Nowroth

Russland und die EU – ein ABC der Unterschiede

Maximilian Nowroth vor der zugefrorenen Newa - symbolisch für das oft eisige Verhältnis zwischen Russland und der EU?
Maximilian Nowroth vor der zugefrorenen Newa – symbolisch für das oft eisige Verhältnis zwischen Russland und der EU?

Gehört Russland zu Europa? Schon mein Erdkundelehrer war nicht in der Lage, diese Frage eindeutig zu klären. Nun lebe ich seit mehr als vier Monaten im größten Land der Welt und erlebe täglich, wie ich meine „EU-Norm“ mit den russischen Verhältnissen vergleiche. Noch dazu verbringe ich mein Auslandssemester in Sankt Petersburg, dem russischen „Fenster nach Europa“. Doch steht dieses Fenster eher sperrangelweit offen –  oder auf der Kippe? In den Medien ist häufig die Rede von einer zunehmenden Entfremdung zwischen dem Russland Putins und der EU. Das folgende ABC zeigt, wie ich persönlich die Unterschiede zwischen Russland und der Europäischen Union erlebt habe – und welche Gemeinsamkeiten nicht gleich auf den ersten Blick zu erkennen sind. Teil 1

Von Maximilian Nowroth

A wie Arbeitslosigkeit: Mehr Jobs, weniger Gehalt

Beginnen wir mit den nackten Zahlen: In der EU ist die Arbeitslosenrate fast dreimal so hoch wie in Russland. Während in Putins Reich mit gerade einmal 4,8 Prozent Arbeitslosigkeit fast Vollbeschäftigung herrscht, ist in Europa im Schnitt fast jeder neunte Erwachsene ohne Arbeit. Wer den Unterschied noch extremer haben will, schaut in die großen russischen Städte Moskau und Sankt Petersburg: Dort sucht nur einer von 100 Russen einen Job.

Einen möglichen Grund für diese geringe Arbeitslosigkeit habe ich schon bei der ersten Kneipentour gesehen. Ein Bier bestellen bedeutet nämlich in Sankt Petersburg, gleich drei Kellner auf einmal kennenlernen: Der Erste nimmt die Bestellung auf, der Zweite zapft und der Dritte macht die Abrechnung. Arbeitsteilung auf Russisch – in der EU würde wohl nur einer die ganze Arbeit machen.

Die Effizienz der Abläufe ist „zu Hause“ dementsprechend höher, und wer noch keine Geduld hat, wird sie in Russland üben. Übrigens: Wer in Russland arbeitslos wird, bekommt vom Staat meist nicht mehr als rund 30 Euro im Monat. Unmöglich, damit über die Runden zu kommen, schon allein deshalb, weil die Preise im Supermarkt teurer sind als in Deutschland.

B wie Bildung: Der Umbau braucht Zeit

Russland ist seit gerade einmal 22 Jahren ein freies und demokratisches Land. Diese banale Tatsache muss man sich immer wieder vor Augen führen, wenn man versucht ist, westliche Standards mit denen in Russland zu vergleichen. Auf den Universitäten macht sich das aus meiner Sicht besonders bemerkbar. In diesem Jahr hat die Wirtschaftsfakultät der Uni Sankt Petersburg, die Graduate School of Management (GSOM), ihren 20. Geburtstag gefeiert. Zum Vergleich: Die traditionelle Kölner Wirtschaftsfakultät hat schon weit mehr als hundert Jahre auf dem Buckel.

Russische Studenten haben erst seit dem Fall des Eisernen Vorhangs überhaupt die Chance, über ökonomische Theorien aus Amerika oder Europa nachzudenken. Vorher diktierten Marx und Lenin den Lehrplan. Das gleiche gilt übrigens für die Fakultät für Internationale Beziehungen, die sich auch erst seit wenigen Jahren im „Erwachsenenalter“ befindet.

