Fotos: Yes!Delft

Fotos: Yes!Delft

Reale Technik statt Pizza-Bestell-App

Delfter Startups wollen nicht noch eine weitere Pizza-Bestell-App entwickeln. In dem europäischen Brutkasten haben sich junge Unternehmen stattdessen auf die Fahnen geschrieben, Technik „zum Anfassen“ zur Marktreife zu bringen. Zum zehnjährigen Jubiläum des an der Technischen Universität Delft angegliederten Inkubators Yes!Delft sind nicht nur wichtige Beratungsfirmen wie Ernst and Young und KPMG gekommen, sondern auch Großunternehmen wie Heineken und Shell sowie Verbände von sogenannten Angel Investoren- Privatleute, die sich zusammengeschlossen haben, um in Startups zu investieren.

Die Mitarbeiter von PowerWindow haben es rechtzeitig für den wichtigen Besuch geschafft, einen Prototyp seiner auf der Welt einmaligen Fensterscheibe fertig zu stellen. Mitgründer Ferdinand Grapperhaus hält seine Mini-Fensterscheibe gegen das Licht. Sobald die Licht-Strahlen von der mit Nanopartikeln versetzten Scheibe absorbiert werden, schlägt eine LED-Anzeige aus. Die Glasscheibe produziert Strom – ohne dabei eine rote, grüne oder gelbe Färbung zu haben, wie es bei bisher erhältlichen Produkten der Fall ist. Die Glasscheibe scheint nur ein klein wenig dunkler als gewöhnlich. Kaum wahrnehmbar, wird ein Teil des sichtbaren Spektrums absorbiert und in Energie umgewandelt, ähnlich wie in einer Solarzelle.

Die Partikel für diese Technologie haben die zwei PowerWindow-Gründer als Masterstudenten von Professor Erik van der Kolk an der TU Delft mitentwickelt. Diese enge Verbundenheit zwischen Universität und Inkubator zeichnet Yes!Delft aus. Auch viele der 793 Angestellten der 70 zurzeit im Gebäude des Inkubators arbeitenden Startups sind Studenten oder Absolventen der TU Delft.

Europäischer Gründererfolg

Obwohl Yes!Delft als einzelner Inkubator nicht mit ganzen Förder-Ökosystemen, wie es sie in London, Moskau, Tel Aviv oder Berlin gibt, mithalten kann, sprechen die Zahlen für sich: Die 150 Startups, die durch Yes!Delft gefördert wurden oder werden, besitzen insgesamt 306 Patente, haben 1047 Angestellte, machen 97,7 Millionen Euro an Umsatz und haben in 96 Wettbewerben zusammengenommen fast 2 Millionen Euro gewonnen. Als universitärer Inkubator ist es der größte in Europa und wurde im University Business Incubator (UBI)-Ranking als „nächster großer Herausforderer“ bezeichnet, während kein anderer universitärer Inkubator aus Europa in diesem Ranking auftaucht.

Auch Bird Control, welches mit Laserstrahlen Vögel von Flugzeugen fernhält, ist eines dieser erfolgreichen Unternehmen. Nach weniger als drei Jahren setzt es schon Standards im weltweiten Flugverkehr und wird vom Word Wildlife Fund (WWF) als „innovative, effektive und tierfreundliche Lösung“ anerkannt. Die Firma mit mittlerweile 24 Mitarbeitern exportiert ihre Vogelabwehr-Technik in 60 Länder. Umherschweifende Laserstrahlen werden von Vögeln als reale Bedrohung wahrgenommen und halten sie so von ihren stählernen Gegenparts auf Flughäfen fern, für die sie eine große Gefahr darstellen, wenn sie in die Triebwerke geraten. Bird-Control-Gründer Steinar Henskes, der schon im Alter von 20 Jahren zwei Firmen verkauft und mehrere Preise wie den Global Student Entrepreneur Award gewonnen hat, schätzt die Atmosphäre in Delft. Sie erinnere ihn an die Atmosphäre in den USA. Obwohl er selbst schon den nächsten Schritt in Form von Büros in Boston und Hong Kong plant, sagt er: „Die Innovation wird immer in Delft bleiben.“

Gelöste Stimmung zum Inkubator-Jubiläum.  Foto:Delft!
Gelöste Stimmung zum Inkubator-Jubiläum. Foto:Delft!

