Max Zarenpalast

Russland-ABC (Teil 2)

Maximilian Nowroth vor dem Zarenpalast in Sankt Petersburg - so prächtig ist das Verhältnis zwischen Russland und der EU derzeit aber nicht.
Maximilian Nowroth vor dem Zarenpalast in Sankt Petersburg – so prächtig ist das Verhältnis zwischen Russland und der EU derzeit aber nicht.

Russland ist groß – und vielen Europäern ein Rätsel. Unser Russland-ABC versucht Licht ins Dunkel über Putins Reich zu bringen. (Teil 2 – N bis Z)
von Maximilian Nowroth

N wie NGOs: Bitte nicht einmischen!

„Putin macht Jagd auf Nichtregierungs-Organisationen“ – diese Schlagzeile ging im März dieses Jahres um die Welt. Vor fast einem Jahr hatte Russlands Präsident ein Gesetz verabschiedet, das vom Ausland unterstützte Nichtregierungsorganisationen als „Auslandsagenten“ einstuft. Zu diesen, im russischen Volksmund auch „Spionen“ genannten Organisationen gehört offiziell auch die Konrad-Adenauer-Stiftung. Dessen Büro in Sankt Petersburg wurde im März von russischen Behörden wie bei einer Razzia durchsucht, die Computer kurzzeitig beschlagnahmt. Putin verteidigte dieses Vorgehen bei einem Fernsehinterview mit der ARD im April.

Kritische russische Medien sprechen in diesem Zusammenhang von der Re-Sowjetisierung des Landes. Übrigens wurde erst im Mai ein neues Stalin-Denkmal in Sibirien eingeweiht, zu Ehren des Mannes also, der für einen Völkermord verantwortlich ist. Aber das nur am Rande. Ich habe in Gesprächen mit Russen erfahren, dass sie die „harte Hand“ Putins gegenüber dem Ausland begrüßen, nach dem Motto: „Wir mischen uns nicht in eure Politik ein, warum wollt ihr uns vorschreiben, wie wir in unserem Land zu regieren haben?“

O wie Opposition: Wo sind die Aufmüpfigen?

Bei den vielen Kritiken, die sich Russland auch von Seiten der EU immer wieder gefallen lassen muss, fallen häufig Wörter wie „gelenkte Demokratie“ und „unterdrückte Opposition“. Auch in der zweiten Ära Putin seit März 2012 rissen die Meldungen nicht ab, nach denen politischen Gegnern der Regierung übel mitgespielt wurde. Boris Beresowski etwa, ein Oligarch und erbitterter Gegenspieler Putins, der 2007 noch zu einer gewaltsamen Revolution aufgerufen hatte, wurde im März dieses Jahres tot in einem Hotel in London gefunden. Bis heute ist nicht klar, ob es sich um einen Selbstmord handelte – Medien spekulieren, dass auch die russische Regierung etwas mit dem Fall zu tun haben könnte. Oder der Prozess gegen den Blogger Alexej Nawalni: Die wohl bekannteste kritische Stimme Russlands musste sich im April dieses Jahres vor Gericht verantworten. Der Aktivist soll angeblich ein Mafia-Chef gewesen sein und Holz im Wert von mehr als 30.000 Euro gestohlen haben.

Mittlerweile hat Putin keinen ernsthaften politischen Gegener mehr und damit fehlt den regierungskritschen Bürgern auch ein Anführer, der die kritischen Kräfte im Land bündeln kann. Wie schon beim Buchstaben D wie Demonstrationen erklärt, ist die Opposition in Russland derzeit so zersplittert, dass keine Massendemonstrationen mehr stattfinden und der Eindruck entsteht, der Großteil des Volks würde sich mit Putin abfinden. Bei der jungen Bevölkerung hat dieser Umstand jedoch noch eine andere bedenkliche Folge: Resignation. Meine Tandempartnerin Xenia erzählte mir, das sie sich mittlerweile gar nicht mehr für russische Politik interessiere, „weil sich ja doch nichts ändert“. Sie glaubt, dass Putin in den nächsten Jahren und vielleicht sogar Jahrzehnten „fast wie ein Zar“ regieren wird – und damit die schlimmsten Befürchtungen auch seiner europäischen Kritiker wahrmachen werde.

