Erschaffung_Spaghetti

Pasta statt Papst in Polen

Die “Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters” gewinnt in Polen an Bedeutung. Sie ist der katholischen Kirche ein Dorn im Auge.

Von Martha Dudzinski

Erschaffung_SpaghettiMehr als 90 Prozent der Polen bezeichnen sich als Katholiken. Zum Vergleich: In Deutschland sind es laut Statistischem Bundesamt 30,2 Prozent, nur im Saarland und in Bayern knacken die Katholiken die 50-Prozent-Marke. Doch das polnische Glaubensbekenntnis hat andere Ursachen, glaubt Andrzej Kuliński: „Die Mehrheit der Polen bekennt sich nur aus formalen Gründen zum Katholizismus, in Wahrheit glauben sie an keinen Gott.“ Kuliński gehört zum Vorstand einer Glaubensgemeinschaft, die der mächtigen katholischen Kirche besonders ein Dorn im Auge ist: die “Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters”. Die Religion der „Pastafaris“, wie sie sich selber nennen, geht auf den US-amerikanischen Physiker Bobby Henderson zurück: Der hatte 2005 das Fliegende Spaghettimonster (FSM) erfunden – aus Protest gegen die Pläne seines Heimatstaates Kansas, Kreationismus, also die biblische Entstehungsgeschichte, im Schulunterricht einzuführen.

Seit Hendersons “Segen“ 2011 haben sich quer durch ganz Polen und in allen größeren Städten Pastafari/Gemeinden gegründet – elf sind es inzwischen, unter anderem in Warschau, Lodz, Stettin, Krakau, Kattowitz und Breslau. Allein die offizielle Facebook-Seite der polnischen Kirche des FSM hat mehr als 21.000 Facebook-Likes, dazu kommen zahlreiche polnischsprachige Fan-Seiten für das Spaghettimonster selbst. Besondere mediale Aufmerksamkeit haben die polnischen Pastafaris Anfang 2013 erhalten, als ihr Antrag abgelehnt wurde, ins Religionsregister eingetragen zu werden. Sie haben dagegen Klage eingereicht und warten aktuell auf die Entscheidung des Gerichts: „Lasst uns hoffen, dass die Gerichte aufhören, die polnische Staatsräson lächerlich zu machen. Sonst gehen wir in die nächste Instanz“, meint Kuliński entschlossen.

Die Bewegung balanciert auf einem dünnen Grad zwischen Satire und ernstzunehmender Religionsgemeinschaft: Die Glaubensgrundsätze basieren auf Werten wie Geschlechtergerechtigkeit und Anti-Diskriminierung, religiöse Dogmen werden abgelehnt. Basierend auf der Botschaft ihres Propheten führt die Kirche den Kampf der Kreationisten ad absurdum: Der Mensch stammt vom Piraten ab, da seine DNA dem Menschen ähnlicher ist als die des Affen. Globale Erwärmung entsteht durch die sinkende Anzahl von Piraten: Als Beweis wird Somalia hinzugezogen, das Land mit der höchsten Piratenanzahl und dem niedrigsten CO2-Ausstoß – eine Parodie auf die Erklärungen für den Klimawandel religiöser Fanatiker. Regelmäßig liefern sich Pastafaris in verschiedenen Ländern Auseinandersetzungen mit Behörden, um mit religiöser Kopfbedeckung (Nudelsieb, Piratentuch) für Ausweisdokumente abgelichtet zu werden.

Andrzej Kuliński
Andrzej Kuliński

Was in vielen Ländern als absurder Spaß praktiziert wird, dient in Polen jedoch einer ernsthaften gesellschaftlich-politischen Diskussion. Kuliński ist überzeugt: „Die katholische Kirche hat einen großen, viel zu großen Einfluss auf die Politiker. Die Pastafaris kämpfen gegen den Einzug des religiösen Fanatismus in die Staatspolitik.“ Tatsächlich entspringt der große Zulauf der Bewegung den gesellschaftlichen Veränderungen in Polen: Denn während sich auf der einen Seite gerade junge, gebildete Linke von der Kirche abwenden, lässt sich im nationalkonservativen Bereich eine radikalisierte Form des Katholizismus (http://blog.europaundwir.eu/rechtsruck-linksruck-wie-sich-die-polnischen-medien-spalten-liessen/) finden. Zahlreiche Bewegungen – Atheisten, Laizisten, und eben auch Pastafaris – widersetzen sich der kirchlichen Macht im Staat und insbesondere der wachsenden Radikalisierung des rechten Flügels. Und wenn die Pastafaris bei einem ihrer Feste, das „zufällig“ mit Weihnachten zusammenfällt, für ein neues Polen beten, beenden sie ihr Gebet – frei nach der japanischen Nudelsorte – mit „Ramen“.

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