In den Niederlanden stehen den Journalisten alle Möglichkeiten offen: sie haben einen guten Zugang zu Informationen, rechtlichen Schutz und können ihre Meinung frei äußern. Pressefreiheit allein ist für ein funktionierendes Geschäftsmodell jedoch noch nicht ausreichend. Von Theresa Lieb Auf der Rangliste der Pressefreiheit, die jedes Jahr von den Reportern ohne Grenzen herausgegeben wird, stehen die Niederlande fast ganz vorne - nur von Finnland werden sie getoppt. Deutschland liegt etwas weiter hinten auf Platz 17 und Eritrea bildet mit Platz 179 das Schlusslicht. Doch was bedeutet es, wenn ein Land ein so hohes Ranking für Pressefreiheit bekommt? Sind alle Journalisten in den Niederlanden glücklich, die Politiker stets für jegliche Auskünfte zu haben und die Bürger perfekt informiert? Ganz so ist es vielleicht nicht, aber beinahe. Wilfried Rütten, Leiter des European Journalism Center, beurteilt die politische Situation in den Niederlanden als sehr gut: „Es ist ein sehr freies Land, ich habe noch nie mitbekommen, dass irgendwie politischer Einfluss oder Druck auf Journalisten ausgeübt wird.“ Im Gegensatz dazu seien zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland nicht ganz so unabhängig, wie sie es gerne wären. Ebenso sei den Holländern Transparenz und Verantwortlichkeit im Journalismus wichtig. Konkret heißt das, dass Journalisten keine Schwierigkeiten haben, an Informationen zu gelangen und diese zu verwerten. Bruce Mutsvairo, der für die Associated Press in Amsterdam arbeitete und nun als Assistenzprofessor im Bereich Medien und Journalismus an der Universität Leiden unterrichtet, kann dies bestätigen: „Bei AP hatte ich nie das Problem, nicht mit jemandem sprechen zu können. Die Leute sind hier für Journalisten immer erreichbar. Mit Ausnahme der Königsfamilie kann man in Holland auch über alles frei berichten.“ Entsprechend gut sei auch die Qualität des Journalismus, so Rütten. Bei einer europaweiten Projektausschreibung des European Journalism Center wurden für die Größe der Niederlande erst kürzlich überrepräsentativ viele gute Recherchevorschläge eingereicht. Generell sei auch die Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender wie NOS gut. Aernout van Lynden hat vor etwa 30 Jahren bei einer Lokalzeitung in Den Haag seine journalistische Karriere begonnen und dann viele Jahre als Kriegsberichterstatter im Mittleren Osten gearbeitet. Er sieht neben dem Optimismus der übrigen Experten auch noch ein paar Schattenseiten, zum Beispiel im Bereich des Investigativen Journalismus. „Holland hat keine lange journalistische Tradition wie etwa die angelsächsichen Länder. Hier gab es diesen richtig tiefgehenden Journalismus usrpünglich nicht und heute ist durch das Internet sowieso nichts mehr davon übrig. Alles muss nur noch kurz und sehr schnell sein, ich kriege von holländischen Medien kaum mehr wirkliche Inhalte geliefert. Aber in anderen Ländern wie etwa den USA ist das noch viel schlimmer.“ Van Lynden spricht damit ein Thema an, das auch Rütten und Mutsvairo beschäftigt. Denn die größte Bedrohung des Journalismus sei nicht die politische Situation, sondern der Medienwandel. „Das Problem ist, dass es allgemein kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr gibt. Ich denke dass die Niederlande da noch ein Stück schlechter dastehen als Deutschland, weil die Auflagen viel kleiner sind“, sagt Rütten. Mutsvairo fürchtet, dass Fox News neben dem Fußballkanal, den das Unternehmen schon aufgekauft hat, weitere Sender übernehmen wird. Denn dann gäbe es keine Nachrichten mehr, sondern nur noch Meinung.