P wie Putin: „Wir haben hier einfach keinen, der es besser machen könnte“

Beim Thema Putin lohnt es sich, einen Blick auf eine aktuelle Umfrage in Russland zu werfen. Stellen Sie sich folgende Frage einmal selbst: Wer war Ihrer Meinung nach der beste Regierungschef Russlands? Zur Antwort stehen Namen wie Lenin, Stalin, Chruschtschow, Breschnew, Gorbatschow, Jelzin, und natürlich: Wladimir Wladimirowitsch Putin. Viele Europäer würden wohl Gorbatschow favorisieren, schließlich hat er Russland „Perestroika“ (Umbau) und „Glasnost“ (Offenheit) gebracht. Nicht so in Russland. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung findet die Politik Putins am besten. Das hat das Meinungsforschungsinstitut Lewada herausgefunden. Der aktuelle Staatschef rangiert auf der Beliebtheitsskala gleichauf mit Leonid Breschnew, Lenin und Stalin – allesamt Politiker, die im Westen nicht unbedingt den besten Ruf genießen und den Kommunismus und die Sowjetunion verkörpern. Nur einer von fünf Russen hat die Politik von Jelzin und Gorbatschow in guter Erinnerung.

Die Umfrageergebnisse zeigen einmal mehr die Differenz zwischen dem Bild Putins außerhalb und innerhalb Russlands. Mein Mitbewohner Roman, der in Sankt Petersburg Internationale Beziehungen studiert, hat die russische Denke über Putin auf den Punkt gebracht: „Wir haben hier einfach keinen, der es besser machen könnte.“ Selbst die junge Bevölkerung stehe hinter dem Präsidenten, der in Europa auch gerne mal von den Medien pointiert als „lupenreiner Diktator“ bezeichnet wird.

Ministerpräsident Dmitri Medwedew hat auf dem letzten EU-Russland-Gipfel die westlichen Vorwürfe zurückgewiesen, dass Russland keine ordentliche Demokratie habe: „Man darf nicht vergessen, dass Russland keine demokratische Tradition hat“, sagte er damals. Russland habe eine europäische Identität, aber die demokratischen Institutionen des Landes seien erst zwanzig Jahre alt. Oder, um es etwas undiplomatischer und mit den Worten meiner Kommilitonin Olga zu sagen: „Die Russen sind es nicht gewöhnt, selbst zu entscheiden. Sie brauchen einen starken Mann an der Spitze, der sie leitet.“ Putin ist stark, das hat er häufig bewiesen und das kommt bei den Russen gut an. Doch ob er die richtigen Entscheidungen trifft, ist sicherlich eine andere Frage.

R wie Reisen: Entweder Ausland oder Datscha

Quizfrage: Welche Entfernung ist größer, Köln – Mallorca oder Berlin – Sankt Petersburg? München – Moskau oder München – Lissabon?
Richtig, Mütterchen Russland liegt näher als man denkt, nicht weiter entfernt von Deutschland als einige unserer beliebtesten Reiseziele. Und trotzdem scheint es, als hörte der Osten Europas für viele von uns immer noch hinter Berlin auf. Zumindest in meinem Bekanntenkreis gelte ich immer noch als Exot, wenn ich von Reisen in die Ukraine oder nach Russland berichte. Selbst Nachbarländer wie Polen oder Tschechien kennen vor allem junge Deutsche nur aus EM-Qualifikationsspielen. Die beliebtesten Reiseziele der Deutschen befinden sich vor allem im eigenen Land und in Südeuropa. Die jungen Rucksacktouristen kennen sich, überspitzt gesagt, an Australiens Ostküste besser aus als in Deutschlands östlichen Nachbarländern.

Während meines Semesters in Sankt Petersburg wollten wir natürlich auch das Land erkunden und haben unsere russischen Kommilitonen um Tipps gebeten. Doch häufig kamen verständnislose Blicke zurück. „Was wollt ihr in Russland Urlaub machen?“, hieß es. Der Service sei schlecht und die Inlandsflüge zu teuer. Für alle Russen, die ich gefragt habe, war es gar unvorstellbar, mit der transsibirischen Eisenbahn durch ihr eigenes Land zu fahren, es sehe ja doch überall gleich aus. Selbst in der Hauptstadt Moskau, gerade einmal vier Stunden Zugfahrt von Sankt Petersburg entfernt, waren manche Petersburger Studenten noch nie gewesen.

