Am 10. April 2010 war plötzlich alles anders: Der Flugzeugabsturz über Smolensk sollte Polen für immer verändern. 96 Mitglieder der polnischen wirtschaftlichen und politischen Elite kamen bei dem Unfall ums Leben, darunter auch Staatspräsident Lech Kaczyński. Die mediale Berichterstattung über den Absturz formierte sich schnell in zwei Lagern. Auf der einen Seite die nationalkonservative Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (Prawo i Sprawiedliwość, kurz: PiS), die einen Anschlag Russlands vermuteten. Auf der anderen Seite die gemäßigt-liberalen Kräfte, die sich um eine sachliche Auseinandersetzung mit den Untersuchungen des Wracks bemühten. Die Spaltung hatte begonnen. Von Martha Dudzinski In einer Analyse zur polnischen Medienlandschaft sieht Michał Maliszewski, Leiter des polnischen Auslandsradios, die Schuld an der gesellschaftlichen Spaltung klar bei den Rechten: „Ein wichtiger Impuls für die Formierung einer bipolaren gesellschaftlichen und politischen Landschaft war die Regierungsphase von PiS. Der Wendepunkt, der einen dramatischen Bruch und die Spaltung der polnischen Gesellschaft hervorrufen sollte, war die Flugzeugkatastrophe.“ Nach dem Unglück überfiel selbst auch seriöse Leitmedien die Sensationslust, so etwa die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita: Sie veröffentlichte die – im Nachhinein als frei erfunden entlarvte - Titelgeschichte „TNT auf dem Wrack der Tupolew“. Einst eines der meistzitierten Leitmedien des Landes, kämpft sie heute um ihren Ruf. Ihre Auflage fiel um ein Viertel auf 62.000 Exemplare. “Die Zeitung verlor gewaltig an Glaubwürdigkeit und, was damit einhergeht, den zweiten Platz auf der Liste der meistzitierten Medien", erklärt Michał Maliszewski die Abstrafung durch die Leser. Doch die Verschwörungstheorien haben sich trotz der Untersuchungen durch polnische und auch russische Kommissionen standhaft gehalten. Auch Jahre später glauben Umfragen zufolge bis zu 30 Prozent der Polen an ein Attentat. Frei erfundene Titelgeschichten kommen in Polen immer wieder vor. So verkündete im Herbst 2011 das Boulevardblatt „Fakt" auf der Titelseite den Tod von Fidel Castro. Die rechtskonservative Wochenzeitschrift „Wprost“ wiederum zieht mit provokativen Titelbildern regelmäßig internationale Aufmerksamkeit auf sich. Ob Erika Steinbach als Domina in SS-Uniform auf dem Rücken von Gerhard Schröder (September 2003) oder Bundeskanzlerin Angela Merkel, an deren Brüsten die Kaczyński-Zwillinge nuckelten (Juni 2007). Das ebenfalls konservative Wochenblatt "Uważam, rze" reagierte im April auf die Diskussion über die ZDF-Filmreihe „Unsere Mutter, unsere Väter“ mit einem Bild von Angela Merkel in KZ-Häftlingsuniform. Deutschland- und europafeindliche Artikel und Titelbilder lassen sich vor allem im national-religiösen Teil des Medienspektrums finden. „Die Welt, die in den linksliberalen Medien dargestellt wird, ist eine ganz andere als die der konservativen Medien.", so Maliszewski. Medienmogul der Konservativen ist dabei ein Kleriker: Der Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk leitet ein kleines katholisches Medienimperium aus „Radio Maryja“, „TV Trwam“ und der Tageszeitung „Nasz Dziennik“. Eine der umstrittensten Personen des öffentlichen Lebens, hat Rydzyk großen gesellschaftlichen und politischen Einfluss gewonnen, insbesondere in der Regierungszeit der erzkonservativ-nationalistischen PiS. Allein Radio Maryja wird von rund