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Schulfach gegen Extremismus

Die Gewalt gegenüber Muslimen in Frankreich hat sich im vergangenen Jahr verdreifacht. Das geht aus einem Bericht des Islamischen Dachverbandes in Frankreich (CFCM) hervor. Doch auch Juden und Christen sind aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit immer öfter Übergriffen ausgesetzt. Um die zunehmende Radikalisierung junger Franzosen und die Ressentiments zwischen den Religionen zu stoppen, wird seit September 2015 das Fach „Moral und Staatsbürgerkunde“ an Frankreichs Schulen unterrichtet. Die alarmierenden Zahlen machen deutlich, dass diese neue Integrationspolitik dringend gebraucht wird.

Fast 400 Übergriffe habe es im vergangenen Jahr gegenüber Muslimen gegeben. Nur selten wäre es zu direkten Angriffen auf Personen gekommen. Vielmehr richteten sich die Gewaltakte gegen Kultstätten und Friedhöfe oder äußerten sich in Form von Brandstiftung, Beleidigungen oder Graffitis. Allein im Januar 2015, so geht aus dem Bericht hervor, wären in Folge der Attentate auf Charlie Hebdo und einem jüdischen Supermarkt 178 Fälle verzeichnet worden.

Die Gewalt richte sich nicht ausschließlich gegen den Islam, auch christliche Institutionen wurden angegriffen. Mit 810 Vorfällen hätten sich diese im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent erhöht. Gewaltakte, die sich gegen Juden richten, wären mit 806 Übergriffen auf einem erhöhten Niveau geblieben.

In Folge zunehmender Gewaltbereitschaft gegenüber Religionen haben viele bereits das Land verlassen: 7.900 jüdische Franzosen sind im vergangenen Jahr nach Israel ausgewandert. Nach Angaben der Jüdischen Agentur sind das etwa zehn Prozent mehr als noch im vorigen Jahr. Die Ursache für die Auswanderungen sieht die Agentur in der gestiegenen Zahl antisemitischer Übergriffe in Frankreich, die bereits von 2013 auf 2014 um 130 Prozent zugenommen hätten. Noch vor dem Angriff auf einen jüdischen Supermarkt im vergangenen Januar , bei dem vier Menschen starben, habe sich Aliyah – so wird die Einwanderung nach Israel genannt – erhöht. Nach dem Angriff habe die Zahl der französischen Einwanderungen nach Israel dann seinen Höhepunkt erreicht. Weitere Ursachen für diese Bewegung sieht die Jüdische Agentur in der hohen Arbeitslosigkeit in Frankreich sowie einer stark verankerten zionistischen Kultur.

Statt sich gemeinsam gegen den Terror zu stellen, den Frankreich im vergangenen Jahr in einen Schockzustand versetzt hat, zerbröckelt das Land immer weiter in einzelne Religionsgemeinschaften. Gegenseitiges Misstrauen bedroht Frankreichs Zusammenhalt, der gerade jetzt dringend gebraucht wird, um den ins Wanken geratenen Staat wieder zu stabilisieren.

 

Unterricht für mehr Toleranz

Eine nachhaltige Lösung muss her – nicht nur, um den Bürgern Frankreichs wieder Hoffnung zu geben. Für mehr Zusammenhalt verschiedener Kulturen und Religionen, die das Land prägen, setzt Frankreich auf das, was allen immer noch gemein ist: Sie sind Franzosen. Dazu gehören auch ihre gemeinsamen Werte wie Würde, Gleichheit, Solidarität oder der Gleichstellung von Frauen und Männern, welche das Zusammenleben im Land seit langem ausmachen. Genau diese Werte will der Staat jetzt durch eine neue Bildungsoffensive stärken. Seit Beginn des letztens Schuljahres im September 2015 werden SchülerInnen in Moral und Staatsbürgerkunde unterrichtet. Um Toleranz zu fördern und Diskriminierung und Rassismus zu ersticken, sollen von der ersten Klasse bis zum Abitur Grundsätze der Republik vermittelt werden. Der Unterricht soll zu „kritischem Denken“ anregen und „das Bewusstsein der individuellen und kollektiven Verantwortung“ schärfen. So lässt es sich auf der Internetseite der französischen Regierung nachlesen.

Der Wert des Laizismus ist nur einer von vielen, der im Unterricht gestärkt werden soll. Dabei ist dieser durch die Reform gleichzeitig gefährdet: Die Trennung von Kirche und Staat hat in Frankreich eine lange Tradition. Religion hat in der Öffentlichkeit keinen Platz und bleibt „Privatsache“. Deshalb gab es bisher keinen Religionsunterricht an den Schulen. Im Vergleich zu Staaten wie Deutschland, Italien oder Schweden, wo keine so strikte Trennung zwischen Kirche und Staat herrscht, darf in französischen Schulen weder über die eigene Religion gesprochen, noch darf sie praktiziert werden. „Kopftuch, Kreuz und Kippa“ müssen zu Hause bleiben.

 

Laizismus – Fluch oder Segen?

Als Errungenschaft kann man den Laizismus eigentlich bezeichnen, weil er verhindert, dass die Kirche missbräuchlich in staatliche Angelegenheiten eingreift. Dieser Gedanke geht noch auf die Aufklärung zurück. Da er den Staat dazu zwingt, weltanschaulich neutral zu sein, trägt er außerdem zur Gleichberechtigung der Religionen – und somit auch zu der von Menschen – bei.

Schüler würden den Laizismus zunehmend als Bedrohung ihres eigenen Glaubens wahrnehmen und sehen nicht, dass erst dadurch Religionsfreiheit garantiert werde, sagte Präsident Hollande nach den Anschlägen im Januar vor einem Jahr, als er das neue Bildungsprogramm vorstellte. Nach den Anschlägen im Januar hätten sich viele Schüler geweigert, an der Schweigeminute teilzunehmen. Insgesamt 70 solcher Zwischenfälle machten die Forderungen nach einer pädagogischen Antwort für mehr Toleranz an Schulen lauter. Deshalb bricht die sozialistische Regierung unter Francois Hollande nun mit der jahrzehntelangen Tradition. Ein „laizistischer Religionsunterricht“ soll dazu beitragen, dass über Werte und Religion gesprochen und vor allem diskutiert wird.

Der Unterricht versucht vor allem eine Fehlentwicklung der Integrationspolitik zu korrigieren. Viele der Attentäter waren Franzosen. Nachdem sie in den Dschihad gezogen waren und sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen hatten, kamen sie zurück nach Frankreich, um Anschläge zu verüben. Warum konnte der Laizismus die Radikalisierung junger Muslime nicht verhindern? Schließlich sollte er – durch eine Zurücknahme der Religionen aus dem öffentlichen Leben – Integration fördern. Trägt die Schule Verantwortung für das, was im vergangenen Jahr passiert ist? Ist es der richtige Weg, Religion als wichtiges Bedürfnis vieler Schüler vollständig aus der Schule zu verbannen, sie als „Privatsache“ zu ignorieren und zuzulassen, dass Religionshäuser sich dieser annehmen? Diese Frage stellten sich im vergangenen Jahr viele Franzosen, auf die der „Moralunterricht“ jetzt eine Antwort zu geben versucht. Zum ersten Mal gibt es in den französischen Schulen einen gemeinsamen konstruktiven Dialog über Religionen – vielleicht trägt dieser zu einer Annäherung der Gesellschaft bei.

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