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Dem NeZvers-Start-up ist Umweltbewusstsein wichtiger als Gewinn. Foto: Privat

Riga – Das neue Social Valley?

In Lettland werden jedes Jahr 15.000 Start-Ups registriert. Dabei hat man im Baltikum erkannt, dass purer Kapitalismus keine Zukunft hat. Eine junge Gründerin weiß genau, was ein Start-Up für sie sein muss: Nicht gewinnbringend, sondern sozial und vegan.

Die Bilder an der Wand sehen aus wie bei Oma, ebenso die Holzdielen und die altmodischen Kaffeetassen. Neu ist das alles nicht. Dabei ist das Mu Café in Riga ein Säugling in der Gastronomieszene – erst ein Jahr alt und trotzdem ein Hotspot. Viktorija Tarane ist gerne im Mu. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Sojacappuccino und knabbert am Avocado-Sandwich. „Das ist das beste Sandwich in Riga“, sagt die Lettin. „Die Stadt hat sich in den letzten Monaten komplett verändert. In diesem Café zum Beispiel war das Sandwich lange Zeit das einzige vegane Gericht, jetzt verkaufen sie sogar veganen Schokokuchen, weil die Nachfrage so groß ist.“

Gewinn ist Nebensache

Viktorija Tarane
Viktorija Tarane träumt von einem veganen Catering-Service Foto: Pecikiewicz

Viktorija möchte ein Teil dieser Veränderung sein. Nicht unbedingt Teil eines vielversprechenden Marktes, denn es geht ihr nicht um Geld.
Zusammen mit zwei Bekannten hat die Studentin ein sogenanntes „Social Business“ gegründet, das seinen erwirtschafteten Gewinn zur Deckung der Eigenkosten verwendet und den Rest in soziale Projekte investiert. Ihre Geschäftsidee: Ein veganer Cateringservice, denn einen solchen gibt es in ganz Lettland nicht. Deshalb steht Viktorija bis zu zwei Mal in der Woche an ihrer mobilen Verkaufstheke und brät Burger. Dazu gehören ein Vollkornbrötchen, Cashewsauce, Tomatensauce, ein Patty aus schwarzen Bohnen, Champignons und anderes frisches Gemüse. „Viele Leute drehen gleich wieder um, wenn sie sehen, dass der Burger ohne Fleisch ist, aber andere sagen nach dem Probieren, dass es der beste Burger ihres Lebens war.“

 

 

 

Sozial statt reich

Für die 22-jährige Studentin des biomedizinischen Ingenieurswesen ist klar: Wenn alle Start-Ups sich dem „Social Business“ – Konzept verpflichten würden, könnte man viele soziale Probleme effektiver angehen. Aus dieser Überzeugung heraus meldete sie sich mit ihren Bekannten bei der „Socifaction“ an, einem Projekt, das im Rahmen des Erasmus+ Programmes von der EU gefördert wird. Bei zwei einwöchigen Workshops in Vilnius und Riga lernten die jungen Gründer, was es heißt, ein „soziales Unternehmen“ zu sein. Als Inspirationsquelle dienten auch Ideen anderer Teilnehmer, zum Beispiel die eines jungen Möbelbauers, der behindertengerechte Möbel herstellen möchte. Anders als bei herkömmlichen Start-Ups, kommt der Gewinn der ganzen Gesellschaft zugute, denn der Möbelbauer beispielsweise wird seine Einnahmen nutzen, um Behinderteneinrichtungen in Lettland finanziell zu unterstützen.

Für Viktorija und ihren Cateringservice „NeZvērs“, was auf Deutsch so viel wie „KeinMonster“ bedeutet, liegt der Kreislauf aus Spenden und Investieren in weiter Ferne. „Wir machen das nicht des Geldes wegen, um ehrlich zu sein, verdienen wir momentan kaum. Das ist aber auch nicht unser Ziel, wir wollen Stereotype brechen. Wir wollen Tiere nicht nur als Essen sehen und den Leuten zeigen, dass es wirklich machbar ist, vegan zu leben.“

Vegan ist noch nicht hip

So neu die Idee vom Veganismus in Lettland ist, so altbekannt ist das Konzept vom biologischen Anbau in der lange Zeit ländlich geprägten lettischen Gesellschaft.
Von ihren Eltern kann Viktorija viel lernen, gerade was den Gemüseanbau betrifft. Der Großteil der Zutaten, der für die veganen Burger verwendet wird, stammt aus den Gärten der Eltern der Gründerinnen. Anfangs waren diese skeptisch, da Spenden nicht nach einer sicheren Einnahmequelle klingt. Mittlerweile packt Viktorijas Mama aber vor Veranstaltungen gerne selbst in der Küche mit an.

