Franziskus Leinwand

Papst Franziskus – Superstar

Die Italiener lieben den neuen Papst. Bei Audienzen und Messen ist immer Stau in Rom, der Andrang auch aus dem Ausland wird immer größer. In der Kurie sind aber viele skeptisch gegenüber dem neuen Superstar.

Von Marion Sendker

Papst Franziskus (Foto: Denis Potyka)
Papst Franziskus (Foto: Denis Potyka)

Morgens, halb zehn in Rom: Agnese ist spät dran. Die polnische Studentin wartet zwar schon seit einer halben Stunde auf Papst Franziskus. Aber die ersten Gruppen waren schon um halb sechs vor Sankt Peter. Verhältnisse wie vor einem Rockkonzert. Die Erwartungen an Papst Franziskus sind groß. „Er hat eine gute Einstellung, ist offen und nah“, sagt Agnese. Sie wünscht sich von ihm vor allem Veränderungen in der Finanzpolitik der Kirche und eine Bewegung weg von lebensfremden, konservativen Dogmen. „Er kann das schaffen“, findet sie und macht Jorge Mario Bergoglio das wohl größte Kompliment, das eine Polin einem Papst machen kann: „Er hat ein bisschen was von Johannes Paul II.“

Ein Papst der Liebe

So wie Agnese geht es vielen Pilgern, die zu Tausenden nach Rom strömen, um das Kirchenoberhaupt zu erleben. Die Tickets für Audienzen und Messen sind kostenlos. Mehr als eine Million Pilger sind seit seiner Wahl im März zu ihrem Idol in den Vatikan gereist. Das bedeutet zwei Mal pro Woche Schneckentempo für Autos, Taxen, Busse und sogar Motorrinos. Jeden Sonntag zum Angelusgebet und jeden Mittwoch zur Audienz breitet sich ein Verkehrschaos im Zentrum von Rom aus, das selbst für Römer neu ist. Viele Carabinieri müssen dann versuchen, die Massen durch die Straßen zu leiten. Stau im Namen des Papstes, der gerne zu sich einlädt. Franziskus veranstaltet nämlich ungewöhnlich viele Messen und Feiern. Er will die Massen bei sich haben und ihnen das Evangelium verkünden, als das, was es der wörtlichen Übersetzung nach ist: eine „Frohe Botschaft“. Es geht ihm dabei stets um das eine: Jesus Christus, der von sich selbst sagt, dass er die Liebe und das Leben sei. Anstelle von kleinkarierten Moralpredigten erinnert Franziskus in seinen Reden wieder und wieder an die Liebe und Gnade Gottes. Die Predigten des Argentiniers sind leicht zu verstehen. Das kommt an bei den Gläubigen. In seinem Papstschreiben „Evangelii Gaudium“, das Ende November erschienen ist, fasst er sein Anliegen zusammen. Er will einen „Zustand permanenter Mission“ und eine „Revolution der zärtlichen Liebe“. Die Konsequenz daraus sind für Franziskus Barmherzigkeit und Vergebung. Diese Bescheidenheit und das Bekenntnis zur eigenen Schuld machen aus dem Pontifex Maximus einen von ihnen, den Pilgern.

Der Trend geht zur Bescheidenheit

Bild 4Dabei ist die Idee mit der Liebe im Christentum ja nichts Neues. Die konsequente Umsetzung alá Jorge Mario Bergoglio vielleicht aber schon. Kaum ein Kind verlässt den Petersplatz nach einer Audienz ungeküsst, kaum ein Rollstuhlfahrer, der nicht gesegnet wird. Der Papst will keine Franziskus-Rufe bei seinen Auftritten, und schlägt den Massen stattdessen vor, Christus zu skandieren. Wenn es um die Verkündigung der frohen Botschaft geht, greift er schon mal zum Hörer, um Gläubigen per Telefon Beistand zu leisten. Bei Anruf Papst. Er verzichtet auf seine Wohnung im Apostolischen Palast und haust lieber in einem Zimmer des Gästehauses Santa Marta im Vatikan, wo er seine Rechnungen natürlich selbst bezahlt. Der Pontifex setzt auf Bescheidenheit statt Prunk. Denn Franziskus fordert eine arme Kirche für die Armen und macht sie zu einem Lazarett für alle, die krank und arm und Sünder sind. Sich selbst schließt er davon nicht aus. „Ich bin ein Sünder, das ist die richtigste Definition“, erklärte er in einem Interview für die Zeitschrift „Civiltà Cattolica“. Das beißt sich mit dem absolutistischen Papstverständnis, das noch einer seiner Vorgänger, Pius IX, 1870 verkörperte, als er die Unfehlbarkeit des Papstes bei der Verkündung eines Dogmas erklärte. Franziskus will das leben, was er von anderen verlangt. Für ihn steht der Mensch im Vordergrund.