Stattdessen sagen sich die meisten Russen in ihren freien Tagen lieber: Entweder Ausland oder Datscha. Mehr als die Hälfte der Russen, vor allem die gestressten Städter, verbringen ihren Urlaub am liebsten auf dem Land in ihrem Sommerhaus („Datscha“). Wer es sich leisten kann, fliegt gerne nach Westeuropa an den Strand oder nach Ägypten. So auch mein Zimmer-Nachbar Roman, der nach vier Monaten Petersburger Winter endlich mal wieder die Sonne sehen wollte und im Reisebüro nach ihrem derzeitigen Standort fragte. Nach einer Woche Ägypten kam er dann leicht verbrannt, aber glücklich zurück.

Zumindest Sportfans dürfte es in den nächsten Jahren nach Russland ziehen, dafür gibt es gleich drei Anlässe: In diesem Jahr richtet Moskau die Leichtathletik-WM aus, im Februar 2014 kommen die Olympischen Winterspiele ans Schwarze Meer nach Sotschi und 2018 will Russland im eigenen Land Fußballweltmeister werden.

S wie Steuern: Russland, das Steuerparadies

Spätestens seit Gerard Depardieu weiß es so gut wie jeder: Russland hat eine extrem niedrige Einkommenssteuer, und zwar unabhängig von der Höhe des Gehalts: Nur 13 Prozent ihrer monatlichen Einkünfte müssen die Russen an das Finanzamt abtreten. In Deutschland liegt der Spitzensteuersatz momentan bei 45 Prozent, in Großbritannien sogar bei 50 Prozent. Wenn man so will, ist Russland also ein Steuerparadies in Europa. Nur Mazedonien und Bulgarien sehen mit je zehn Prozent pauschaler Einkommenssteuer noch weniger Abgaben für die Arbeitnehmer vor.

Zu Beginn des Semesters hatten wir an der Universität eine Einführungswoche unter dem Motto „Doing Business in Russia“. In wenigen Tagen sollten wir ausländische Studenten einen Eindruck des Geschäftslebens in Russland gewinnen, jeden Tag besuchten wir ein anderes Unternehmen in Sankt Petersburg. Das Programm führte uns auch in die Büros des amerikanischen Wirtschaftsprüfungsunternehmens PricewaterhouseCoopers. Der Chef wollte von uns Studenten wissen, was wir davon halten, dass Depardieu jetzt Russe geworden ist. Ich gab zurück, dass die Sache in Deutschland als eher „lächerlich“ gesehen werde und die Menschen sich wundern, dass der Präsident des größten Landes der Welt nichts besseres zu tun hat, als einen französischen Schauspieler persönlich einzubürgern.

Der russische Manager sah das ganz anders. Für ihn war die Causa Depardieu eine gelungene PR-Aktion – für Russland allgemein und das Steuersystem speziell. „Unser Präsident muss eben nicht nur verwalten, sondern auch mal was für die Außenwirkung unseres Landes tun“, sagte er. Dann erzählte er uns, dass sein Unternehmen zwar nur rund ein Drittel dessen zahlte, was Angestellte für die gleiche Arbeit in Amerika verdienten. Durch die geringe Einkommenssteuer sei aber eben doch so mancher Ausländer davon zu überzeugen, einen Posten in Russland anzutreten.

T wie Trinkverhalten: Je jünger, desto nüchterner

„Voll wie tausend Russen.“ Diese Redensart hat es in den deutschen Wortschatz geschafft und bringt ein Vorurteil auf den Punkt: Die Russen trinken viel. Zu viel, und vor allem Wodka (deutsch: Wässerchen). Nun, aktuelle Statistiken gebenderRedensart Recht: Der Psychologe Jürgen Rehm fand jüngst heraus, dass Alkohol die Todesursache für jeden zweite Russen ist, der im Alter zwischen 15 und 54 Jahren das Zeitliche segnet.

Betritt man einen russischen Supermarkt, wird einem klar, wie die Nachfrage das Angebot bestimmt. Meterlange Wodkaregale, mit Preisen ab drei Euro für den halben Liter. Wer bei einem russischen Fußballspiel die Bandenwerbung studiert, kennt nach neunzig Minuten mindestens drei verschiedene Wodkamarken. Selbst im Zug zwischen Petersburg und Moskau dominiert der klare Schnaps das Angebot im Bordbistro.

Die Regierung hat auf die alarmierenden Zahlen schon im vergangenen Jahr mit einem Gesetz reagiert, das den Verkauf von Alkohol zwischen elf Uhr abends und acht Uhr morgens verbietet. Doch wer es darauf anlegt, findet in einer Großstadt wie Sankt Petersburg mit den richtigen Mitteln rund um die Uhr etwas zu trinken.