einer Million Polen gehört, wobei die überwiegende Mehrheit der Hörer  nach Untersuchungen des Marktforschungsinstitutes Millward Brown SMG/KRC mindestens 55 Jahre alt sind. Rydzyk und seine Medien fallen regelmäßig durch rassistische, antisemitische und europafeindliche Kommentare auf. Kritiker werfen ihm vor, Nationalismus zu propagieren und die Lehre der katholischen Kirche verzerrt darzustellen, seine Sendungen thematisieren Verschwörungsszenarien und den Ausverkauf Polens, wahlweise durch Freimaurer, Juden, Kommunisten oder die EU. Der Vatikan und die polnische Bischofskonferenz distanzieren sich regelmäßig von Rydzyks Äußerungen, da ihre Mitglieder "katastrophale Folgen für die Autorität der Kirche" befürchten. Auch der seit Mai 2006 eingeführte achtköpfige Programmrat von Radio Maryja mit vier Vertretern der katholischen Kirche hat bisher nur wenig ausrichten können. Sowohl den polnsichen Bischöfen, als auch dem Vatikan wird von Kritikern vorgeworfen, sich nicht klar genug gegen Rydzyk auszusprechen. Armin Coerper, ZDF-Korrespondent in Warschau hält diese Zurückhaltung für Strategie: „Die Kirche hat die Auseinandersetzung offenbar gescheut. Der Grund kann eigentlich nur sein, dass Rydzyk es vermag, in Polen sehr viele Menschen anzusprechen. Das ist ein riskantes Spiel.“ Vergleichbar radikale Reaktionen aus dem linken Lager gab es lange Zeit weder in den Medien, noch in der Politik. Doch 2011 verließ der Großunternehmer Janusz Palikot aus Protest gegen den zu milden Umgang mit den Provokationen aus dem rechten Spektrum die gemäßigte, europafreundliche Regierungspartei „Bürgerplattform“ (Platforma Obywatelska – PO) und gründete seine eigene Partei „Palikot-Bewegung“ (Ruch Palikota – RP), die sogleich zehn Prozent der Stimmen bei den Parlamentswahlen 2011 gewann und als drittgrößte Kraft ins polnische Parlament einzog. Die Partei steht für Modernisierung und radikale Säkularisierung – dazu provoziert Palikot bei seinen öffentlichen Auftritten mit Vibrator oder Joint in der Hand. Die „Bewegung“ stellt zudem die erste Parlamentsabgeordnete, die sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen hat. Repräsentativ ist Palikot jedoch ganz und gar nicht, wie ZDF-Korrespondent Armin Coerper betont: „Man kann die säkulare Linke sicher nicht auf Homoehe, in vitro und dem Konsum leichter Drogen zugetan reduzieren. Von daher gibt Palikot ihr als Gesamtheit keine Stimme. Sein Wahlerfolg ging allerdings genau darauf zurück: die urbane, liberale und junge Linke sah in ihm einen Repräsentanten.“ Doch seine Umfragewerte sinken. Die links-gemäßigten Medien haben sich nicht von dieser Herangehensweise anstecken lassen: Keines hat sich als provokativer Widerstand zum rechten Populismus etabliert, auch wenn der Warschauer Verlag "Krytyka Polityczna" immerhin den neuen linken Intellektuellen eine Heimat gegeben hat. Die Folge: Statt selbst zu provokativen Mitteln zu greifen, beschränken sich die linken Medien vor allem darauf, Palikots zum Teil skurrile Aktionen mit reichlich Aufmerksamkeit zu belohnen:  So etwa als er 2012 im Rahmen der ACTA-Proteste ankündigte, der insgesamt 53 Meter hohen Jesus-Statue im nordwestlichen Świebodzin mithilfe eines Hubschraubers die symbolische Protestmaske von Guy Fawkes aufzusetzen. Auch wenn es letzten Endes nicht zur Umsetzung des Plans kam - allein die Ankündigung empörte die Katholiken zutiefst. Und dafür brauchte es nicht einmal eine Falschmeldung.

