Die Armenspeisung des San-Francesco-Werkes ist der traurige Treffpunkt für viele Einwanderer.

Papiere, später

Das Beispiel einer Rumänin in Italien zeigt: Viele Migranten sind unersetzlich in der Arbeitswelt, genießen aber dennoch kein hohes Ansehen.

Von Anna Klein

Einwanderung hat in Mailand drei Gesichter: Rund um die Haltestelle der Piazza Tricolore sind es ausgemergelte, müde Augen, die sich schweigend in die lange Schlange vor der Armenspeisung des San-Francesco-Werkes eingereiht haben. Diese gemeinnützige kirchliche Organisation kümmert sich seit 1959 darum, dass auch die Ärmsten eine warme Mahlzeit bekommen.

Das sind heutzutage vor allem die Clandestini: Immigranten ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung, Ausländer im Status der Illegalität. Mailand gehört neben der Hauptstadt Rom zu den multikulturellen Ballungszentren des Landes, der Ausländeranteil der Bevölkerung beträgt 15 Prozent. Insgesamt leben 4,5 Millionen[1] Ausländer in Italien, laut Schätzungen der Caritas sind davon knapp eine Million Menschen ohne Genehmigung hier.

Die Armenspeisung des San-Francesco-Werkes ist der traurige Treffpunkt für viele Einwanderer.
Die Armenspeisung des San-Francesco-Werkes ist der traurige Treffpunkt für viele Einwanderer.

Nur wenige Haltestellen weiter zeigt sich das andere Gesicht: In der exklusiven Gegend rund um den Corso Monforte werden die Bars und Cafés jeden Tag zur Mittagszeit mit Bankangestellten, Börsenmaklern und Brokern bevölkert. Hier zeigt sich das auf Hochglanz polierte Gesicht der italienischen Finanz- und Modemetropole mit elegant gekleideten Finanzprofis aus England, China und den USA.

Und dann ist da noch das versteckte Gesicht, das unauffälligste von allen: diejenigen Einwanderer, die für die italienische Bevölkerung unersetzlich geworden sind, aber gleichzeitig im Licht der rigiden Gesetze ein Schattendasein fristen. Sie haben offizielle Papiere, genießen allerdings kein hohes Ansehen beim Rest der Bevölkerung. Eines dieser Gesichter gehört Alina Moldovian[2].

Jeden Tag besteigt die 28-Jährige die Buslinie Nr. 54, die auch die beiden Welten von Piazza Tricolore und Corso Monforte verbindet. Alinas Haltstelle liegt dazwischen, in der Via Donizetti befindet sich ihr Arbeitsplatz  – ein Privathaushalt, in dem sie sich um Kinder, Wohnung und Hauswirtschaft kümmert. Ursprünglich stammt Alina aus Timisoara im Westen Rumäniens, nach Italien kam sie vor vier Jahren. Auf die Idee brachte sie damals ihr Onkel Dorin, der den Schritt bereits einige Jahre zuvor gewagt hatte und sich inzwischen eine Existenz aufgebaut hat. „Wenn er von Italien erzählt hat, klang das immer, als ob dort alles möglich sei, wenn man nur genug Ehrgeiz mitbringe“, erinnert sich Alina. Damals hatte sie gerade ihre Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen, fand jedoch nur Gelegenheitsjobs in Seniorenheimen oder Hotels. Die Aussicht auf eine gesicherte Anstellung blieb schlecht – bis Onkel Dorin ihr von Italien erzählte: Er habe einen Kunden, der händeringend auf der Suche nach einem Kindermädchen für seine beiden Töchter sei. „Einen Versuch ist es wert“, dachte sich Alina und mailte ihre Zeugnisse nach Italien. „Dass ich auch in Italien nicht in einem Krankenhaus arbeiten würde, war mir klar. Aber Kindermädchen hörte sich für mich nicht schlecht an“, berichtet Alina.

Einige Telefongespräche später war die Sache dann beschlossen und sie packte ihre Koffer. Wenn sich die 28-Jährige an diese Zeit zurück erinnert, klingt sie gleichzeitig euphorisch und besorgt. Ihre Gedanken sind zwiegespalten: „Natürlich hatte ich anfangs ein unbehagliches Gefühl: ein fremdes Land, fremde Leute, eine fremde Sprache und dazu all die Gerüchte“. Denn viele junge Frauen aus Osteuropa treffen in Italien, Deutschland und Co. auf ein völlig anderes Schicksal, als sie sich erhofft hatten: Prostitution, Ausbeutung und Misshandlung sind keine Einzelfälle, auch Alina hatte schon davon gehört. „In meinem Fall hatte mir aber ja ein Familienmitglied den Kontakt vermittelt, ich habe meinem Onkel absolut vertraut“, erklärt sie. Er hatte auch die Hälfte des Flugtickets bezahlt, mit dem Alina sich im Oktober 2009 schließlich auf den Weg nach Mailand machte.

Selbst wenn sie legal im Land leben, bleiben für Immigranten oft nur die unbeliebten Jobs.
Selbst wenn sie legal im Land leben, bleiben für Immigranten oft nur die unbeliebten Jobs.

