David Liuzzo

David Liuzzo

„Nicht nur die Nachbarn aus dem Ostblock“

Zum zehnjährigen Jubiläum der ersten EU-Osterweiterung im Mai 2004 ist Polen so pro-europäisch wie nie: wirtschaftlicher Aufschwung, technische Entwicklung, steigender Lebensstandard. Die Arbeitslosigkeit hat sich seit dem Beitritt halbiert, aus den einst EU-feindlichen Landwirten ist – Agrarsubventionen sei Dank – inzwischen die EU-freundlichste Bevölkerungsgruppe geworden. Der Beitritt Polens ist eine große Erfolgsgeschichte .

Bei der Wahl am 25. Mai wählen die Polen 51 EU-Parlamentarier – und stellen damit die sechstmeisten Sitze nach Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien. Den letzten Wahlprognosen zufolge erhalten die meisten EU-Abgeordneten die erzkonservativ-nationalische PiS von Lech Kaczynski (20) und Polens Regierungspartei PO (19). Die Sozialdemokraten von der SLD fallen von 13 auf knapp elf Prozent der Stimmen, danach folgen die antiklerikale Koalition EPTR mit guten sieben und die polnische Bauernpartei PSL mit sechs Prozent.

Im Interview mit der Zeitung Krytyka Polityczna kritisiert der ehemalige polnische Premierminister Leszek Miller den aktuellen Wahlkampf: Ihm zufolge schlachten Premier Donald Tusk und sein Außenminister Władysław Sikorski die aktuelle Situation in der Ukraine aus, um im EU-Wahlkampf Stimmen zu gewinnen und innenpolitisch Punkte zu machen. Sozialdemokrat Miller selbst hat die polnische EU-Mitgliedschaft von der Ersatzbank aus begleiten müssen: Am Tag nach dem Betritt Polens 2004 trat er aufgrund eines Korruptionsskandals als Premierminister zurück. Heute sieht er im Wahlkampf der europafreundlichen Regierungspartei PO eine Instrumentalisierung der antirussischen Paranoia, eigentlich Markenzeichen der PiS, um Horrorszenarien bei einer Abwahl an die Wand zu malen.

Das sieht Dr. Christian Schmitz, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Warschau, ganz anders – die Vorteile der EU-Mitgliedschaft sind in Polen aktueller denn je, gerade durch die Ukraine-Krise hätte das ohnehin positive Europabild in Polen eine Bestätigung erfahren: „Die gemäßigten Kräfte rücken eher noch näher an Europa heran, und die ansonsten EU-kritische PiS rückt im Wahlkampf in die Defensive“, so Schmitz. Auch die zehnjährige EU-Mitgliedschaft bringt im Jahr der Europawahl Vorteile mit sich: „Das Jubiläum wird im Wahlkampf zwar sehr genutzt – aber im positiven Sinne.“ Sogar die die Aufgeschlossenheit gegenüber der Einführung des Euro werde größer – bis dato waren rund 60 Prozent der Polen (noch) gegen die Einführung.

Gerade junge Polen profitieren von der Mitgliedschaft: Sie reisen, studieren und arbeiten quer durch Europa, leben und erleben die Mitgliedschaft in ihrem Alltag. So etwa Iza Gryvalsky: Die 24-Jährige kommt aus dem südpolnischen Dorf Maniowy und ist an ihrer Heimatuni AGH in Krakow die Vorsitzende des Erasmus-Netzwerkes ESN. Aktuell ist sie selber Austauschstudentin im österreichischen Loeben, studiert Erdölgeologie, hat ein Jobangebot im schottischen Aberdeen und verbringt ihre Semesterferien auf einem Roadtrip zwischen Italien, Kroatien, Montenegro, Mazedonien und Griechenland.

Trotzdem findet sie, dass Polen der EU zu schnell beigetreten ist: „Zwar kriegen wir viele EU-Mittel, doch zahlen wir auch für Griechenland-Hilfen und Strafen für nicht eingehaltene EU-Auflagen, so dass sich die Mitgliedschaft finanziell nicht für uns lohnt.” Grundsätzlich ist sie jedoch froh, dass Polen in der EU ist: „Wir sind offener geworden, und haben bessere Chancen auf Entwicklung und Freiheit. Ich hoffe aber, dass sich Polen in Zukunft seine Position auf der internationalen Arena erarbeitet und unsere Stimme gehört wird.“ Während sie in Österreich wohnt, verfolgt sie aber nicht, was in Polen geschieht, und wird deswegen auch nicht wählen.

Ganz anders hingegen Ewelina Fiebig, die an der Berliner Humboldt-Universität Statistik im Master studiert: „Die EU hat einen so guten Einfluss auf unser Land. Da zu wählen ist eine Bürgerpflicht und unsere Möglichkeit, unsere Meinung auszudrücken. Nur so haben wir einen Einfluss darauf, was in unserem Land und in Europa geschieht.“ Auch für sie äußert sich die Mitgliedschaft vor allem in den Alltags-Vorteilen: den Umzug in andere Länder und die Arbeitnehmerfreizügigkeit, aber auch in den EU-Mitteln, die die blitzartigen Entwicklung der polnischen Infrastruktur ermöglicht haben. Ewelina ist nach Deutschland gezogen, nachdem sie in Danzig ihren Mathematik-Bachelor mit 1,0 abgeschlossen hat. Der Kontakt mit anderen Kulturen und gerade das Lernen durch den Austausch miteinander sind ihr wichtig. Dass in Polen die Lebenshaltungskosten seit dem Beitritt stark angestiegen sind hält sie für den Grund, dass viele Menschen „im Überlebenskampf“ die Vorteile der EU nicht bemerken.

Auch Mateusz Stankiewicz  ist es wichtig, dass er durch das Wählen seine Meinung in Brüssel ausdrücken kann. Der 26-Jährige hat Internationale Beziehungen an der privaten Tischner European University in Krakau studiert, wo er heute bei der Managementberatung Accenture arbeitet. Genau wie Ewelina und Iza ist es ihm wichtig, dass Polen sich weiter entwickeln kann und die Stimme seines Landes in der Welt ernst genommen wird. Zwar stören ihn die Überregulierung und die Bürokratie in der EU. An der Mitgliedschaft der EU freut ihn vor allem eines: Dass die Polen sich heute als vollwertige Europäer fühlen dürfen, und nicht nur als Nachbarn aus dem Ostblock.

 

Bilderklärungen:

Iza Gryvalsky (24), hier auf Städtereise in Venedig: „Ich hoffe, dass sich Polen in Zukunft seine Position auf der internationalen Arena erarbeitet und unsere Stimme gehört wird.“

Ewelina Fiebig (31), Statistikstudentin an der HU Berlin: „Weil die Lebenshaltungskosten seit dem Beitritt stark angestiegen sind, bemerken viele Menschen nicht die Vorteile der EU.“

Mateusz Stankiewicz (26), mit Freundin Kasia im Urlaub auf Ibiza: „Heute dürfen wir uns als vollwertige Europäer fühlen und nicht nur als Nachbarn aus dem Ostblock.“

Beitragsbild: David Liuzzo

 

 

 

 

 

 

 

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