Rechtsruck, linksruck – Wie sich die polnischen Medien spalten ließen

Am 10. April 2010 war plötzlich alles anders: Der Flugzeugabsturz über Smolensk sollte Polen für immer verändern. 96 Mitglieder der polnischen wirtschaftlichen und politischen Elite kamen bei dem Unfall ums Leben, darunter auch Staatspräsident Lech Kaczyński. Die mediale Berichterstattung über den Absturz formierte sich schnell in zwei Lagern. Auf der einen Seite die nationalkonservative Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (Prawo i Sprawiedliwość, kurz: PiS), die einen Anschlag Russlands vermuteten. Auf der anderen Seite die gemäßigt-liberalen Kräfte, die sich um eine sachliche Auseinandersetzung mit den Untersuchungen des Wracks bemühten. Die Spaltung hatte begonnen.

Von Martha Dudzinski

In einer Analyse zur polnischen Medienlandschaft sieht Michał Maliszewski, Leiter des polnischen Auslandsradios, die Schuld an der gesellschaftlichen Spaltung klar bei den Rechten: „Ein wichtiger Impuls für die Formierung einer bipolaren gesellschaftlichen und politischen Landschaft war die Regierungsphase von PiS. Der Wendepunkt, der einen dramatischen Bruch und die Spaltung der polnischen Gesellschaft hervorrufen sollte, war die Flugzeugkatastrophe.“

Nach dem Unglück überfiel selbst auch seriöse Leitmedien die Sensationslust, so etwa die konservative Tageszeitung Rzeczpospolita: Sie veröffentlichte die – im Nachhinein als frei erfunden entlarvte – Titelgeschichte „TNT auf dem Wrack der Tupolew“. Einst eines der meistzitierten Leitmedien des Landes, kämpft sie heute um ihren Ruf. Ihre Auflage fiel um ein Viertel auf 62.000 Exemplare. “Die Zeitung verlor gewaltig an Glaubwürdigkeit und, was damit einhergeht, den zweiten Platz auf der Liste der meistzitierten Medien”, erklärt Michał Maliszewski die Abstrafung durch die Leser. Doch die Verschwörungstheorien haben sich trotz der Untersuchungen durch polnische und auch russische Kommissionen standhaft gehalten. Auch Jahre später glauben Umfragen zufolge bis zu 30 Prozent der Polen an ein Attentat.

Frei erfundene Titelgeschichten kommen in Polen immer wieder vor. So verkündete im Herbst 2011 das Boulevardblatt „Fakt” auf der Titelseite den Tod von Fidel Castro. Die rechtskonservative Wochenzeitschrift „Wprost“ wiederum zieht mit provokativen Titelbildern regelmäßig internationale Aufmerksamkeit auf sich. Ob Erika Steinbach als Domina in SS-Uniform auf dem Rücken von Gerhard Schröder (September 2003) oder Bundeskanzlerin Angela Merkel, an deren Brüsten die Kaczyński-Zwillinge nuckelten (Juni 2007). Das ebenfalls konservative Wochenblatt “Uważam, rze” reagierte im April auf die Diskussion über die ZDF-Filmreihe „Unsere Mutter, unsere Väter“ mit einem Bild von Angela Merkel in KZ-Häftlingsuniform.

Deutschland- und europafeindliche Artikel und Titelbilder lassen sich vor allem im national-religiösen Teil des Medienspektrums finden. „Die Welt, die in den linksliberalen Medien dargestellt wird, ist eine ganz andere als die der konservativen Medien.”, so Maliszewski.