Nach meinen Erfahrungen gibt es beim Trinkverhalten der Russen aber einen klaren Bruch zwischen den Generationen. Die Studenten in meinem Bekanntenkreis fielen bei Partys nämlich eher durch ihre Nüchternheit auf und vor allem durch ihre Abneigung gegenüber dem russischen Nationalgetränk mit fünf Buchstaben. Während die Austauschstudenten alle Klischees über exzessives Trinkverhalten unter Studenten erfüllten, tranken die Russen wenn überhaupt lieber Whisky Cola zum Genuss.

U wie Unabhängigkeit: 17 Jahr’, ciao Mama

Als ich mich das erste Mal unter die russischen Studenten gemischt habe, kam bei mir vor allem ein Gefühl hoch: Man, bin ich alt! Mit meinen 25 Jahren kurz vor dem Masterabschlus liege ich zwar noch im Mittelfeld unter den europäischen Uni-Absolventen à la Bologna. In Russland aber gehen die Uhren anders. Die Schüler machen mit 17 Jahren ihr Abitur und müssen sich dann für einen Studiengang entscheiden. Und liegt die Uni nicht gerade zufällig in der Nähe des Elternhauses, heißt es Abschied nehmen! Auf ins erste Semester und in die eigene Wohnung noch vor dem Erwachsenwerden, das wäre in Deutschland wohl eine absolute Seltenheit, in Russland dagegen ist es Normalität.

Noch beeindruckender wird es, wenn man sich die Entfernungen in Russland im Vergleich zu denen in Deutschland vergegenwärtigt. Eine Trennung von der Familie innerhalb Deutschlands könnte im Extremfall bedeuten: Von Greifswald nach Freiburg, rund 1000 Kilometer oder neun Stunden im Zug. An der School of Management in Sankt Petersburg habe ich junge Studentinnen kennengelernt, die nach dem Abitur von Sibirien nach Sankt Petersburg gezogen sind. Sie sehen ihre Familie nur noch zweimal im Jahr, denn für eine Heimfahrt benötigen sie 48 Stunden im Zug oder vier Stunden Flugzeit.

Das hat bei manchen zur Folge, dass sie mit 21 Jahren (der Bachelor dauert in Russland vier Jahre) den Bezug zur Heimat „verloren“ haben und entweder im russischen Westen weiterstudieren oder weiter in den Westen, das heißt nach Europa, ziehen wollen. Das bedeutet für Russland, dass die gut ausgebildeten jungen Menschen, vor allem die Frauen (der Frauenanteil an der Uni lag gefühlt bei 60 Prozent), immer weiter nach Westen wandernd und langfristig sogar das Land verlassen. Eine Kommilitonin, die sich für einen Master in Mailand entschieden hat, sagte mir, dass dort die Bedingungen einfach deutlich besser als in Russland seien und sie nicht warten könne, bis ihr Heimatland den westlichen Vorsprung aufgeholt habe.

V wie Visa: Der weite Weg zur Reisefreiheit

Wer in Russland sein Auslandssemester verbringen will, muss sich erst einmal anstellen. In meinem Fall vor dem Russischen Konsulat in Frankfurt. Gemeinsam mit einigen Dutzend Russen, die dort etwa ihre Rente beantragen wollten. Ich dagegen brauchte ein Studentenvisum, vorerst nur für 90 Tage. Für die Verlängerung des Papieres musste ich, in Russland angekommen, meinen Reisepass für einen Monat abgeben und vier schwarz-weiß Bilder einreichen und dann, einige Stempel und Unterschriften später, konnte ich mein offizielles Stuentenvisum abholen. Ziemlich kompliziert – auch für Touristen, die nur für einige Tage ins Land wollen. Es gibt ganze Agenturen in Deutschland, die nur damit ihr Geld verdienen, Europäern ihre Einreise nach Russland so einfach wie möglich zu gestalten. Dieser Umstand schreckt viele Touristen von vornherein ab.

160 Millionen Euro bezahlen Deutsche und Russen im Jahr, um jeweils ihr Visum zu bekommen. Das hat der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft ausgerechnet. Für die Wirtschaft ist es noch einiges mehr: Eine Milliarde an Bürokratiekosten verursache die Visumspflicht, sagte Eckhard Cordes, Chef des Ost-Ausschusses.

