Loch Lomond unter einer Wolkendecke - leider ein häufiger Anblick. (Foto: Stefan Klass, flickr)

Noch schlechteres Wetter

Urquhart Castle in Schottland: sieht nach einer Touristenattraktion aus - ist es aber nicht. Zumindest nicht für Engländer ... (Foto: Taylor Dundee, flickr)
Urquhart Castle in Schottland: sieht nach einer Touristenattraktion aus – ist es aber nicht. Zumindest nicht für Engländer … (Foto: Taylor Dundee, flickr)

Engländer zieht es in den Ferien quasi überall hin – nur nicht nach Schottland. Ob dabei wirklich nur die Temperaturen Ausschlag gebend sind? 

Von Anchalee Rüland

Barry Maydon und Richard Johnson haben dreierlei gemein: Sie sind beide Engländer. Sie studieren beide Politikwissenschaften an der Universität Oxford. Und beide waren noch nie in Schottland. So erstaunlich letzteres klingt – das Phänomen ist nicht selten.  Rund ein Viertel aller Engländer hat noch nie Wales oder Schottland besucht. Dank ihrer Urlaubsreisen kennen sich die meisten besser in Ländern wie Spanien, Frankreich oder den USA aus als in der eigenen Heimat.

„Schottland hat den Ruf, noch schlechteres Wetter zu haben, als wir es bereits aus England kennen“, sagt Richard Johnson. „Wir beschweren uns ständig über unser eigenes Wetter. Warum sollten wir dann auch noch in unserer begrenzten Urlaubszeit ausgerechnet nach Schottland fahren?“

Eine berechtige Frage, bei durchschnittlich 147 Regentagen im Jahr in England gegenüber 201 Regentagen in Schottland. Gerade mal 20 Grad Celsius beträgt die Durchschnittstemperatur im schottischen Sommer. Und die Sonne scheint im Schnitt nicht mehr als fünf Stunden am Tag. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, wenn man dem schlechten Wetter eigentlich entfliehen will.

„Wir sind in den Ferien nach Frankreich gefahren“, erinnert sich Barry Maydon. Jedes Jahr. Immer in das gleiche Haus. „Meine Eltern haben diese Region einfach geliebt, und irgendwann hatten wir genug Geld, um es uns leisten zu können.“ Günstigeren Urlaub hätte es in Schottland gegeben, doch das war keine Alternative. Die fehlende Sonne ist der entscheidende Faktor, da sind sich Barry und Richard einig.

Loch Lomond unter einer Wolkendecke - leider ein häufiger Anblick. (Foto: Stefan Klass, flickr)
Loch Lomond unter einer Wolkendecke – leider ein häufiger Anblick. (Foto: Stefan Klass, flickr)

„Vor den Frankreich-Urlauben hatten meine Eltern einen Caravan, mit dem wir durch England gefahren sind“, erzählt Barry. Am liebsten nach Südengland, ans Meer. Traditionelle Urlaubsorte während der warmen Sommermonate Juli und August, in denen zwei Drittel aller Briten in die Ferien fahren, sind Devon, Brighton und Blackpool. Der sogenannte „Seaside“-Urlaub ist seit dem 19. Jahrhundert Bestandteil des „English way of life“. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes wurden die beliebten Ferienziele der Oberschicht auch für Otto Normalverbraucher erschwinglich. Viele Engländer, die ihren Urlaub in Großbritannien verbringen, bleiben daher in England. Laut VisitEngland, dem englischen Tourismusverein, traten Engländer im Jahr 2011 insgesamt knapp 110 Millionen Reisen in Großbritannien an, davon fanden 96 Millionen In England statt.

Doch gerade einmal 6 Millionen Reisen wurden von England nach Schottland gebucht. Im Vergleich mit anderen sonnigen und gleichzeitig interessanten Orten in Europa erscheine Schottland einfach ein bisschen langweilig, sagt Barry Maydon. Und was ist mit dem Verdacht, dass neben dem Wetter vielleicht doch der politisch-historische Hintergrund der Region eine Rolle spielt? Schließlich sind England und Schottland nicht gerade für ihre innige Beziehung bekannt. Im Gegenteil: Im kommenden Jahr werden die Schotten in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit vom englisch dominierten Vereinigten Königreich abstimmen – und es könnte tatsächlich knapp werden.

Doch Barry und Richard sind skeptisch: „Ich glaube wirklich nicht, dass das in irgendeiner Form politisch motiviert ist“, sagt Barry. „Wenn schon, dann ist es kulturell bedingt“, fügt Richard hinzu. „Es gibt ein gewisses Nord-Süd-Gefälle zwischen dem wohlhabenden Süden und dem ländlicheren Norden. Aber die fehlende Reisebegeisterung für Schottland hat nun wirklich nichts damit zu tun, dass wir die Schotten etwa nicht ausstehen könnten.“

Ob sie selbst denn irgendwann doch noch nach Schottland wollten? Sicher, meint Barry. Aber die Liste der Orte, die er besuchen wolle, sei lang.  „Und Schottland steht nicht unbedingt an erster Stelle.“

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