Nun gab es vor einigen Wochen auf SPIEGEL Online einen erschreckenden Artikel über Korruption an russischen Universitäten (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/bestechung-an-russischen-universitaeten-mit-rubeln-zum-erfolg-a-895931.html) Dort heißt es wörtlich: „Das ganze Bildungssystem ist korrupt.“ Ich habe meine russischen Kommilitonen mit dieser Aussage konfrontiert, und sie haben das zurückgewiesen. Vika, Master-Studentin an der GSOM, sagte mir: „Wenn ein Student hier an der Uni versuchen würde, einen Professor zu bestechen, gäbe das einen großen Skandal.“ Allerdings sei die Bezahlung der Dozenten im Vergleich zum Arbeitsaufwand so gering, dass es theoretisch hohe Anreize  für Schmiergeld geben würde.

Die Petersburger Wirtschaftsuni ist generell sehr westlich orientiert und empfängt Austauschstudenten aus 31 Ländern, von Australien bis Taiwan. Am Beispiel dieser Uni kann man gut sehen, in welche Richtung sich die ambitionierten russischen Hochschulen in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten entwickeln werden. Doch wie alles in Russland braucht auch dieser Umbruch seine Zeit.

C wie Chaos: Ersetze mangelnde PS durch Wahnsinn der Fahrer

In Russland von A nach B? So kommen wir nun zu Buchstabe C: dem Chaos auf den Straßen. Moskau ist für seine Staus weltberühmt, im Berufsverkehr werden gerne auch mal die Bürgersteige als Überholspur genutzt. So weit, so bekannt auch in Süditalien – dort jedoch eher auf zwei Rädern. Im russischen Straßenverkehr gibt es jedoch eine Besonderheit, die ich in Europa so noch nicht erlebt habe: Die privaten und damit nach EU-Recht eher fragwürdigen „Tadschik-Taxis“.

An einem der ersten Abende in Russland konnte ich nicht fassen, auf welche Weise sich eine 20-jährige russische Studentin auf den Heimweg machte. Auf die Straße stellen, Arm raushalten und abwarten. In Sankt Petersburg nachts um halb eins. Der Alptraum einer jeder deutschen Mutter – doch „bei einem Fremden ins Auto steigen“ ist in russischen Großstädten gang und gäbe, bei Jung und Alt. Der typische „Taxifahrer“ kommt aus GUS-Staaten wie Usbekistan, Kasachstan oder Tadschikistan und fährt einen Lada, Baujahr meist kurz nach der Wende. Kurz über den Preis verhandeln, Ziel nennen und los geht die Fahrt in einem Wagen, für den in der EU der Begriff „Umweltzone“ neu definiert werden müsste.

Diese relativ uneuropäische Art der Fortbewegung ist unter den Austauschstudenten sehr beliebt, denn meist sind die Preise moderat und jede Fahrt wird zum Ereignis. Die meisten Lada-Fahrer haben sich nämlich darauf spezialisiert, ihre mangelnde Motorkraft durch fahrerischen Wahnsinn wettzumachen und schlängeln sich wieselflink durch die Straßen der Stadt. Als europäisch getrimmter Insasse denkt man während der Fahrt besser nicht über Airbag, Knautschzone oder sonstigen Schnickschnack nach.

Die meisten Fahrer sind wie gesagt Einwanderer und verdienen in Russland Geld, um ihre Familie in der Heimat zu ernähren. Es gilt also, den maximalen Preis herauszuholen – dafür haben sich einige etwas einfallen lassen. Bei unserer letzten Fahrt per Anhalter steckte der Fahrer erst den Schlüssel ins Zündschloss und danach kommentarlos das Verstärkerkabel in seine E-Gitarre, die er unter dem Sitz geparkt hatte. Für ihn war es ganz normal, uns die Fahrt mit ein paar Ständchen zu verkürzen. Nachdem er sich nach meiner Herkunft erkundigt hatte, schaffte er es mühelos, über den Nevsky-Prospekt zu brettern und dabei ein Lied über die Vorzüge deutscher Mütter anzustimmen. Und so bekam er am Ziel nicht nur Spritgeld, sondern auch eine Gage für das Sitzplatzkonzert.