Nun verhandeln die EU und Russland schon seit zehn Jahren über eine Visafreiheit oder zumindest einige Ausnahmen für Studenten oder hohe Beamte. Bisher ohne Ergebnis. Dabei haben sich Guido Westerwelle (FDP) und der russische Außenminister Sergej Lawrow bei ihrem letzten Treffen noch deutlich für eine Abschaffung der Visumspflicht ausgesprochen. Was spricht also dagegen?

Reflexartig könnte man meinen, dass Putin dahintersteckt und die Pflicht zur Bürokratie ein Erbe der Sowjetunion ist. Weit gefehlt. Stattdessen liegt der Ball momentan bei der EU. Europapolitiker befürchten, dass die offene Grenze viele illegale Einwanderer in den Westen locken könnte. Gemeint sind Migranten aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion wie Kasachstan, Tadschikistan oder Usbekistan. Die Grenze zwischen Russland und Kasachstan etwa ist mit 7000 Kilometern länger als der Nil oder der Amazonas und daher schwer zu kontrollieren. Außerdem warnen EU-Politiker immer wieder vor «Tourismusexport» aus dem Nordkaukasus in den Westen, und natürlich hat der Anschlag in Boston im April diese Befürchtungen nicht gerade entschärft.

Es bleibt abzuwarten, ob sich Russland nach dem Vorbild der Ukraine zumindest für ihre kommenden sportlichen Großveranstaltungen für ein gelockertes Visum einsetzt. Was junge Russen betrifft, die «mal eben» in die EU wollen, können sich zumindest die Sankt Petersburger eines Tricks behelfen: Durch die Nähe zu Finnland ist es nämlich einfacher, sich für einen Aufenthalt im Nachbarland ein Visum zu besorgen. Einmal dort angekommen, nutzen viele die Gelegenheit, um von Finnland aus in der EU «visafrei» zu reisen und dann über Finnland wieder ins Land zurückzukehren.

W wie Wirtschaftswachstum: Das Leben ist teurer als in Deutschland

Russland ist das R in BRIC. Und spätestens, seitdem die Investmentbank Goldman Sachs dieses geflügelte Wort für die Schwellenländer erfunden hat, ist Russland weltweit als schnell wachsende Nation mit viel Potenzial bekannt. Verglichen mit dem Wirtschaftswachstum in der Europäischen Union ist Russland ein wahrer Musterschüler. Während die europäischen Länder in diesem Jahr gemeinsam in die Rezession geschlittert sind, wächst die Wirtschaft im größten Land der Welt 2013 um voraussichtlich 2,4 Prozent. Relativ gesehen ist das jedoch der schlechteste Stand seit zehn Jahren. Und Russlands Wachstum ist geradezu gekoppelt an die Preise von Öl und Gas, da diese Rohstoffe Russlands größtes Exportgut sind.

Meine Freunde in Deutschland haben mich häufig gefragt, wie teuer denn eigentlich das Leben in Russland sei. Sie verweisen bei der Frage auf das vergleichsweise niedrige Durchschnittseinkommen im Land, auf das der Markt doch logischerweise mit niedrigen Preisen antworten müsste. Im Schnitt muss ein russischer Arbeitnehmer mit 660 Euro im Monat auskommen. Allerdings sind die Einkommen in Russland erstens sehr ungleich verteilt und zweitens verdient die städtische Bevölkerung meist mehr als das Doppelte wie in den Dörfern. Das geringste Monatsgehalt in der EU wird in Bulgarien gezahlt, dort verdienen die Bürger im Schnitt nicht mehr als 644 Euro im Monat. Das gab das Statistische Bundesamt bekannt. In Deutschland ist es gut fünfmal so viel.

Vor dem Hintergrund des niedrigen Lohns in Russland habe ich mich allerdings gewundert, wie teuer das Leben dort ist. Vereinfacht gesagt sind nur vier Dinge günstiger als in Deutschland: Taxi und Zug fahren, Rauchen, Telefonieren und Wodka. Demgegenüber stehen Supermarktpreise, die ich in Deutschland eher in einem Feinkostladen erwarten würde. Vor allem Obst und Gemüse sind sehr teuer, weil die Güter nicht in Russland hergestellt werden und die Zölle sehr hoch sind. Deswegen gehen viele Bürger für den Großeinkauf entweder in riesengroße Hypermärkte wie in Amerika, oder auf den Markt, wo auch Rentner ihre selbst angebauten Früchte des Gartens zu einem fairen Preis verkaufen.

