Miguel haben sich für eine Ausbildung entschieden. Fotos: mz

Francisco Clavijo und Cristina Domínguez de Miguel haben sich für eine Ausbildung entschieden. Fotos: mz

System à la Merkel

Mehr als die Hälfte aller Spanier unter 25 Jahren findet keinen Job. Nun glaubt die Politik, die Lösung gefunden zu haben: ein Duales Ausbildungssystem – wie in Deutschland. Doch damit es ein Erfolg wird, müssen die Arbeitgeber in Spanien umdenken. 

Von Mareike Zeck

Francisco Clavijo und Cristina Domínguez de Miguel haben sich für eine Ausbildung entschieden. Fotos: mz

Ein mitleidiges Lächeln. Das ist alles, was Francisco Clavijo bekommt, wenn er anderen erzählt, dass er eine Ausbildung macht. Denn in Spanien studiert man, oder man ist verloren. “Eine Ausbildung ist bei uns nicht gut angesehen”, sagt der 19-Jährige. “Das ist hier einfach keine Option, um Karriere zu machen.” Trotzdem hat er sich inmitten der Wirtschaftskrise bewusst gegen die Universität entschieden. Er lässt sich an der Deutschen Auslandsberufsschule in Madrid (Aset) zum Industriekaufmann ausbilden.

Die Spanier wissen nicht, dass Franciscos Ausbildung eine Duale Ausbildung ist. An der Schule lernt er einige Wochen im Jahr, den Großteil der Zeit verbringt er in einem Unternehmen. Für Francisco bringt das den entscheidenden Vorteil: Kontakt zu einem möglichen künftigen Arbeitgeber.

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Am Ende wird er mit dem Abschluss besser dastehen als seine studierten Freunde. Ausbildungsabsolventen finden, statistisch betrachtet, schneller einen Job als Akademiker oder Ungelernte (siehe Infobox). Und wer von der Aset kommt, dem bescheinigt Schulleiterin Susanne Gierth besonders gute Aussichten: “Ich kenne keinen, der hier bei uns an der Schule ausgebildet wurde und jetzt keinen Job hat”, sagt sie.

Damit auch die spanischen Berufsschulen irgendwann einmal ähnliche Erfolgsquoten vorweisen können, beschloss die Regierung 2011, die Berufsausbildung zu reformieren – nach Vorbild des “System à la Merkel”, wie es die Spanier nennen. Doch noch ist ihnen fremd, dass Unternehmen einen Teil der Ausbildung übernehmen sollen. Weder Eltern und Jugendliche noch die Gewerkschaften wissen, was sie davon halten sollen. Und auch die Unternehmer sind verunsichert. Nun versuchen alle Beteiligten, sich Einfluss zu sichern.

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Foto: Eva Limmer

Die Berufsschule Clara del Rey in Madrid gehört zu den ersten, die das Duale System ausprobieren – eingebunden in ein Pilotprojekt der Region Madrid. “Wir stehen noch ganz am Anfang”, sagt Schulleiterin Mercedes Manzanares. “Im Juni wird die erste Klasse fertig, wir sind alle sehr gespannt.”

Die Frage nach dem Erfolg treibt auch die Politiker um. Denn sie müssen sich daran messen lassen. Eine von ihnen ist Carmen Álvarez-Arenas, die für die Regierungspartei Partio Popular im Arbeitsausschuss des Parlaments sitzt. “Die Duale Ausbildung ist unsere wichtigste Maßnahme gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit”, sagt sie.

Ihre Partei hat im Wahlkampf versprochen, das Land aus der Krise zu führen. Neben unpopulären Sparmaßnahmen ist die Reform des Arbeitsmarktes eines der Schlüsselprojekte. Erst vor wenigen Wochen stellte die Regierung dafür weitere 3,5 Milliarden Euro bereit – einen großen Teil davon für die Reform der Berufsausbildung.

Die Rechnung der Regierung ist einfach: Je mehr Jugendliche eine Duale Ausbildung machen, desto weniger tauchen in der Arbeitslosenstatistik auf. Und wenn der Plan ganz aufgeht, übernimmt der Arbeitgeber die Absolventen später.

Deswegen will es die Regierung der Wirtschaft möglichst leicht machen. Ausbildende Unternehmen sollen die Sozialversicherungsbeiträge für die Jugendlichen zum großen Teil erlassen bekommen. “Aber ein Gehalt müssen die Arbeitgeber den Auszubildenden natürlich zahlen”, sagt die Abgeordnete Álvarez-Arenas. Und das Gehalt darf den spanischen Mindestlohn nicht unterschreiten, darauf beharren die Gewerkschaften.

