Euro Spanien

Raus aus dem Euro = raus aus der Krise?

Euro Spanien

Spanien muss in der Krise massiv sparen: mehr als 65 Milliarden Euro bis 2016. In der Bevölkerung sorgt das für wilde Diskussionen: Wäre eine Rückkehr zur Peseta die bessere Alternative? 

Von Julia Gurol

Im Stadtzentrum von Granada, einer kleinen Studentenstadt im Herzen von Andalusien, hat die Finanzkrise ein trauriges Gesicht. Wo einst kleine Geschäfte und Bars für ein reges Leben sorgten, stehen inzwischen viele Lokale leer; in Kinos laufen Filme vor einem beinahe geisterhaft leeren Kinosaal und Restaurants öffnen oft gar nicht erst. Regelmäßig wechseln die Geschäftsinhaber, etliche Erfolgskonzepte werden durchprobiert – und scheitern. Ein oft diskutierter Reformvorschlag, um die Krise endlich hinter sich zu lassen, ist der Austritt aus dem Euro, wie er auch in Griechenland von vielen Experten vorgeschlagen wird. Dadurch solle die Währung im Land abgewertet und wieder internationale Wettbewerbsfähigkeit hergestellt werden. Für Spanien hieße das: weg mit dem Euro und zurück zu den Pesetas. Doch ist der Euro wirklich schuld an der Misere?

Für Ignacio Sanchez Ortega keine schwere Frage: „Ohne den Euro ging es Spanien doch viel besser“, meint der 56-jährige Restaurantbesitzer. „Wenn wir uns die letzten 20 Jahre mal anschauen, sieht man doch ganz deutlich, dass es uns vor der Währungsreform wirtschaftlich viel besser ging. Außerdem sorgt der Euro dafür, dass alle Mitgliedsstaaten voneinander abhängen. Wo hat die Finanzkrise 2009 in Europa denn angefangen? In Griechenland! Und wer leidet jetzt mit? Spanien!“ Ginge es nach Ortega, würde man in Spanien schon morgen wieder mit Pesetas bezahlen. Mit fatalen Folgen allerdings: Die Schulden blieben in Euro bestehen. Da die nationale Währung aber weniger wert wäre, würde die Rückzahlung deutlich teurer. Den negativen Effekt eines Euro-Austritts sieht auch Carmen Maria, BWL-Studentin. „Raus-aus-dem-Euro-Befürworter machen es sich ein bisschen leicht, finde ich. Klar, ist ja auch einfach, die Schuld der gemeinsamen Währung zuzuschieben. Aber ich sehe die Ursache eher bei Spaniens Regierung. Für viele Jahre Misswirtschaft, Spekulationen und schlechte Investitionen kann auch der Euro nichts.“ Die 24-Jährige sieht zudem in der Euro-Union eher eine Chance für Spanien und dreht den Spieß einmal um: 90 Prozent aller Investitionen kämen doch aus EU-Ländern, und gleichzeitig gingen rund 75 Prozent aller Exporte in EU-Staaten, sagt die Studentin, die sich in der Thematik sichtlich auskennt. Wie könne man da sagen, Spanien habe nicht vom Euro profitiert?

Alvaro Tamargo
Alvaro Tamargo gibt Deutschland den Schwarzen Peter in der Krise.

Euro-Kritiker Alvaro Tamargo hält dagegen. Der Politikstudent sieht die Ursache der Krise ganz speziell bei der EU. „Mehr als 80 Prozent der EU werden doch von finanzstarken Ländern wie Deutschland dominiert. Spanien hat da kaum etwas zu sagen.“ Einen Austritt aus dem Euro hält der 30-Jährige dennoch nicht für die Lösung der Krise. Das Problem, so sagt er, sei ein ganz anderes. Die Europäische Zentralbank tanze nach der Pfeife Deutschlands, das die EU mit seinen eigenen Kapitalinteressen dominiere. Statt über den Austritt aus dem Euro zu diskutieren, solle man stattdessen Druck auf Angela Merkel ausüben, ihre Finanzpolitik zu ändern. „Statt Spanien soll viel lieber Deutschland raus aus dem Euro“, meint er. Deutschland als Schwarzer Peter der Krise – das ist ein häufig gehörtes Argument in Spanien. Das Land, das für die meisten Jugendlichen als Arbeitsparadies erscheint, dient insbesondere vielen älteren Spaniern als Sündenbock für die Finanzkrise.