D wie Demonstrationen: Warum die Russen nicht mehr auf die Straße gehen

In den südeuropäischen EU-Ländern tragen fast wöchentlich Demonstranten ihre Probleme auf die Straße. Und in Russland? Keine Demos, keine Probleme? Eigentlich hätten die Russen allen Grund, öfter mal ihren Frust lauthals kundzutun. Nicht unbedingt gegen Arbeitslosigkeit oder Merkels Sparmaßnahmen, aber vielleicht gegen unterdrückte Meinungsfreiheit, Korruption oder Armut. Immerhin liegt der Durchschnittslohn in Russland bei gerade einmal 675 Euro, ein Großteil der Bevölkerung gehört der Unterschicht an.
Doch die Bilder von den Massendemonstrationen in Moskau sind schon ein Jahr alt. Hat sich also so viel gebessert seitdem? Nicht im geringsten, haben mir mehrere russische Bekannte berichtet. Es sei nur so, dass sie schlichtweg Angst hätten, auf Demos zu gehen und von der Polizei niedergeknüppelt zu werden. Gottlob kein Thema, mit dem wir uns in der EU beschäftigen müssen.

E wie Ehe: Mit 27 im „besten Scheidungsalter“

Drum prüfe, wer sich ewig bindet – geht es nach dieser alten Weisheit, müssen die Russen deutlich entscheidungsfreudiger sein als die meisten Europäer. Eine russische Frau ist mit gerade einmal 25 Jahren bereits im „besten Alter“ für die Trauung, zumindest rein statistisch gesehen. In Europa sind die meisten Paare um die 30, wenn sie zum Traualtar treten.

Meine Kommilitonin Olga (23, Single) hat mir neulich von dem latenten Erwartungsdruck erzählt, den sie immer häufiger bei Familienfeiern spürt. Ihre Eltern wunderten sich, wo denn der Mann fürs Leben bliebe? Schließlich hätte ihre Mutter schon mit 22 Jahren das erste Kind bekommen. Olga bleibt dann entspannt und kontert die Erwartungen ganz einfach mit einem Wort: „Scheidung“.

Russische Ehen werden nämlich doppelt so häufig beendet wie bei uns, und das vor allem schon in jungen Jahren. Boshaft gesagt sind russische Frauen also mit rund 27 Jahren im besten „Scheidungsalter“.

Einige Paare ziehen aus dieser Erkenntnis ihre Konsequenzen und heiraten, nun ja, eher rational: Die ersten zehn Jahre erstmal nur per Standesamt, und wenn sich die Entscheidung bewährt hat, kann die Verwandtschaft gerne zur kirchlichen Trauung kommen. So leicht kann Liebe sein. Denn kirchlich heiraten kann man nur einmal im Leben.

F wie Feminismus: High Heels statt Frauenquote

In der EU hat es der Feminismus schon längst bis in die Politik geschafft, wie die deutsche Diskussion zur Frauenqote in Aufsichtsräten zeigt. In Russland könnte man auf den ersten Blick meinen, dass es nach modernen deutschen Maßstäben mit den Karrieremöglichkeiten der Frau nicht weit her sein kann. Zumindest aus meiner männlichen Sicht sehen doch viele Russinnen aus wie das absolute Gegenstück zu Alice Schwarzer, und zwar vom Scheitel bis zum Pfennigabsatz. Doch nicht etwa zum Herd, sondern in die Chefetage stöckeln viele der aufgebrezelten Damen. 40 Prozent aller Manager in Russland sind nämlich weiblich – das ist ein doppelt so hoher Anteil wie in den sonst so vorbildhaften Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden.
In den aus deutscher Sicht klassischen „Männerfächern“ wie Finanzmanagement hatten wir an der Uni meist Dozentinnen, die sich mit ihren langen blonden Haaren (offen getragen) als Chefs vorstellten. Eine Russin sagte mir einmal im Vertrauen, dass sie diesen „westlichen Feminismus“ sowieso nicht verstehe: „Hier in Russland kann ich gut aussehen und trotzdem bekommen, was ich will.“