X wie Xenophobie: Die Fremdenfeindlichkeit ist greifbar

„Die fremdenfeindlichsten Fans in Europa“ – diesen unrühmlichen Titel haben ausländische Medien den Fans des Fußballvereins Zenit Sankt Petersburg am Ende des vergangenen Jahres verliehen. Der Grund: Mit einem „Manifest für einen traditionellen Fußball“ hatte sich der offizielle Fanclub des Vereins dafür eingesetzt, dass ihr Club keine homosexuellen oder dunkelhäutigen Spieler verpflichtet. Das passe nicht zur Tradition der Stadt, ließen die sogenannten Fans verlauten.

Als großer Fußballfan war ich im Semester zweimal bei einem Heimspiel von Zenit, eines davon war das Pokalhalbfinale gegen Anschi Machatschkala. Der kamerunische Stürmerstar Eto’o spielt für den Verein aus der russischen Provinz und erzielte das Siegtor in diesem Spiel. Ich war schockiert darüber, wie einige Petersburger Fans über das ganze Spiel hindurch Affenlaute von sich gaben, sobald Eto’o am Ball war. Mehrmals im Spielverlauf sang das gesamte Stadion Schmähgesänge, deren Zitat sich definitiv verbietet, gegen den Gegner, anstatt ihr eigenes Team anzufeuern. Unsere russischen Freunde, die mit uns beim Spiel waren, schämten sich für die eigenen Fans.

Natürlich gibt es rassistische Fans auch in Europa und man kann nicht von einigen Tausend auf die gesamte Gesellschaft schließen. Allerdings ist mir in Russland häufiger aufgefallen, wie Einwanderer diffamiert wurden. An einem Tag sind wir mit einem russischen Studenten zu unserem eigenen Fußballspiel gefahren. Er zeigte auf eine Gruppe Georgier am Straßenrand und warnte uns regelrecht davor, mit „diesen Leuten zu reden“. Das gebe nur Ärger. Bei der Militärparade zum Tag des Sieges in Sankt Petersburg habe ich mitbekommen, wie sich junge russische Männer vor eine Familie aus Usbekistan stellen wollten, mit der Begründung, sie seien ja keine wahren Russen und hätten deshalb auf solch einer „russischen Veranstaltung“ nichts verloren.

Z wie Zuversicht: „Früher oder später wird es so sein wie in Deutschland“, sagt ein Schwulenaktivist

In diesem letzten Kapitel meines Blogs möchte ich noch einmal über die Diskriminierung von Homosexuellen schreiben. In Sankt Petersburg ist bereits seit einem Jahr jenes Gesetz in Kraft, das mittlerweile für ganz Russland gilt und auf der ganzen Welt für Protest sorgt: das Verbot von homosexueller Propaganda. Um zu erfahren, wie sich durch das neue Gesetz der Alltag eines Homosexuellen verändert hat, traf ich mich im März mit dem Präsidenten von LGBT Sankt Petersburg. Die Abkürzung steht für Lesbian, Gay, Bisexual und Trans und bezeichnet eine Schwulenvereinigung mit lokalen Gruppen auf der ganzen Welt. Natürlich sollte man als Journalist vor einem Treffen möglichst unvoreingenommen und auf alles gefasst sein – doch niemals hätte ich erwartet, dass ein russischer Schwulenaktivist so gelassen auf die neue Gesetzgebung reagiert. „Ich persönlich fühle keine Homophobie“, sagte der Präsident, sein Name ist Alexander. Seitdem das neue Gesetz vorgeschlagen wurde, habe sich für ihn wenig verändert. Er leite immer noch eine Computerfirma, und seine Angestellten sowie Nachbarn respektierten seine sexuelle Neigung. Keine große Sache.

Die negative Seite des neuen Gesetzes sei jedoch, dass die Homophobie in Russland durch das Gesetz von offizieller Seite unterstützt werde. Seiner Meinung nach liegt der Grund für die Schwulenfeindlichkeit in der mangelnden sexuellen Bildung in der Schule.

Am meisten überrascht aber hat mich sein überaus optimistischer Blick in die Zukunft. „Früher oder später wird es in Russland so werden wie in Deutschland“, sagte mir Alexander zum Abschied. „Gesetze kommen und gehen, aber die russische Bevölkerung entwickelt sich, das ist nicht aufzuhalten. Es braucht nur Zeit.“

Ich wünsche mir, dass diese Zuversicht in diesem wunderbaren Land um sich greift und ihre Gültigkeit behält, damit die junge Generation in Russland und mit ihr das ganze Land in Demokratie aufblühen kann.

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