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Musik für die Massen

An 25 Londoner Tube-Stationen spielt die Musik.  Tube-Busker geben den täglich mehr als 3 Millionen U-Bahn-Nutzern den richtigen Sound mit in den Tag. Nur an diesen speziellen Stationen ist das erlaubt.

Eigentlich hat Ryan Melwick das nie gewollt, hier an einer Tube Station mit seiner Klarinette zu stehen und zu spielen. Da wo Menschenmassen jeden Tag an ihm vorbeirauschen, wenige ihm zu blicken und noch weniger ihm zuhören.
Ryan ist lizensierter Tube Busker, wie die Musiker in den Londoner U-Bahn-Stationen genannt werden. Im richtigen Leben ist Ryan Verkaufsmitarbeiter bei Starbucks. “What does real life mean? During the day I am Starbucks and then I am Ryan”. Ryan spielt Klarinette, seit er zehn ist. Für die ganz große Karriere hat es nicht gereicht. “It was a Dream that Never came true”. Wenn Ryan, der mittlerweile 45 ist, das sagt, wirkt er verträumt. Ja vielleicht sogar kindlich. Dann grinst er und dreht sich weg. Er muss jetzt weiterspielen, stammelt er vor sich hin. Augen zu, tief einatmen – und die Tube-Station Angel ist kurz Mal ein bisschen die Londoner Oper. Ryan spielt die ganz großen Klassiker. Vivaldi, Beethoven und Schubert. “That’s amazing, that’s Europe: I play music of an Italian, a German and an Austrian being here in the capital of the United Kingdom”. Musik hat verbunden und verbindet immer noch, findet Ryan, der im Norden der Stadt aufgewachsen ist und noch immer lebt. Seine Eltern sind aus Polen in den 80ern nach England gekommen auf der Suche nach Arbeit.

Vor allem geht es ihm, “it’s rather simple”, um die Freude an der Musik. Und es ist ein netter Nebenverdienst. Den er braucht. Jahrelang hat er nämlich überhaupt  kein Instrument gespielt, 15 Jahre lang nicht. Als während der Scheidung von seiner Ex-Frau das Gehalt für den Scheidungs-Anwalt nicht reichte, hat er sich ein ganzes Bündel an Neben-Jobs gesucht. Parallel zu seiner 30 Stunden Woche  bei Starbucks, hat Ryan geputzt, war Bauarbeiter – und hat Klarinette gespielt. Letzteres war das lukrativste (mehr als hundert Pfund am Tag) – und hat ihm auch am meisten Spaß gemacht. Deswegen ist er dabei geblieben, obwohl sich seine finanzielle Situation wesentlich entspannt hat, wie er mit einem zufriedenen Lächeln sagt. Mittlerweile spielt Ryan seit drei Stunden. Für heute reicht es. Als er seine Klarinette in seinen viel zu kleinen roten Rucksack einpacken will, kommt eine ältere Dame mit Tochter und Enkelin vorbei.  Die drei halten, sie wollen Ryan zuhören. Das ist aber gar nicht einfach. Das eilige London will nur raus aus der Tube Station und schiebt Oma, Tochter und Enkelin vor sich her. Stehen bleiben können sie nur an der anderen Wandseite, eng nebeneinander. Nach fünf Minuten löst sich die sichtlich angerührte Oma: “Thank you so much for the music. The station wouldn’t be that nice without you “,. Und Ryan lacht:” That’s why I love it”.

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