G wie Großprojekte: Versunken im Sumpf der Korruption

Stuttgart21, der Berliner Flughafen und die Elbphilharmonie – was haben wir Deutsche uns in der letzten Zeit aufgeregt über die dilettantische Planung von Großprojekten. In Russland dagegen ist alles viel… schlimmer.

Nehmen wir den neuen Campus der Graduate School of Management in Sankt Petersburg. Wladimir Putin höchstpersönlich legte den Grundstein für das neue Gebäude der selbsternannten „Elite-Wirtschaftsuni“ vor sieben Jahren. Den damaligen Erstsemestern wurde versprochen, dass sie ihren Abschluss in vier Jahren auf dem neuen und hochmodernen Campus feiern könnten. Heute schreiben wir das Jahr 2013 und das Versprechen wird von Ersti-Jahrgang zu Ersti-Jahrgang weitergereicht, hat es schon zum Running Gag gebracht.

Und was passiert auf der Baustelle? Auf dem Gelände arbeitet kein einziger Bauarbeiter, es ist weitgehend braches Land. Denn das ganze versprochene Geld ist tief im Korruptionssumpf versunken, der Bauunternehmer konnte das Projekt nicht mehr finanzieren. Eine Kommilitonin versuchte eine Erklärung: „Wenn in Russland öffentliche Gelder für ein Großprojekt vergeben werden, fließt das Geld von den obersten Behörden über mehrere Instanzen hinunter bis zum Bauunternehmer. Auf dem Weg dahin verschwindet bei jeder Stufe rund die Hälfte des Geldes ‚in der Tasche’ von Staatsdienern.“ Jetzt soll der Campus frühestens im Jahr 2020 eröffnet werden.

Wer mehr über dieses Prozedere erfahren will, kann sich über den Bau des neuen Stadions in Sankt Petersburg informieren. Dort sollte 2008 zum ersten Mal gespielt werden, der aktuelle Termin liegt im Jahr 2016. Zum Glück wird die Fußball-WM erst 2018 angepfiffen.

H wie Homosexualität: Homo-Ehe vs. Homophobie

Das womöglich plakativste Beispiel der Unterschiede zwischen Russland und der EU: die Behandlung von Homosexuellen. Während in Frankreich ein neues Gesetz zur Homo-Ehe verabschiedet wird und Deutschland über die steuerliche Gleichberechtigung streitet, wurde in Russland vor zwei Wochen ein Mann wegen seiner sexuellen Neigung auf offener Straße zu Tode gefoltert. Willkommen in einem Land, in dem jeder zweite Bürger „Ekel“ gegenüber Schwulen empfindet. Statistisch gesehen gibt es jede Menge üble Fakten über die grassierende Homophobie im größten Land der Welt. Doch mein Schlüsselerlebnis war ein Gespräch mit einer jungen Russin über das neue Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“.

Ich wollte von ihr wissen, wie sie dazu steht, dass in ihrer Heimatstadt Sankt Petersburg schon das Hissen einer Schwulenflagge unter Strafe steht – quasi ein Gesetz zur staatlichen Unterstützung der Homophobie. Ihre Erwiderung im Wortlaut: „Ich finde es völlig richtig, dass Homosexualität vollständig aus der Öffentlichkeit verbannt wird. Homosexualität ist für mich wie eine Droge: Solange sie illegal ist, können nur wenige Menschen davon probieren. Wird sie aber frei verfügbar, werden immer mehr Menschen dazu verführt, sie einmal auszuprobieren und dann abhängig zu werden – mit schlimmen Folgen für unsere Gesellschaft.“