Bislang wird das Trio vor allem bei Events von Tierschutzorganisationen gebucht, wo sich die drei jungen Frauen Anfang letzten Jahres kennengelernt haben. In den Tierschutz soll in Zukunft auch das Geld fließen, das sie mit ihrem mobilen Burgerstand erwirtschaften. Eine Idee ist zum Beispiel, eine Art Aufnahmestelle für Nutztiere zu erbauen, die in der Landwirtschaft misshandelt wurden. Solche sogenannten Gnadenhöfe gibt es in den USA und in Großbritannien, aber nicht in Lettland.

Zukunftsfähige Ideen

Eine andere der vielen Zukunftsideen ist es, einen Minivan zu kaufen, um an verschiedenen Orten der Stadt vegane Burger anzubieten. „Aber das klingt gerade alles ein bisschen beängstigend, so nach Europa und Großwerden“, sagt Viktorija. In Riga sieht sie viel Potential: „Ich glaube, dass Riga ein guter Ort für Start-Ups ist. Wenn du gut bist, fällst du schnell auf, denn die Stadt ist nicht groß. Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert hier wunderbar.“

Ilze Lore
Ilze Lore freut sich über junge Gründerinnen Foto: Pecikiewicz

Ilze Lore ist stellvertretende Geschäftsführerin der Abteilung „Unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit“ des lettischen Wirtschaftsministeriums. Sie begrüßt Ideen wie die von Viktorija: „Wir sind froh, dass so etwas da ist. Eigentlich ist es vorrangig unser Ziel, Unternehmen im Bereich Hightech zu fördern, aber wenn Leute andere gute Ideen haben, stellen wir auch da verschiedene Instrumente zur Verfügung, um sie zu unterstützen.“ Konkret sind Boni zum Beispiel in Form von Finanzierungshilfen oder Weiterbildungsmöglichkeiten gemeint, die die Regierung jungen Gründern kostenlos anbietet.

Lettland auf Erholungskurs

Solche Energiespritzen hat die Wirtschaft bitter nötig, denn Lettland ist mit Griechenland eines der Länder, das am härtesten von der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 betroffen war. Ilze Lore gibt nun aber Entwarnung: „Das wirtschaftliche Umfeld ist mittlerweile stabil.“ Im Zuge dieser Stabilisierung wurden Maßnahmen eingeführt, die es jungen Gründern leichter machen sollen, mit wenig Startkapital viel zu bewegen. Ähnlich den deutschen UGs gibt es auch hier eine Rechtsform für kleine Unternehmen, die zur Gründung nur einen Euro Startkapital vorweisen müssen. Zudem kann man den Antrag zur Registrierung mittlerweile online stellen – im besten Fall dauert es nun nur einen Tag, um in Lettland ein Start-Up zu gründen.

Eine neue politische Entwicklung dürfte auch Gründerin Viktorija freuen. Momentan wird in der Saeima, dem lettischen Parlament, ein Gesetzesentwurf vorbereitet, der sogenannten „Social Businesses“ eine solidere rechtliche Grundlage und mehr Ansprüche auf Finanzierung zusichern soll. Bis Ende diesen Jahres soll das Gesetz verabschiedet werden.

Die Debatte 1 Kommentar

  1. 1. Danke für euren hilfreichen Beitrag. Ich habe euren Blog schon seit einiger Zeit im Newsfeed abonniert. Und gerade musste mich mal ein kurzen Kommentar schreiben und ein "Danke" hinterlassen. Macht genauso weiter, freue mich schon auf die nächsten Beiträge

    Danke für euren hilfreichen Beitrag.

    Ich habe euren Blog schon seit einiger Zeit im Newsfeed abonniert.
    Und gerade musste mich mal ein kurzen Kommentar schreiben und ein “Danke” hinterlassen.

    Macht genauso weiter, freue mich schon auf die nächsten Beiträge