Nachhaltig Wachsen

Jedes Jungunternehmen muss natürlich irgendwann global denken, aber vor allem für Gründer, die mit ihren Technologien den Klimaschutz voranbringen, gibt es in Europa eine gut ausgebaute Förder-Infrastruktur und viele Gelder. Eines diese Programme ist Climate-Kic, welches zum Großteil von der Europäischen Kommission, aber auch durch private Gelder und Forschungseinrichtungen finanziert wird. In über 13 verschiedenen, über Europa verstreuten Zentren, organisiert Climate-Kic zahlreiche Workshops und vernetzt international Startups untereinander und mit den richtigen Kooperationspartnern und Geldgebern. Lennart Budelmann Mitbegründer vom Cleantech Unternehmen Aquista sagt, dass er durch die Workshops viele Partner kennengelernt und unmessbare Erfahrungen gesammelt hat. „Erst durch die Workshops von Climate-Kic hat unsere Geschäftsidee richtig Form angenommen“, erklärt er. Seine Firma, die Wasserpumpen herstellt, die keinen Strom benötigen und stattdessen von der Strömung kleiner Flüsse angetrieben werden, finanzierte sich vor allem am Anfang durch öffentliche Zuschüsse der EU und des niederländischen Staats.

Die helfende, staatliche Hand

Ohne die Unterstützung durch die öffentliche Hand wäre Yes!Delft sicherlich nicht die sprudelnde Innovations-Quelle, die es ist. Wichtige Partner von des Inkubators sind die Stadt Delft und der Rotterdamer Hafen. Der niederländische Premierminister, Mark Rutte eröffnete den Inkubator 2005, damals als Staatsekretär für Bildung. Bei der Jubiläumsfeier hilft er, wichtige Kontakte zu knüpfen. So verspricht er Feedback Fruits, Verbindungen zu Universitätsverwaltungen in den Niederlanden und im Ausland herzustellen. Das ist wichtig, weil Ewoud de Kok und seine Mitgründer sich vorgenommen haben, die Universitätsbildung umzukrempeln. Statt allen Stoff während der Vorlesung zu vermitteln, nutzt der Lehrersohn Software dazu, dass Studenten sich die Inhalte schon vorher aneignen können. Die Vorlesung selbst kann der Professor dann viel sinnvoller nutzen, um auf Fragen der Studenten einzugehen.

Das Potenzial in Delft beeindruckt nicht nur europäische Investoren. Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die digitale Agenda und spezielle Gesandte des niederländischen Verbunds-Startup Delta sagt, das auch US-Investoren das große Potenzial in Europa erkannt haben. Allerdings beklagen sie mangelnde Exzellenz, wie man sie am Massachusetts Institute of Technology oder an der Stanford Universität findet. Sie erklärt es an einem Beispiel: Auf Nachfrage bei einem Startup, was es am meisten hindert, gaben die Unternehmer an, dass der Windkanal, den sie für die Entwicklung benötigen, nur von 9 bis 17 Uhr geöffnet sei. „Da muss sich die Mentalität in Europa deutlich ändern“, sagt Kroes.

Allerdings hat das schnelle Ausbrüten von Innovation seinen Preis, was steigender Drogenkonsum in Silicon Valley und unmoralisches Verhalten von Unternehmen wie Uber zeigen. Vielleicht kann sich die europäische Startup-Szene deshalb mit etwas anderem profilieren: Mit nachhaltiger und grüner Innovation.

 

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