I wie Internationale Beziehungen: Strategische Kooperation

Stellen wir uns einmal vor, dass alle Regierungschefs dieser Welt auf Facebook miteinander vernetzt wären. Wer würde wohl Wladimir Putin zu seinen „Engen Freunden“ zählen? Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sei außen vor gelassen. Vermutlich wären es Xi Jinping, Baschar al-Assad und Kim Jong-un, denn China, Syrien und Nordkorea zählen offiziell zu den Verbündeten Russlands. Und was ist mit den EU-Staatschefs? Glaubt man den Berichten aus der letzten Zeit, würden sie ihren Beziehungsstatus zu Putin wohl eher als „strategische Kooperation“ charakterisieren. Kreml-Chef Putin und EU-Chef José Manuel Barroso können sich sogar angeblich nicht ausstehen. Meistens streiten die Europäische Union und Russland über Themen wie Visa-Freiheit, Energie – vor allem die Ausbreitung des russischen Staatsunternehmens Gazprom in die EU – und in diesem Frühjahr aktuell: die Zypern-Krise.

Klar ist, dass die Europäischen Staaten in gewisser Weise von der Gunst Russlands abhängig sind, schließlich bezieht Europa 30 Prozent seines Öls und 40 Prozent des Gases aus dem größten Land der Welt. Miteinander auskommen müssen sie also.

J wie Jugendstrategie: Bolzplätze gegen Selbstmord und Depression

Hand aufs Herz, haben Sie schon einmal von der Jugendstrategie der Europäischen Union gehört? Nicht schlimm falls nicht, denn selbst Google liefert nur knapp 30.000 Ergebnisse für diesen sperrigen Begriff. Doch es gibt sie wirklich: Alle Länder der EU haben sich offiziell darauf geeinigt, „bis 2018 die Situation junger Menschen zu verbessern“. (http://www.jugendfuereuropa.de/downloads/4-20-3115/JfE_Jugendstrategie.pdf) Konkret will das Bundesfamilienministerium in Deutschland mehr Chancengleichheit für Jugendliche schaffen und unterstützen, dass sich die junge Generation häufiger freiwillig engagiert.

Im größten Land der Welt müssen sich Politiker in Sachen Jugend vor allem mit einer traurigen Statistik auseinandersetzen: In Russland begehen die meisten Jugendlichen in Europa Selbstmord. 2010 setzten etwa 1500 russische Teenager im Alter zwischen 15 und 19 Jahren ihrem Leben ein Ende, das gab die Weltgesundheitsorganisation bekannt. Bei Kindern zwischen zehn und 14 Jahren waren es rund 200 Selbstmorde. Zum Vergleich: 2009 brachten sich 194 deutsche Jugendliche ums Leben.

In den russischen Medien wird das Thema häufig aufgegriffen, gerne auch reißerisch mit detaillierten Beschreibungen, wie es zu dem Suizid kam. Dabei gibt es auch bei aller Tragik rein statistisch gesehen eine positive Entwicklung: Die Zahl der Selbstmorde von Kindern unter 14 Jahren hat sich seit dem Jahr 2000 halbiert.

Ohne diese drastischen Zahlen zu kennen, hatte ich in meinem Alltagsleben in der Petersburger Vorstadt ein gutes Bild der Jugendförderung. Selten habe ich so eine Fülle an Bolzplätzen zwischen all den Plattenbauten erlebt. Kunstrasenplätze reihen sich an Basketballfelder und Freilicht-Mukkibuden. Alles frei zugänglich, rund um die Uhr. Das macht in Sankt Petersburg auch Sinn, denn im Sommer kann man während der „Weißen Nächte“ auch noch um 1 Uhr morgens kicken gehen. Wir haben häufig mit den Jungs „aus dem Block“ gespielt, die den Platz nicht nur zum Sport, sondern auch zum Entspannen von der engen Wohnung nutzen. Trauriger war dagegen eher, dass viele Eltern an den angrenzenen Spielplätzen ihre Bierdosen leeren, während sich die Kleinen austoben. Ein gutes Vorbild sieht anders aus.