Während sich einige über die Zukunft Spaniens den Kopf zerbrechen, geht manch anderen das Hin und Her rund um Euro und EU gewaltig auf die Nerven. „Warum denn immer über den Euro diskutieren?“, beschwert sich Pilar Moreno Valero. „In die Krise hätten wir genauso gut mit Pesetas geraten können. Mir geht die Diskussion auf die Nerven. Anstatt die Situation hinzunehmen und zu versuchen, eine Lösung zu finden, reden wir über einen Euro-Austritt. Das ist doch lächerlich.“ Die 34-Jährige spricht so, obwohl sie die Krise mit voller Breitseite getroffen hat: Durch den starken Stellenabbau verlor sie ihren Job in einer Kindertagesstätte und arbeitet jetzt für kleines Geld in einem Gemüseladen. Dennoch sieht sie die Schuld nicht beim Euro. „Ob wir ohne Euro besser dran wären, weiß ich nicht. Das weiß vermutlich niemand. Aber wir sollten mal lieber anfangen, die Fehler bei uns zu suchen.“ Raus aus dem Euro = raus aus der Krise? Eine Gleichung, die für viele Spanier nicht aufgeht. Also wird die einzige Lösung, wieder Finanzstabilität zu erlangen, wohl weiterhin lauten: Sparen, Sparen, Sparen.

Die Debatte 1 Kommentar

  1. von Thomas W. aus K.
    Antworten -

    1. Sie Krise ohne Euro

    Über den Austritt aus dem Euro zu diskutieren ist natürlich legitim. Die EU mit dem Euro ist ein komplexes Konstrukt, das von vielen Variablen bestimmt wird. Natürlich würden die Nationen, die hohe Schulden aufgrund einer fraglichen Haushaltspolitik aufgebaut haben und jetzt nach der Krise eine Staatsverschuldung über 100% des BIP haben, die Chance erhalten eine Währung in der Stärke einzuführen, die ihrer tatsächlichen Wirtschaftsleistung entspricht. So wie jeder rationale Privathaushalt versucht eine Reserve für schlechte Zeiten an zu sparen haben Staaten dafür zu sparen, dass in schlechten Zeiten die Verschuldungshöhe reicht um eine Krise zu überstehen.

    Stellt man sich jetzt vor, dass es keinen Euro gäbe, dann hätten alle EU Staaten auf die Krise mit schwankenden Währungen reagiert und sich gegenseitig beeinflusst. Die Krise wäre wie ein Sturm über einen dichten Wald geweht und hätte Bäume zum Schwanken und zu Fall gebracht. Fallende und schwankende Bäume hätten wiederum andere Bäume mehr zum schwanken gebracht. Der Euro war in diesem Sturm ein einziger Baum mit einem dicken Stamm. Der Handel in der EU wäre nicht nur aufgrund der gesunkenen Nachfrage reduziert. Diese Situation hätte die Stabilität des verbliebenen Handels in der EU gänzlich gefährdet und den Spekulanten Tor und Tür geöffnet.

    Für die Krise kann man sagen, dass man froh sein kann, dass der Euro da war! In Zeiten der Krise hat der Euro gerade den wirtschaftlichen schwächeren Staaten Stabilität gegeben. Jetzt nach dem Schock müssen die schmerzlichen Sparmaßnahmen durchgeführt werden, die Deutschland mit der Agenda 2010 vor der Krise durchmachen musste.
    Wichtig ist mir, dass festgehalten wird, dass es den Staaten nicht wegen des Euros schlecht geht sondern, weil man glaubte sich auf dem Euro und der EU ausruhen zu können. Der Zwang zum Sparen kann auch bedeuten, dass die Staaten in 20 Jahren Strukturen besitzen, mit denen sie Wettbewerbsfähiger sind als wir dann.