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Schottland: Europawahl aus Erstwählersicht

Sie sind 18, das erste Kreuz auf dem Wahlzettel haben sie am vergangenen Donnerstag auf europäischer Ebene gesetzt: Anna, Louise und Gavin. Die drei kommen aus dem Norden, Süden und Westen Schottlands und haben gerade ihr erstes Studienjahr an der Universität Edinburgh beendet.

Anna, Louise und Gavin studieren Jura, Internationale Beziehungen und Geschichte, den Politikkurs haben alle drei besucht. Sie haben Wahlsysteme verglichen, die Rolle Großbritanniens in der EU untersucht – und jetzt wurde aus Theorie Praxis, jetzt musste eine Entscheidung her. Wer sollte Schottland im Europäischen Parlament vertreten? Welcher Partei sollten die Erstwähler ihre Stimme geben?

„Das klingt vielleicht sehr nach Politikstudent“, sagt Louise Boyd und muss lachen, „aber ich habe wirklich im Internet die Wahlprogramme der Parteien quer gelesen, zwischen denen ich geschwankt habe. Die Flyer, die unter der Haustür durchgeschoben wurden, waren dann doch nicht sehr aussagekräftig.“ Anna Murray ging es ähnlich: „In vielen Zeitungsartikeln und Fernsehspots ging es vor allem um die Einstellung Großbritanniens zur EU – um wirklich konkrete Positionen der Parteien zu Europa zu erfahren, musste man darüber hinaus lesen.“ „Die Informationen waren da“, findet Gavin Dewar, „man musste sie nur auch finden wollen und sich nicht nur von all den UKIP-Schlagzeilen leiten lassen. Ich habe mir das Duell zwischen Clegg von den LibDems und Farage von der UKIP angesehen und auch das Fernsehduell zwischen den Kandidaten für den Kommissionspräsidenten.“

Die drei gehören zu den 33.5% der Briten, die wählen gingen – die Wahlbeteiligung lag in Großbritannien damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 43%. „Und dabei war diese Wahl so wichtig: um ein Zeichen zu setzten gegen die zunehmende und so reale Gefahr der Euroskeptiker um UKIP“, sagt Gavin. Die EU-feindliche UK Independence Party (UKIP) holte in Großbritannien mit 27.49% die meisten Stimmen , in Schottland wurde sie mit 10.46% nur viertstärkste Kraft hinter der Scottish National Party (SNP), Labour und den Conservatives . Diese zehn Prozent reichten, um ein Mandat fürs Europäische Parlament zu gewinnen: Neben je zwei Abgeordneten der SNP und Labour und einem der Conservatives stellt nun die UKIP den sechsten schottischen Europaparlamentarier, die Liberal Democrats haben ihr Mandat von 2009 verloren.

Sechs schottische Abgeordnete ziehen ins Europäische Parlament ein – mit diesen Hoffnungen der drei Erstwähler. „Ich hoffe vor allem, dass sich die Wirtschaft erholt. Die Transatlantic Trade and Investment Partnersphip (TTIP-Abkommen) zwischen der EU und den USA könnte sehr positive Auswirkungen haben, aber all die Schwierigkeiten, die es im Moment noch gibt, müssen zuerst ausgeräumt werden, damit auch wirklich beide Seiten profitieren“, sagt Anna Murray. Louise Boyd hofft vor allem, dass sich die Einstellung zu Immigration verändert: „Ich würde mir wünschen, dass das Europäische Parlament seinen Beitrag leistet, dass die Bevölkerung ein positiveres Bild von Einwanderung bekommt – wir profitieren davon, und trotzdem sehen viele Briten Immigration so negativ.“ Für Gavin Dewar stehen umweltpolitische Aspekte im Vordergrund. „Ich glaube, die EU ist die beste Plattform für Maßnahmen zum Klimawandel. Aber auch in anderen Bereichen kann sie die entscheidende Rolle spielen: in der Wissenschaft, internationaler Hilfe und Friedenssicherung. Ich wünsche mir, dass die schottischen Abgeordneten sich für schottische Themen einsetzen: Investitionen in erneuerbare Energien, Handelsabkommen und auch das schottische Unabhängigkeitsreferendum.“ Beim Referendum zur schottischen Unabhängigkeit im kommenden September werden Anna, Louise und Gavin zum zweiten Mal wählen – und auch hier wird die europäische Ebene wieder eine Rolle in ihrer Entscheidungsfindung spielen.

 

Titelbild: Rama/OpenSource

 

 

 

 

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