Nische auf dem Piazza della Vaschette (nahe des Vatikans), hier lebt José

Nische auf dem Piazza della Vaschette (nahe des Vatikans), hier lebt José - Foto: Ruhs

Obdachlos im Garten Eden

Sie leben am Rande der Gesellschaft, ausgegrenzt, gemieden und ohne Dach über dem Kopf. Etwa 8000 Obdachlose gibt es derzeit in Rom – viele davon leben in der Nähe des Petersplatzes. Einer davon ist José, ein 54-jähriger Brasilianer. Ein Einblick in ein fremdes Leben.

 

Nur wenige Minuten vom Petersplatz entfernt, wo gerade die Sonntagsmesse zu Ende gegangen ist, beginnt José sein Mittagessen zuzubereiten. Er holt eine grüne Zweiliterflasche aus einem Verschlag in der Hauswand hinter sich, randvoll gefüllt mit Reis. Einen Teil davon gießt er in einen zerbeulten Topf und stellt ihn auf eine winzige Kochplatte, die er in einem Pappkarton aufbewahrt. Aus einer weiteren Plastikflasche gibt er kurz darauf Wasser hinzu, rührt um und setzt sich dann auf das Metallgitter neben sich, auf das er Messer, Gabeln, Töpfe und Pfannen abgestellt hat.

José ist ein senzatetto,  ein barbone – ein Obdachloser. Seit sieben Monaten lebt er in Rom, ursprünglich kommt er aus Brasilien, Familie hat er keine hier. Italienisch spricht er nur gebrochen, dafür portugiesisch und ein paar Brocken Spanisch. Der 54-Jährige ist einer der vielen, die ihr Lager in der Nähe des Vatikans aufgeschlagen haben – sie leben unter den Säulen des Petersplatzes, am Rande der Via della Conciliazione oder in den Unterführungen der Straßen.

Josés Kleidung, zum Trocknen ausgelegt
Josés Kleidung, zum Trocknen ausgelegt – Foto: Ruhs

José hat sich in einer kleinen Nische auf dem Piazza della Vaschette niedergelassen, direkt neben einer der vielen Universitäten Roms. Hier ist es ruhig, vor allem sonntags, wenn sich keine Studenten blicken lassen. Auch unter der Woche hat ihn noch niemand vom Campus verjagt, die Uni toleriert ihn. Da ihn heute niemand stört, hat er seine Kleidung gewaschen – zum Trocknen hat er sie auf die Rampe vor der Eingangstür der Uni gelegt. Eine Hose, zwei Jacken. „Wenn morgen die Studenten kommen, räume ich alles weg, mache alles sauber“, versichert er. Neben seiner kleinen Kochstelle hat José ein Zelt aufgebaut – selbst gebastelt, aus einer dünnen Plastikplane, über die er eine weitere Plane geheftet hat – beides an der Hauswand des dahinter liegenden Gebäudes festgemacht. Darunter ist nur wenig Platz, eine kleine Nische, wo eine dünne Decke als Matratzenersatz dient. Hier schläft er Nacht für Nacht. „Es schützt mich einigermaßen, wenn es regnet“, sagt er. Ganz dicht sei das improvisierte Zelt dennoch nicht, etwas nass werde es immer. „Ma io sono un sopravvivente – Ich bin ein Überlebenskämpfer“, meint er und ein Lächeln überzieht sein faltiges Gesicht.

 

Die Zahl der Obdachlosen ist seit der Wirtschaftskrise stark angestiegen

Laut der Comunità Sant’ Egidio, einer Organisation, die sich für Obdachlose einsetzt, gibt es in Rom derzeit etwa 8.000 Menschen ohne feste Bleibe. Seit der Wirtschaftskrise ist die Zahl stark angestiegen, denn sie brachte viele Leute, denen es sonst gut ging, in große Schwierigkeiten. In anderen europäischen Hauptstädten wie zum Beispiel in Berlin oder London ist die Situation ähnlich, auch dort gibt es schätzungsweise zwischen 7.000 und 8.000 Obdachlose – die Tendenz ebenfalls steigend, so wie in den meisten Teilen Europas. Sant’ Egidio zufolge hat sich zudem die Zahl der Italiener, die zu ihnen in die Mensa in Rom kommen, verdreifacht – früher fand sich unter zehn Obdachlosen nur ein Einheimischer, heute sind es schon drei. Auch die Zahl der alten Menschen, die zu den Essensausgaben kommen ist rapide angestiegen.

José ist auf Organisationen wie Sant’ Egidio angewiesen. „In Rom sind ständig Freiwillige unterwegs, die etwas zum Essen austeilen und sich um uns kümmern“, erzählt er. Auch die Pfannen hat er aus Spenden bekommen. „Aber die hier, die hab ich gefunden“; sagt er und deutet stolz neben sich. „Die lag einfach so herum, wahrscheinlich hat sie irgendjemand weggeworfen“ und zuckt verständnislos mit den Schultern.