Nachgefragt: Kommt die Pressefreiheit bei den Bürgern an? [caption id="attachment_486" align="alignright" width="300"]Karlo Levsink ist begeistert. Foto: Theresa Lieb Karlo Levsink ist begeistert. Foto: Theresa Lieb[/caption] Karlo Levsink, 34: Ich denke, dass die Presserfreiheit in Holland wirklich großartig ist. Journalisten haben hier glaube ich alle Möglichkeiten, aber so viel Erfahrung habe ich damit auch wieder nicht. Dass wir so weit vorne beim Ranking sind überrascht mich trotzdem, ich dachte dass die Pressefreiheit in Europa in allen Ländern gleich ist, außer vielleicht in den östlichen Ländern. Generell gibt es hier nur sehr wenige Presseskandale, nur im Fußball geht es schon ziemlich heiß her. Aber das ist ja auch gut so!   [caption id="attachment_487" align="alignleft" width="300"]Liset Berkheij sieht noch Spielraum nach oben. Foto: Theresa Lieb Liset Berkheij sieht noch Spielraum nach oben. Foto: Theresa Lieb[/caption] Liset Berkheij, 23: Holland ist ein sehr freies Land für Journalisten, deshalb ist es auch gut, dass wir beim Ranking so weit vorne sind. Über Presseskandale höre ich nicht viel, aber manchmal finde ich auch nicht genügend Information über ein Thema. Ich denke zum Beispiel, dass die meisten Leute nicht wissen, was beim NSA Skandal passiert ist, weil darüber kaum etwas berichtet wurde. Außerdem finde ich es schade, dass wir von der Königsfamilie nur bei offiziellen Anlässen etwas erfahren. In diesem Thema ist die Pressefreiheit schon stark eingeschränkt.   [caption id="attachment_488" align="alignright" width="300"]Vijoy Crupta bleibt ganz entspannt.  Foto: Theresa Lieb Vijoy Crupta bleibt ganz entspannt.
Foto: Theresa Lieb[/caption] Vijoy Crupta, 39: Holland ist ein guter Ort für Journalisten, ich sehe hier überhaupt keine Probleme. Ich komme ursprünglich aus Indien und da ist es ganz anders. In Indien gibt es einen großen Einfluss von Seiten der Politiker auf die Journalisten. Das ist in Holland nicht so, hier sind sie viel unabhängiger. Vom NSA Skandal habe ich vor kurzem etwas gehört, aber ich denke nicht, dass das eine große Sache ist. In China passiert so etwas ständig. Viel berichtet wurde aber nicht und man muss daraus auch kein wirkliches Problem machen, denn die Leute veröffentlichen sowieso ihr ganzes Leben auf Facebook. Deshalb mache ich mir da keine Sorgen.   [caption id="attachment_485" align="alignleft" width="300"]Jennifer Delaney bleibt kritisch. Foto: Theresa Lieb Jennifer Delaney bleibt kritisch.
Foto: Theresa Lieb[/caption] Jennifer Delaney, 28: Die Pressefreiheit in Holland ist nicht so gut wie viele denken. Letztes Jahr wurde hier am Bahnhof ein Jugendlicher von einem Polizisten erschossen, obwohl er nicht einmal bewaffnet war und für den Polizisten also gar keine Gefahr darstellte. Ich habe für einen Journalismuskurs an der Uni einen Artikel darüber geschrieben. Von der Polizei habe ich nur Auskunft über den Jungen und seine Familie bekommen, aber nichts über den Polizisten, obwohl er doch die Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt. In Kanada, wo ich herkomme, oder in den USA, wäre so etwas nicht möglich. Der Fall ist jetzt schon ein Jahr her und es weiß immer noch niemand, was wirklich passiert ist. Ich denke, dass hier viel zu viel Information vor der Öffentlichkeit verborgen wird.

Pressefreiheit reicht zum Überleben nicht

In den Niederlanden stehen den Journalisten alle Möglichkeiten offen: sie haben einen guten Zugang zu Informationen, rechtlichen Schutz und können ihre Meinung frei äußern. Pressefreiheit allein ist für ein funktionierendes Geschäftsmodell jedoch noch nicht ausreichend.

Von Theresa Lieb

Auf der Rangliste der Pressefreiheit, die jedes Jahr von den Reportern ohne Grenzen herausgegeben wird, stehen die Niederlande fast ganz vorne – nur von Finnland werden sie getoppt. Deutschland liegt etwas weiter hinten auf Platz 17 und Eritrea bildet mit Platz 179 das Schlusslicht. Doch was bedeutet es, wenn ein Land ein so hohes Ranking für Pressefreiheit bekommt? Sind alle Journalisten in den Niederlanden glücklich, die Politiker stets für jegliche Auskünfte zu haben und die Bürger perfekt informiert? Ganz so ist es vielleicht nicht, aber beinahe.

Wilfried Rütten, Leiter des European Journalism Center, beurteilt die politische Situation in den Niederlanden als sehr gut: „Es ist ein sehr freies Land, ich habe noch nie mitbekommen, dass irgendwie politischer Einfluss oder Druck auf Journalisten ausgeübt wird.“ Im Gegensatz dazu seien zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland nicht ganz so unabhängig, wie sie es gerne wären. Ebenso sei den Holländern Transparenz und Verantwortlichkeit im Journalismus wichtig. Konkret heißt das, dass Journalisten keine Schwierigkeiten haben, an Informationen zu gelangen und diese zu verwerten. Bruce Mutsvairo, der für die Associated Press in Amsterdam arbeitete und nun als Assistenzprofessor im Bereich Medien und Journalismus an der Universität Leiden unterrichtet, kann dies bestätigen: „Bei AP hatte ich nie das Problem, nicht mit jemandem sprechen zu können. Die Leute sind hier für Journalisten immer erreichbar. Mit Ausnahme der Königsfamilie kann man in Holland auch über alles frei berichten.“ Entsprechend gut sei auch die Qualität des Journalismus, so Rütten. Bei einer europaweiten Projektausschreibung des European Journalism Center wurden für die Größe der Niederlande erst kürzlich überrepräsentativ viele gute Recherchevorschläge eingereicht. Generell sei auch die Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender wie NOS gut.