K wie Korruption: Der Rubel rollt  an vielen Ecken

Vermutlich eines der hartnäckigsten Vorurteile gegenüber Russland, das ich vor meiner Abreise zu hören bekommen habe: „Die sind doch alle korrupt!“ So schlimm ist es nun wahrlich nicht, aber einen wahren Kern muss dieses Vorurteil haben. Schließlich belegt Russland im Korruptionsindex von Transparency International Platz 133 und spielt damit in einer Liga mit Ländern wie Honduras oder Kenia. Zum Vergleich: Der korrupteste EU-Staat ist Griechenland auf Platz 94, Länder wie Deutschland und die Niederlande sind unter den 15 „saubersten“ Ländern.

In diesem ABC habe ich schon einige Male das Wort Korruption in den Mund genommen, doch ging es dabei meist um größere und abstraktere Projekte. Doch wo erlebt man Korruption im russischen Alltag als Austauschstudent? Ganz einfach: Es fängt in den eigenen vier Wänden an. In unserem Studentenwohnheim war es offiziell verboten, einen Gast über Nacht einzuquartieren. Das wusste jeder, und genauso wusste auch jeder, was eine „Übernachtung“ für einen Externen kostete: genau 200 Rubel, eingelegt in den Ausweis des Gastes, zu übergeben an den zuständigen Wachmann. Fertig.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Korruption im Kleinen vor allem daran liegt, dass viele Jobs unterbezahlt sind und einen hohen bürokratischen Aufwand mit sich bringen, der durch eine kleine „Aufmerksamkeit“ schnell überwunden werden kann. So auch in der Schlange vor einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Petersburgs, dem Zarenpalast. Die angestellten Damen luden die wartenden Touristen ein, sich durch einen leicht erhöhten Eintrittspreis die Warterei zu ersparen und sie direkt ins Museum zu lotsen.

Nun könnte man meinen, das wären ja alles Lappalien und Kavaliersdelikte. Leider ist mein Eindruck, dass sich diese Denke – „mit Geld kannst du alles schneller erreichen“ – in der gesamten Gesellschaft niedergelassen hat. Und das hat fatale Auswirkungen auf die junge Generation. Eine Kommilitonin hat mir neulich stolz von ihrer bestandenen Führerscheinprüfung erzählt. Ich wollte wissen, was so etwas in Russland kostet. Sie hat mir erklärt, dass die Fahrstunden an sich nur gut 400 Euro kosten würden. 300 Euro zusätzlich bezahlte sie dann noch extra an Fahrlehrer, Polizei und Behörden, um die Prüfung auch zu bestehen: „Wer nicht bezahlt, fällt durch, das weiß hier jeder“, sagt sie bitter. Sie hat die Korruption mittlerweile so satt, dass sie nach ihrem BWL-Master schnellstmöglich nach Frankreich oder Deutschland auswandern möchte.

L wie Ladenschluss: Blumen rund um die Uhr

24 Stunden geöffnet – mit diesem Slogan können in Deutschland höchstens Tankstellen werben, bei Supermärkten etwa wäre es illegal. So regelt es der Gesetzgeber und so ist es auch in den meisten anderen EU-Ländern: Sonntags bleiben die Läden geschlossen.

