Die Rilke- Statue genießt die beste Aussicht. Foto: Hansen

Die Rilke- Statue genießt die beste Aussicht. Foto: Hansen

Rilke in Ronda. Ein Erlebnis

Wer im Zentrum von Ronda einen Supermarkt sucht, tut sich schwer. In der Innenstadt gibt es nicht mal einen Kiosk, Touristen sollen hier teuer essen gehen. Restaurant an Restaurant, Hotel an Hotel und Bar an Bar reihen sich die Angebote der Stadt aneinander. Die Arbeitslosenquote Andalusiens lag 2014 bei circa 35 Prozent, außerhalb des Tourismus‘ gibt es nur wenig Jobs.

Vor den großen Sehenswürdigkeiten der Stadt, wie der Puente Nueva, knipsen Hobbykameras mit Selfiestäben um die Wette. Spanisch hört man wenig. Engländer und Deutsche sind oft an den hüfthoch geknoteten Jacken zu erkennen.

Der bronzene Rainer Maria Rilke hingegen steht allein auf der Terrasse des Hotels Reina Victoria. Ernst schaut Rilke auf das Tal und die dahinter liegenden wolkenverhangenen Hügel des andalusischen Berglandes. Im Foyer weist nichts auf Rilkes Verbleib im Hotel hin. Weiße Wände, ein Kaminzimmer und graue Sofas vermitteln eher den Eindruck eines teuren Möbelgeschäfts, kein deutscher Dichter weit und breit. Erst auf Nachfragen hin zeigt ein Rezeptionsmitarbeiter die Glaswand mit Erinnerungen an Rilkes Aufenthalt: Die Anreisebestätigung, ein originaler Brief, Mobiliar und Bücher.

„Nun bin ich in diesem nicht weniger erstaunlichem, alten Ronda und erwarte mir von reinen Luft seiner Berge zunächst körperlich einiges Wohltun“, schrieb der deutsche Dichter vier Tage vor Heiligabend 1912 an einen Freund. Die wenigsten Touristen ahnen, dass der deutsche Dichter im Winter 1912/1913 in der andalusischen Kleinstadt verbrachte. In dem von Engländern geführten Hotel wohnte Rilke allein, da Ronda damals aufgrund des Wetters und der beschwerlichen Anreise nur als Sommerurlaubsort in Frage kam. Als einziger Gast genoss Rilke während der Wintermonate seltene Ruhe.

Von der reinen Luft ist in den Hochzeiten des Tourismus wenig zu merken. Besucher lassen den Motor laufen, Taxifahrer ebenfalls. Nur abends, wenn die Sonne die Kühle der Bergluft nicht mehr mildert, lässt es sich freier atmen als im Tal. Wer noch Lust hat, nach dem Routinebesucherprogramm einen besonderen Moment zu erleben, sollte Rilke zu dieser Zeit aufsuchen. Bei Nacht leuchtet nur der Wellnessbereich die Terrasse des Vier-Sterne-Hotels spärlich aus. Die Rilke-Statue verschwindet im Halbschatten. Sternbilder werden lesbar, irgendwo tief unten rauscht der Fluss.

„Aus dieser Wolke, siehe: die den Stern

So wild verdeckt, der eben war – (und mir)

Aus diesem Bergland drüben, das jetzt Nacht,

Nachtwinde hat für eine Zeit – (und mir)

Aus diesem Fluss im Talgrund […]

[…] aus den Fremden, denn

nicht Einen kenn ich, […]

das Ding zu machen, Herr Herr Herr […]“

Rondas Landschaft inspirierte den Dichter. Foto: Hansen Die Spanische Trilogie schrieb Rilke Anfang Januar in Ronda und löste damit vorrübergehend die Schreibblockade in seiner Depression. Nachdem er 1910 seinen Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ veröffentlicht hatte, fühlte er, sich erneuern zu müssen. 1912 schrieb Rilke die ersten beiden Teile seines Hauptwerkes, der Duineser Elegien. Danach kam Leere. Die Gemälde des Renaissancemalers El Greco inspirierten Rilke zu einer Spanienreise. Er wusste, dass er die klare, gegensätzliche Landschaft benötigte, um die Elegien weiterzuschreiben. Doch Toledos kalter Wind, die unbequeme und ungeheizte Unterkunft ließen den von der Stadt begeisterten Dichter weiterziehen. Ronda fand er zufällig und konnte dort die in Toledo gewonnenen Eindrücke festhalten.

Im Hintergrund lacht irgendwo ein Kind, Echos klirrender Gläser klingen bis auf die Terrasse hinaus. Jemand öffnete ein Fenster im Hotelrestaurant. Doch alles scheint weiter weg. Aus den drei Strophen der Spanischen Trilogie spricht ein einsames lyrisches Ich, in Parenthesen gefangen von den Sternen, den Bergen und dem Fluss getrennt. Rilke erwähnt die „fremden alten Männer im Hospiz“, das Gedicht beschreibt Hirten und Herde. Gänsehaut breitet sich aus, beim Erleben der Landschaft, „[die] das dunkle Nichtmehrsein der Welt ausatmend hinnimmt“.

 

 

Zitiert wurde in diesem Artikel das Gedicht „Die Spanische Trilogie“, alle Briefwechsel sowie in und um Spanien entstandenen Werke können in Eva Söllners „Rilke in Spanien“ nachgelesen werden.

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