Aernout van Lynden hat vor etwa 30 Jahren bei einer Lokalzeitung in Den Haag seine journalistische Karriere begonnen und dann viele Jahre als Kriegsberichterstatter im Mittleren Osten gearbeitet. Er sieht neben dem Optimismus der übrigen Experten auch noch ein paar Schattenseiten, zum Beispiel im Bereich des Investigativen Journalismus. „Holland hat keine lange journalistische Tradition wie etwa die angelsächsichen Länder. Hier gab es diesen richtig tiefgehenden Journalismus usrpünglich nicht und heute ist durch das Internet sowieso nichts mehr davon übrig. Alles muss nur noch kurz und sehr schnell sein, ich kriege von holländischen Medien kaum mehr wirkliche Inhalte geliefert. Aber in anderen Ländern wie etwa den USA ist das noch viel schlimmer.“

Van Lynden spricht damit ein Thema an, das auch Rütten und Mutsvairo beschäftigt. Denn die größte Bedrohung des Journalismus sei nicht die politische Situation, sondern der Medienwandel. „Das Problem ist, dass es allgemein kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr gibt. Ich denke dass die Niederlande da noch ein Stück schlechter dastehen als Deutschland, weil die Auflagen viel kleiner sind“, sagt Rütten. Mutsvairo fürchtet, dass Fox News neben dem Fußballkanal, den das Unternehmen schon aufgekauft hat, weitere Sender übernehmen wird. Denn dann gäbe es keine Nachrichten mehr, sondern nur noch Meinung.


Nachgefragt: Kommt die Pressefreiheit bei den Bürgern an?

Karlo Levsink ist begeistert. Foto: Theresa Lieb
Karlo Levsink ist begeistert. Foto: Theresa Lieb

Karlo Levsink, 34: Ich denke, dass die Presserfreiheit in Holland wirklich großartig ist. Journalisten haben hier glaube ich alle Möglichkeiten, aber so viel Erfahrung habe ich damit auch wieder nicht. Dass wir so weit vorne beim Ranking sind überrascht mich trotzdem, ich dachte dass die Pressefreiheit in Europa in allen Ländern gleich ist, außer vielleicht in den östlichen Ländern. Generell gibt es hier nur sehr wenige Presseskandale, nur im Fußball geht es schon ziemlich heiß her. Aber das ist ja auch gut so!

 

Liset Berkheij sieht noch Spielraum nach oben. Foto: Theresa Lieb
Liset Berkheij sieht noch Spielraum nach oben. Foto: Theresa Lieb

Liset Berkheij, 23: Holland ist ein sehr freies Land für Journalisten, deshalb ist es auch gut, dass wir beim Ranking so weit vorne sind. Über Presseskandale höre ich nicht viel, aber manchmal finde ich auch nicht genügend Information über ein Thema. Ich denke zum Beispiel, dass die meisten Leute nicht wissen, was beim NSA Skandal passiert ist, weil darüber kaum etwas berichtet wurde. Außerdem finde ich es schade, dass wir von der Königsfamilie nur bei offiziellen Anlässen etwas erfahren. In diesem Thema ist die Pressefreiheit schon stark eingeschränkt.

 

Vijoy Crupta bleibt ganz entspannt.  Foto: Theresa Lieb
Vijoy Crupta bleibt ganz entspannt.
Foto: Theresa Lieb

Vijoy Crupta, 39: Holland ist ein guter Ort für Journalisten, ich sehe hier überhaupt keine Probleme. Ich komme ursprünglich aus Indien und da ist es ganz anders. In Indien gibt es einen großen Einfluss von Seiten der Politiker auf die Journalisten. Das ist in Holland nicht so, hier sind sie viel unabhängiger. Vom NSA Skandal habe ich vor kurzem etwas gehört, aber ich denke nicht, dass das eine große Sache ist. In China passiert so etwas ständig. Viel berichtet wurde aber nicht und man muss daraus auch kein wirkliches Problem machen, denn die Leute veröffentlichen sowieso ihr ganzes Leben auf Facebook. Deshalb mache ich mir da keine Sorgen.

 

Jennifer Delaney bleibt kritisch. Foto: Theresa Lieb
Jennifer Delaney bleibt kritisch.
Foto: Theresa Lieb

Jennifer Delaney, 28: Die Pressefreiheit in Holland ist nicht so gut wie viele denken. Letztes Jahr wurde hier am Bahnhof ein Jugendlicher von einem Polizisten erschossen, obwohl er nicht einmal bewaffnet war und für den Polizisten also gar keine Gefahr darstellte. Ich habe für einen Journalismuskurs an der Uni einen Artikel darüber geschrieben. Von der Polizei habe ich nur Auskunft über den Jungen und seine Familie bekommen, aber nichts über den Polizisten, obwohl er doch die Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt. In Kanada, wo ich herkomme, oder in den USA, wäre so etwas nicht möglich. Der Fall ist jetzt schon ein Jahr her und es weiß immer noch niemand, was wirklich passiert ist. Ich denke, dass hier viel zu viel Information vor der Öffentlichkeit verborgen wird.

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