Medienmogul der Konservativen ist dabei ein Kleriker: Der Redemptoristen-Pater Tadeusz Rydzyk leitet ein kleines katholisches Medienimperium aus „Radio Maryja“, „TV Trwam“ und der Tageszeitung „Nasz Dziennik“. Eine der umstrittensten Personen des öffentlichen Lebens, hat Rydzyk großen gesellschaftlichen und politischen Einfluss gewonnen, insbesondere in der Regierungszeit der erzkonservativ-nationalistischen PiS. Allein Radio Maryja wird von rund einer Million Polen gehört, wobei die überwiegende Mehrheit der Hörer  nach Untersuchungen des Marktforschungsinstitutes Millward Brown SMG/KRC mindestens 55 Jahre alt sind. Rydzyk und seine Medien fallen regelmäßig durch rassistische, antisemitische und europafeindliche Kommentare auf. Kritiker werfen ihm vor, Nationalismus zu propagieren und die Lehre der katholischen Kirche verzerrt darzustellen, seine Sendungen thematisieren Verschwörungsszenarien und den Ausverkauf Polens, wahlweise durch Freimaurer, Juden, Kommunisten oder die EU. Der Vatikan und die polnische Bischofskonferenz distanzieren sich regelmäßig von Rydzyks Äußerungen, da ihre Mitglieder “katastrophale Folgen für die Autorität der Kirche” befürchten. Auch der seit Mai 2006 eingeführte achtköpfige Programmrat von Radio Maryja mit vier Vertretern der katholischen Kirche hat bisher nur wenig ausrichten können. Sowohl den polnsichen Bischöfen, als auch dem Vatikan wird von Kritikern vorgeworfen, sich nicht klar genug gegen Rydzyk auszusprechen. Armin Coerper, ZDF-Korrespondent in Warschau hält diese Zurückhaltung für Strategie: „Die Kirche hat die Auseinandersetzung offenbar gescheut. Der Grund kann eigentlich nur sein, dass Rydzyk es vermag, in Polen sehr viele Menschen anzusprechen. Das ist ein riskantes Spiel.“

Vergleichbar radikale Reaktionen aus dem linken Lager gab es lange Zeit weder in den Medien, noch in der Politik. Doch 2011 verließ der Großunternehmer Janusz Palikot aus Protest gegen den zu milden Umgang mit den Provokationen aus dem rechten Spektrum die gemäßigte, europafreundliche Regierungspartei „Bürgerplattform“ (Platforma Obywatelska – PO) und gründete seine eigene Partei „Palikot-Bewegung“ (Ruch Palikota – RP), die sogleich zehn Prozent der Stimmen bei den Parlamentswahlen 2011 gewann und als drittgrößte Kraft ins polnische Parlament einzog. Die Partei steht für Modernisierung und radikale Säkularisierung – dazu provoziert Palikot bei seinen öffentlichen Auftritten mit Vibrator oder Joint in der Hand. Die „Bewegung“ stellt zudem die erste Parlamentsabgeordnete, die sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen hat. Repräsentativ ist Palikot jedoch ganz und gar nicht, wie ZDF-Korrespondent Armin Coerper betont: „Man kann die säkulare Linke sicher nicht auf Homoehe, in vitro und dem Konsum leichter Drogen zugetan reduzieren. Von daher gibt Palikot ihr als Gesamtheit keine Stimme. Sein Wahlerfolg ging allerdings genau darauf zurück: die urbane, liberale und junge Linke sah in ihm einen Repräsentanten.“ Doch seine Umfragewerte sinken.

Die links-gemäßigten Medien haben sich nicht von dieser Herangehensweise anstecken lassen: Keines hat sich als provokativer Widerstand zum rechten Populismus etabliert, auch wenn der Warschauer Verlag “Krytyka Polityczna” immerhin den neuen linken Intellektuellen eine Heimat gegeben hat. Die Folge: Statt selbst zu provokativen Mitteln zu greifen, beschränken sich die linken Medien vor allem darauf, Palikots zum Teil skurrile Aktionen mit reichlich Aufmerksamkeit zu belohnen:  So etwa als er 2012 im Rahmen der ACTA-Proteste ankündigte, der insgesamt 53 Meter hohen Jesus-Statue im nordwestlichen Świebodzin mithilfe eines Hubschraubers die symbolische Protestmaske von Guy Fawkes aufzusetzen. Auch wenn es letzten Endes nicht zur Umsetzung des Plans kam – allein die Ankündigung empörte die Katholiken zutiefst. Und dafür brauchte es nicht einmal eine Falschmeldung.

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