In Russland sind mir in Sachen Geschäfte vor allem zwei Dinge aufgefallen: 1. Es gibt Blumengeschäfte an jeder Ecke. Und 2: Sie haben 24 Stunden geöffnet! Sind Sie schon mal nachts um 3 Uhr nach Hause gekommen und haben sich überlegt, wie schön doch jetzt noch ein frischer Blumenstrauß wäre? In Russland kein Problem. Nach dem ökonomischen Gesetz, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, müssten russische Männer hämisch gesagt also rund um die Uhr etwas gutzumachen haben. Auch die meisten Badeanstalten können Russen problemlos mitten in der Nacht besuchen, schließlich ist die Banya (russ.: Sauna) eine russische Institution.

Auch alle anderen Geschäfte haben sonntags geöffnet – zwar nicht immer rund um die Uhr,  aber doch so, dass sich auf den Straßen jeder Wochentag gleich anfühlt. Das bringt der Wirtschaft natürlich wiederum den Vorteil, dass sie mehr Menschen beschäftigen kann (siehe A wie Arbeitslosigkeit).

M wie Meinung über Deutschland: Vorbild statt Sündenbock

Zerfetzte Deutschlandfahnen bei griechischen Demonstrationen und Plakate mit Merkel in Hitler-Uniform: Die Medien haben uns in letzter Zeit häufig Bilder serviert, die uns ahnen lassen, dass Deutschland in bestimmten EU-Ländern nicht mehr den allerbesten Ruf genießt. Nun zeigt eine aktuelle Studie des Pew Research Center (Link: http://www.pewglobal.org/2013/05/13/the-new-sick-man-of-europe-the-european-union/) schwarz auf weiß, was die EU-Bürger über Deutschland denken. Sechs von acht befragten Staaten halten Deutschland für die am wenigsten mitfühlende Nation, die Griechen empfinden uns sogar als das am wenigsten vertrauenswürdige Land in der EU.

In Russland war ich, mal ganz abgesehen von der aktuellen politischen Lage, generell gespannt, was die Einheimischen von „uns“ halten. Schließlich feiern sie immer noch jedes Jahr den Sieg gegen Nazi-Deutschland mit einer großen Armee-Parade. Als ich das erste Mal in der Mensa essen war, ist mir ein blonder Russe mit einem FC Bayern-Rucksack aufgefallen. Denis, 23, kommt aus Sibirien und ist ein großer Fan des deutschen Fußballs im Allgemeinen und des bayerischen im Speziellen. Er ist heute mein bester russischer Freund und hat mir manches Mal erklärt, was die Russen über Deutschland denken: „Wenn in Russland etwas nicht in Ordnung ist oder schlecht läuft, wird sofort der Vergleich mit Deutschland gezogen – dem Maßstab für Tüchtigkeit und Ordnung.“ Jeder Russe würde mindestens drei Wörter im Deutschen kennen: „Automatisch. Praktisch. Fantastisch.“ Ach ja, und natürlich: „Das Auto.“

Mir ist dann später aufgefallen, dass viele russische Wirtschaftsstudenten an der Uni Deutsch lernen. Eine Usbekin erklärte mir, dass ihre Mutter es ihr sozusagen befohlen habe, um ihre Zukunft zu sichern: „Denn in Deutschland wird gearbeitet.“ Allgemein sind Deutsche in Russland also recht hoch angesehen, hier habe ich auch zum ersten Mal Ausländer von dem „wunderschönen Klang der Sprache“ schwärmen hören.

Ein tschechischer Austauschstudent hat sich diese Tatsache zunutze gemacht, und das ging so: Ladislav hatte erfahren, dass ein Schweizer Kommilitone in der Petersburger Metro allein deshalb von einer hübschen Frau angesprochen wurde, weil sie die deutsche Sprache aus seinem Mund gehört hatte. Der Tscheche ging bei der nächsten Gelegenheit mit ihm in eine russische Disko und unterhielt sich mit ihm auf Deutsch. Und siehe da, die Masche funktionierte: Seitdem hat er eine russische Freundin. Ob sie mittlerweile seine wahre Herkunft kennt, ist nicht überliefert.

Teil 2 von N bis Z können Sie ab Mitte Juni in unserem Blog lesen.

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