In ihrer neuen Arbeitsstelle blühte sie regelrecht auf: Die Betreuung der beiden Mädchen im Alter von zwei und vier Jahren wurde zu einer Herzensangelegenheit. „Ich habe gekocht, mit ihnen gespielt, der Kleineren von ihnen Laufen beigebracht – eigentlich war ich eine Art Ersatzmutter für sie“, erinnert sich Alina und lächelt. Über ihre Bezahlung mag sie jedoch nicht sprechen: „Das war sehr wenig im Vergleich zu dem, was die Leute hier sonst verdienen. Aber immer noch mehr als in Rumänien. Und die Leute kannten mich ja gar nicht, ich hatte wirklich großes Glück, dass sie mir vertraut haben.“

Da Alina fast jeden Tag von morgens bis abends bei ihrer Familie beschäftigt war, blieb wenig Zeit für Freundschaften. In ihrem Viertel lebten viele Rumänen, aber auch Einwanderer aus Afrika, Südamerika und China. „Die haben sich regelrecht zusammengescharrt und es gab immer mal wieder Probleme“, erzählt sie. Tatsächlich sind diejenigen Bezirke in Mailand, die hauptsächlich von Migranten bewohnt werden, häufig Schauplatz von Unruhen und Auseinandersetzungen. „Das hat mich immer gestört, denn ich wollte so unauffällig wie möglich bleiben. Ich habe mich immer wohl gefühlt und wollte unbedingt in Italien bleiben“, sagt Alina.

Ignoriert und gemieden, aber gleichzeitig ein Teil des Stadtbildes: Einwanderer gehören zum italienischen Alltag, wie der Espresso.
Ignoriert und gemieden, aber gleichzeitig ein Teil des Stadtbildes: Einwanderer gehören zum italienischen Alltag wie der Espresso.

Während ihrer Zeit als Kindermädchen lernte Alina Italienisch: „Natürlich am Abend, nachdem ich die Mädchen ins Bett gebracht hatte“. Den Kurs bezahlte sie selbst von ihrem Verdienst. Eine eigene Wohnung hatte sie zur damaligen Zeit nicht, das Gästezimmer ihres Onkels war ihre Bleibe. Obwohl sie stellenweise bis zu 60 Stunden pro Woche arbeitete, hatte Alina keine gültige Aufenthaltsgenehmigung.

In Italien werden Aufenthaltsgenehmigungen nach einem strengen Verfahren vergeben. Einwanderungsquoten regeln, wie viele Immigranten offiziell aufgenommen werden. Neben dem komplizierten Verfahren für den Antrag müssen die Bewerber einen festen Wohnsitz und einen Arbeitsvertrag vorweisen. Außerdem fallen enorm hohe Kosten an: Ein Pauschalbetrag  von 1000 Euro sowie sechs Monate rückwirkende Sozialabgaben sind zu bezahlen. Laut Gesetz soll diese Ausgaben der Arbeitgeber übernehmen, was in der Praxis jedoch selten so gehandhabt wird. Denn während den Arbeitgebern lediglich eine geringe Geldstrafe droht, müssen illegal Beschäftigte mit der Abschiebung rechnen.

Not macht erfinderisch: In Mailands Einkaufsmeile verkaufen Immigranten Bücher, Armbänder und andere Kleinigkeiten. Von der italienischen Bevölkerung werden sie spöttisch als „Vucumpràs“ bezeichnet (von „vuoi comprare?“, „willst du kaufen?“).
Von der italienischen Bevölkerung werden die Straßenverkäufer spöttisch als „Vucumpràs“ bezeichnet (von „vuoi comprare?“ – „willst du kaufen?“).

Auch Alinas Weg zur Legalisierung glich einer Odyssee. Nach zwei Jahren war die 28-Jährige unersetzlich für die Familie geworden: „Ich habe mich um den Haushalt, die Kinder und die Wohnung gekümmert, sogar oft dort übernachtet.“ Doch erst nach weiteren zwei Jahren, im Herbst vergangenen Jahres, ergab sich eine Gelegenheit, Alina offiziell anzumelden. Einen Monat lang hatten Arbeitgeber Zeit, Papiere für ihre illegalen Beschäftigten zu beantragen, ohne dafür eine Strafe wegen Schwarzarbeit bezahlen zu müssen. Alinas Familie ergriff diese Gelegenheit, die 28-Jährige empfand es damals als großes Geschenk. „Ich hatte auch das Gefühl, sie wollten mir etwas zurück geben“, sagt sie .

In ihre rumänische Heimat will Alina nicht zurück, auch wenn sie mittlerweile nur noch halbtags als Kindermädchen arbeitet. Um noch genug Geld zu verdienen, putzt sie nun als Nebenjob bei Bekannten ihrer Familie. „Das ist zwar auch nicht mein Traumjob, aber mit einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung kann ich immerhin einen ordentlichen Stundenlohn verlangen“, erklärt sie. Denn so verdient sie in Italien mehr als in Rumänien mit ihrem ursprünglichen Beruf. Mittlerweile hat sie auch eine eigene kleine Wohnung am Stadtrand. Von dort aus fährt sie jeden Morgen mit der Buslinie 54 in die Innenstadt, vorbei an der Armenspeisung und vorbei am Luxusviertel, zu ihrer täglichen Arbeit. Alina gibt zu, dass es vier Jahre gedauert hat, bis sie sich heimisch in Italien gefühlt hat: „Heute habe ich endlich das Gefühl, richtig in Italien angekommen zu sein“.



[1] Laut italienischem Statistikamt I.Stat: http://dati.istat.it/Index.aspx?DataSetCode=DCIS_POPSTRRES1&Lang=

[2] Namen geändert

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