„Die Italiener lieben das natürlich“, sagt Salesianer-Pater Norbert Hofmann, Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls in Rom. Ob es sich dabei um mediale Inszenierung handelt wie bei einem Popstar oder nicht, bleibt letztlich dahingestellt. Für die Kirche zählt das Außenergebnis.

Ein Superstar, der keine Diva ist

Was die Italiener so lieben, sehen viele hohe Herren im Vatikan dagegen skeptisch. Ein Papst, der auf die Anrede „Heiliger Vater“, schon mal mit „Heiliger Sohn“ antwortet, ist der römischen Kurie fremd. Franziskus ist kein großer Fan von Floskeln und Formalien, sondern ein Papst der Tat. So soll er schon dem Monsignore Konrad Krajewski in den späten Abendstunden tatkräftig zur Seite gestanden und mit ihm die Armen gepflegt haben. Offiziell hat Franziskus sich aber nicht aus dem Vatikan geschlichen, um den Armen beizustehen.

„Er isoliert sich nicht im Vatikan und lässt sich dort auch nicht isolieren“, erklärt Pater Hofmann das Verhalten des Argentiniers. Die Wirkung seines radikalen Stils ist religiös genauso wie politisch und schafft eine vorsichtige Atmosphäre im Innern. Dem vatikanischen Establishment geht es in erster Linie um Selbsterhalt. Die Sorge, von Papst Franziskus’ koketter Bescheidenheit wegrationalisiert zu werden, geistert durch die Reihen. Der Vatikan besteht schließlich auch nur aus Menschen, und der Deal um Positionen und Macht ist dort so fest in den Tagesablauf integriert wie das Vater Unser.

Göttliche Aussichten

Die Frage ist, ob und wann Franziskus es schaffen wird, die römische Kurie tatsächlich zu kurieren. „Solch eine Neustrukturierung wäre wohl die größte zu erwartende Reform von diesem Papst“, findet Pater Hofman und fügt hinzu: „Das kann natürlich ein Weilchen dauern und Papst Franziskus ist auch nicht mehr der Jüngste.“ Der 76-jährige Bergoglio, der auf seinen Auftritten gefeiert wird wie ein Teenie-Star, hat außerdem nur noch eineinhalb Lungenflügel. Abgesehen davon ist er aber fit wie ein gebrauchter Turnschuh. Vielleicht liegt das daran, dass die päpstlichen Füße nicht in den roten Papstpantoffeln, sondern in alten Straßenschuhen stecken. Franziskus’ Ansage ist damit mehr als klar. Er sorgt in der Kirche für ein Comeback der Liebe und der Bescheidenheit. Damit steigt die Kirche auf der Beliebtheitsskala ihrer Mitglieder, erhöht aber auch einen Erwartungsdruck, den Franziskus selbst geschaffen hat. „Der hohe Zuspruch von außen wird ihm bei Veränderungen innerhalb der Kirche helfen“, meint Pater Hofmann dazu.

Bild 6Der kalte Dezembermorgen vor Sankt Peter: Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, nur von Weitem kündigt eine neblige Dämmerung den Anbruch eines neuen Tages an. Ein paar Pilger aus aller Welt stehen eng aneinander bei den Kolonnadengängen. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt ist es eigentlich zu kalt, um im Morgengrauen vor dem Petersplatz zu warten. Aber heute ist Mittwoch, Audienztag. Mit der Zeit kommen immer mehr Menschen. Chinesen, Bulgaren, Ukrainer und vor allem Italiener. Sie alle lieben ihren „Papá“. In ein paar Stunden wird auch Agnese kommen. Zu spät, um noch einen Platz in den ersten Reihen zu erhaschen. Aber es gibt ja Bildschirme, auf denen der Papst in Übergröße projiziert wird. „Die Stimmung und seine Aura reichen weit über die ersten Reihen hinaus“, wird sie sagen und zufrieden ihr Cornetto frühstücken.

Gegen 10.30 Uhr, mit dem Jubel und Gesang seiner Gäste, wird dann Papst Franziskus auftauchen. Auch wenn er keine „Franziskus“-Rufe bei seinen Auftritten hören will, er ist ihr Superstar. Bergoglio weiß, wie er mit den Medien und den Massen umgehen muss und nutzt seine Popularität, um das Licht auf den zu werfen, den er auf Erden vertreten soll. Alles andere ist für ihn Nebensache. Sein Erfolgsgeheimnis heißt Jesus Christus. Für Bergoglio ist er der Superstar.

Die Debatte Keine Kommentare