Gewerkschaften und Unternehmen wollen eingebunden werden

An anderer Stelle sind sie noch unentschieden, wie sie die Reform finden sollen. “Die eigentliche Idee, die hinter dem Dualen System steckt, also Theorie und Praxis besser zu vereinen, ist natürlich gut”, sagt Adrián Vivas, Ausbildungsbeauftragter der Gewerkschaft CSI-F. “Aber wir müssen aufpassen, dass die Schüler in den Unternehmen nicht ausgenutzt werden.”

Er fordert mehr Mitsprache für die Gewerkschaften, wenn Regierung und Unternehmer die weiteren Rahmenbedingungen für das neue Ausbildungssystem aushandeln.

Auch Javier Calderón hält die duale Lösung an sich für eine gute Idee. Der Leiter der Abteilung Ausbildung des spanischen Unternehmerverbands CEOE gibt aber zu bedenken: “Das System sieht vor, dass jedes Unternehmen eigens einen Ausbilder abstellt. Aber das können sich viele im Moment nicht leisten.”

Was die Jugendlichen lockt, ist das Gehalt

Er verlangt, dass kleine Unternehmen sich deswegen auch weiterhin aus der Ausbildung raushalten dürfen. Für mittlere fände er eine abgespeckte Variante ideal: “Wenn ein Unternehmen keinen eigenen Ausbilder hat, kann unser Verband einen Tutor stellen”, erklärt er. “Der kann die Auszubildenden dann betreuen und zwischen Berufsschule und Unternehmen vermitteln.” Bedingungen wie in Deutschland werden die Auszubildenden in den spanischen Pilotprojekten also nicht erwarten können.

CristinaDie Schüler an der Aset sind da im Vorteil: Die Deutsche Auslandsberufsschule arbeitet hauptsächlich mit spanischen Tochterfirmen deutscher Unternehmen zusammen. Davon profitiert auch Cristina Domínguez. Sie lernt Industriekauffrau bei Siemens Espaňa. Sie hat einen Ausbilder an ihrer Seite und bekommt ein festes Gehalt.

“Neben den guten Jobaussichten war das der wichtigste Grund, warum ich mich für die Ausbildung an der Aset entschieden habe”, sagt Cristina. Sie ist erst 19, finanziert sich ihr Leben aber schon selbst – anders als ihre Freundinnen. Die studieren gerade ohne jede Aussicht auf einen Job und sind wohl noch lange auf Hilfe der Eltern angewiesen.

 

Dass die Auszubildenden im Dualen System ein Gehalt bekommen, dürfte das Ansehen der Berufsausbildung im Lande verbessern. Bislang liegt der Anteil der Spanier, der eine Ausbildung abschließt, nur bei 15 Prozent. Vor allem weil sich im bisherigen System auch die Schul- und Studienabbrecher gegen eine Lehre entschieden. Sie wollten lieber schnell Geld verdienen. Doch die Jobchancen für ungelernte Arbeiter sind in Krisenzeiten schlecht. Ein festes Ausbildungsgehalt – und sei es noch so gering – könnte die Jugendlichen jetzt überzeugen.

Spanische Unternehmen fühlten sich bislang nicht zuständig

Trotz der steigenden Nachfrage wird die Duale Ausbildung aus Sicht von Fachleuten auf absehbare Zeit ein Experiment bleiben. Kaum einer rechnet damit, dass sich der Großteil der Unternehmen in naher Zukunft diesem System anschließen wird.

Bildungsforscher Vincente Hernández von der Päpstlichen Universität Comillas in Madrid sieht den Grund dafür im spanischen Bildungssystem. “Für die Ausbildung war in Spanien bislang der Staat zuständig. Er bestimmte das Angebot, er bestimmte die Bedingungen”, sagt Hernandez. Erst wenn es wirtschaftlich wieder aufwärts geht, würden die Unternehmer die Chancen des Dualen Systems nutzen.

Die Erfahrungen von Susanne Gierth bestätigen das. Auch nach 30 Jahren Dualer Ausbildung an der Aset in Madrid ist das Interesse der spanischen Wirtschaft gering. “Es dauert noch, bis sich die Unternehmen hier für die Ausbildung verantwortlich fühlen werden”, sagt sie. “Aber es ist gut, dass das jetzt angegangen wird.”

 

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