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Regenbogen über Italien – die Diskussion zur Homo-Ehe

Svegliati Italia – Wach auf Italien“, tönte es Mitte Januar über diverse Piazze Italiens. Ein geplantes Gesetz der Regierung Renzi, das eine eheähnliche Partnerschaft für Homosexuelle nach dem deutschen Vorbild anstrebt, trieb Homosexuelle, aber auch Heterosexuelle auf die großen Plätze der Städte. Der Gesetzesentwurf sorgt für viele Diskussionen in Italien, da der Entwurf der Ministerin Monica Cirinnà unter anderem das Adoptionsrecht enthält. Bereits im Jahr 2007 war ein ähnlicher Vorstoß am Widerstand aus der Bevölkerung gescheitert. Unter dem Hashtag #Svegliatiitalia (Wach auf Italien) wird zurzeit in den sozialen Medien das Thema stark diskutiert.

Viele Paare veröffentlichen unter dem Hashtag ihre Geschichten, um zu verdeutlichen, dass hinter der Diskussion Menschen mit Gefühlen stecken. Eine der vielen Geschichten über gleichgeschlechtliche Liebe ist die von Giancarlo. Ihn treffe ich in seiner Studienstadt Pavia. Hier studiert der 21-jährige Medizin und spricht bei einem Café macchiato ganz offen über seine Homosexualität und die Diskussion rund um #Svegliatiitalia.

„Italien muss endlich begreifen, dass es egal ist ob Frau und Mann, Mann und Mann oder Frau und Frau sich lieben! Alle sollen die gleichen Rechte haben.“ Er erklärt mir, dass viele eine falsche Vorstellung von dem geplanten Gesetz haben. „Niemand bekommt eine Bevorzugung durch das Gesetz. Es geht dabei nur um die Gleichberechtigung der Liebe.“ Er persönlich ist froh, dass sich die Politik nun wieder mit dem Thema beschäftigt. „Aber durch die Diskussion die es seit zwei Jahren gibt, hat auch die Homophobie zugenommen. Das macht es nicht gerade einfacher. Die Politik lässt sich immer noch sehr stark von der Kirche leiten, “ beschreibt Giancarlo die Situation in Italien.

Wahrscheinlich fragen sich viele nun: Warum ausgerechnet jetzt? Darauf hat der Student eine Antwort. „Italien ist das letzte große westeuropäische Land, in dem es keinen besonderen Status für homosexuelle Paare gibt. Die Diskussion gibt es schon lange, wurde jedoch oft mit dem Mantel der Verschwiegenheit bedeckt. Zwar ist der neue Papst kein Befürworter der Homo-Ehe, aber er geht damit offener um. Dies hilft schon mal, eine Vielzahl von Menschen für das Thema zu sensibilisieren. Die Gesellschaft öffnet sich damit aber nur leicht. Das größte Problem ist die Bildung. Viele wissen es nicht besser. Sie haben es von ihren Eltern so vermittelt bekommen und so leben sie es nun. “ Ein anderer Grund warum das Thema in Italien auch wieder Fahrt aufgenommen hat ist die Europäische Union. Im Juli 2015 hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das Land zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften aufgefordert.

So sagt er mir auch, dass es nicht nur das Gesetz ist, das etwas ändert. „Allen voran sind es die Schulen und die Gesellschaft, die uns das Leben erleichtern können. Sie sind es, die die Kinder zu offenen Menschen erziehen können.“

Bevor wir uns verabschieden Frage ich ihn noch, ob es für ihn ein Grund wäre Italien zu verlassen. Nicht der eine, aber ein weiterer Grund. „Europa soll es aber sein. Ich fühle mich hier wohl. Nächstes Jahr will ich mal ausprobieren, wie es in Deutschland so ist.“