 

José bettelt nicht, er schreibt.

eine von Josés Geschichten
Eine von Josés Geschichten – Foto: Ruhs

Tagsüber laufe er oft durch die Stadt, erzählt José weiter, Rom gefalle ihm, weil es hier so viel Kultur gebe. Dabei denke er viel nach, dazu habe er ja genug Zeit, meint er grinsend. Und er hat ein Hobby: er schreibt. „Ich suche keine Arbeit und auch kein Geld. Ich bettele nicht. Ich denke mir Geschichten aus“. Jede beinhalte etwas anderes, erzählt er eifrig, sie handelten vom Glauben, von Gott und vom Sinn des Lebens. In seinem Zelt bewahrt er Kopien davon auf, stets mehrere Blätter zusammengeheftet, fein säuberlich beschrieben, alles auf Portugiesisch. José ist katholisch und gläubig. Er war einmal in Spanien und ist den Jakobsweg gelaufen, berichtet er plötzlich. Und schildert dann traurig, dass ihm die Pilgerurkunde, die er am Ende ausgehändigt bekam, hier in Rom gestohlen wurde. Er hatte sich in der Nähe des Vatikans zum Schlafen gelegt, als ihm jemand währenddessen alles weggenommen hat. Die Urkunde, seine Dokumente, seinen Ausweis, all das wenige, das er besaß.

José weiß nicht, wie lange er in Rom bleiben will. „Mein nächstes Ziel ist Mekka. Da will ich hin, auch wenn ich katholisch bin“. Er erzählt von den verschiedenen Kulturen, den unterschiedlichen Leuten, die Rom besuchen und dass dies die Welt für ihn interessanter mache. Dass es für ihn aber egal sei, ob jemand Buddhist, Hindu, Muslim oder Christ ist, weil doch alle physisch irgendwie gleich sind. „Wenn ich mir eine zweite Religion neben dem katholischen Glauben aussuchen könnte, wäre das der Islam“, meint er.

Papst Franziskus kümmert sich

Mittlerweile ist ein Bekannter zu Besuch gekommen, ein Italiener namens Michele, auch er ist obdachlos. Die beiden werden zusammen essen. „Als Obdachloser hat man kein herrliches Leben, keine Hygiene. Es ist pures Überleben“, schließt José seine Erzählung und steht auf, um noch einmal den Reis umzurühren. „Und das mit der Würde…“, er wiegt den Kopf.

Um den Menschen wenigsten ein wenig Würde zurückzugeben, hat Papst Franziskus im Februar 2015 unter dem Säulengang des Petersplatzes Duschen und einen Friseur einrichten lassen – all das ausschließlich  für Obdachlose. Auch José geht dort oft hin, um sich zu waschen. „Dort können wir einen Tee trinken, eine Kleinigkeit essen und uns rasieren“, erzählt er. Er redet gut von der Kirche und von dem, was sie für Leute wie ihn alles tun. „Da ist es immer voll, zu voll“, meint dagegen Michele, der Freund, der heute zu Besuch gekommen ist. Er ist Italiener, hat vor einiger Zeit seine Arbeit verloren und landete so auf der Straße. Er ist wütend auf die Politik, die so viel Geld, tausende von Euro für unwichtige Dinge ausgeben, und auch wütend auf den Vatikan. „Die dort im Vatikan sind reich, die haben ein Dach über dem Kopf. Ma noi siamo abbandonato da Dio — Aber wir wurden von Gott verlassen“, klagt er. „Wenn die Reichen krank werden, haben sie das Geld, um wieder gesund zu werden. Wir Armen dagegen nicht.“ Und doch kann er seinem Schicksal etwas Gutes abgewinnen: „Das hier ist der Garten Eden“, sagt Michele und nickt bestätigend. „Auch im Garten Eden hatten sie kein Dach über dem Kopf. Obdachlos zu sein bedeutet zugleich auch frei zu sein, man hat keine Verpflichtungen, muss keine Steuern an den Staat zahlen“.

Gründe gibt es viele

Laut der Comunità Sant’ Egidio hat jeder Mensch seine eigene Geschichte, wieso er obdachlos geworden ist. Mal ist der Grund eine Wohnungsräumung, eine Scheidung, eine geistige Krankheit, mal die Abhängigkeit von Drogen. Und natürlich die Wirtschaftskrise, die viele Leute getroffen hat. Auch Michele hat eine Erklärung, warum Menschen plötzlich auf der Straße landen: „Viele von uns wurden von ihren Familien verlassen oder wurden von ihnen schlecht behandelt und haben sich dann entschieden, wegzugehen. Es ist einfach, einer von uns zu sein. Als Obdachloser braucht man nur ein, zwei Decken, das ist alles.“

das Mittagessen von José und Michele
Das Mittagessen von José und Michele – Foto: Ruhs

Um Menschen wie José und Michele zu helfen und die Obdachlosigkeit insgesamt in den Griff zu bekommen, ist jedes EU-Land selbst zuständig. Die dazu nötigen Maßnahmen können jedoch mit Mitteln aus unterschiedlichen Fonds der EU gestützt werden. Die EU warnt jedoch vor hohen gesellschaftlichen Kosten, sollte die Lösung des Problems der Obdachlosigkeit in Europa weiter hinausgezögert werden – insbesondere im Gesundheits- und Justizwesen.

Der Reis ist fertig. José schöpft ihn in zwei Plastikteller, einen für ihn, einen für seinen Freund und stellt die Teller auf das Metallgitter. Er fügt Nudeln und Kartoffeln hinzu, die er abgekocht in einer Box aufbewahrt hat. „Wir Obdachlosen teilen uns alles“, meint Michele. „Wir helfen einander, geben jedem etwas ab, während die Reichen, die alles haben, geizig sind und nie etwas hergeben“. Langsam beginnt er zu essen. „Das Essen ist gut“, betont er, „nichts was die anderen nicht essen würden. Es ist nicht dreckig.“ Auch José greift zur Gabel. Reis, Nudeln, Kartoffeln. Über ihnen der offene Himmel.

 

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