Die Diskussion wird vor allem durch die zahlreichen Geschichten immer präsenter in der italienischen Gesellschaft. Ich treffe Sofia, die mir von ihrem Cousin erzählt. Mit seinem Lebenspartner ist er bereits seit seinem Studium zusammen. Damals gaben sie sich immer als beste Freunde aus. Wenn die beiden auf Partys gingen wurden ihnen reihenweise junge Damen vorgestellt. Das sie zusammen sind darauf kam keiner. Öffentlich zeigten sie es jahrelang nicht. Ihr Weg zu einer „richtigen Familie“ führte die beiden Männer nach Kanada, wo sie heiraten konnten. Hier haben sie auch eine Frau gefunden, die sich bereit erklärte, Kinder für sie auszutragen. Insgesamt drei Kinder, alle von derselben Mutter, haben die beiden nun zusammen. „Wenn mein Cousin mit den drei Kindern auf der Straße ist und kontrolliert werden würde, dann könnte er nur bei einem der Kinder nachweisen, dass er der Vater ist. Denn er ist nur der biologische Vater eines der Kinder. Wenn dem Lebenspartner meines Cousins etwas passieren würde, dann müsste er sofort mit allen Kindern zurück nach Kanada, denn dort ist er ja auch der Vater der Kinder“, erzählt Sofia sichtlich traurig.

Ihrer Meinung nach haben es vor allem die Kinder verdient, dass man ihre Väter als Familie akzeptiert. „Als normal werden sie in der Schule mit zwei Vätern wohl nie gesehen werden. Aber man soll den Kleinen wenigstens die Chance geben, dass sie keine Angst haben müssen alles zu verlieren, falls einem der beiden Väter etwas zustoßen würde. Das haben sie verdient.“ Auf die Frage, wie denn ihre Familie zu dem schwulen Paar stehen würde, zögert die Studentin. „ Meine Oma schenkt den kleinen natürlich Geschenke, aber für sie ist es manchmal mehr Verpflichtung als Akzeptanz für das Familienkonzept. Meine Eltern und Brüder hingegen sehen da kein Problem. Ich persönlich hab mit vier Jahren verstanden, dass sich da eben zwei Männer lieben.“

Der Umgang mit der Homosexualität in Italien ist schwierig, das wird beispielsweise auch in einigen Filmen dargestellt. Der Film „Männer al dente“ zeigt besonders gut, warum viele Familien die gleichgeschlechtliche Liebe nicht gut heißen. Streitthemen sind dabei vor allem das Ansehen der Familie und Traditionen die hochgehalten werden. Ferner ist auch das Männerbild nicht hilfreich in der Diskussion. Vor allem die katholische Kirche hat einen starken Einfluss auf das Familienbild.

Die Gegner der eheähnlichen Partnerschaft haben Ende Januar zum Family Day aufgerufen. Bildstark versammelte der Mediziner Massimo Gandolfi im Circo Massimo rund die Gegner der unione civile. Grund für die Großdemonstration, so Gandolfi, sei, dass „den Kindern klar ist, dass zu einer Familie Mama und Papa gehört.“ Der Protest, der auch von verschiedenen katholischen Gruppen unterstützt wird, richtet sich in erster Linie gegen den Gesetzentwurf der Regierung von Ministerpräsident Renzi. Besonders in der Kritik steht dabei das Adoptionsrecht, das es Homosexuellen erlauben soll, leibliche Kinder ihres Partners zu adoptieren. Umfragen zu Folge spricht sich eine Mehrheit der Italiener für eingetragenen Partnerschaften aus, ist aber gegen ein Adoptionsrecht. Gandolfi möchte, auch wenn das Gesetz im Parlament durchkommt, standhaft bleiben, notfalls solle ein Referendum die Sache „richten“. Italien, so sagt er, ist nicht das Schlusslicht in Sachen Homo-Ehe, sondern ein Leuchtturm. Italien sei schon immer in der Geschichte der Kultur und der Zivilisation wegweisend gewesen.

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