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Sint en Piet – die umstrittene Nikolaustradition der Niederländer

Die Weihnachtsfeiertage sind in vollem Gange. Die traditionellen Feste unterscheiden sich dabei in Europa leicht: in England packen Kinder ihre Geschenke am 25. Dezember, dem Boxing Day, aus, in Deutschland mussten sie nur bis zum Heiligabend warten. In den Niederlanden und in Belgien hat sich derweil eine Tradition am Leben erhalten, die eine rege Diskussion anfacht.

Jedes Jahr Mitte November kommt Sinterklaas mit einem Boot in den Niederlanden an. Mit dabei hat er seine Helfer, die Zwarten Pieten. Sie steuern das Boot von Spanien aus bis zur nordischen Küste, verteilen Geschenke an die Kinder. Und sind dabei schwarz angemalt, tragen goldene Ohrringe, haben rote, volle Lippen und krauses Haar. Die Ankunft von Sinterklaas ist ein Riesenspektakel. Ist der weißbärtige Mann mit Bischofsrobe im Land, stellen die Kinder ihre Schuhe vor die Türe oder Heizung, sodass sie mit Äpfeln, Mandarinen, Pepernoten und Chocoladelettern gefüllt werden, traditionellen niederländischen Süßigkeiten. Pepernoten sind kleine, spekulatiusartige Kekse und die Buchstaben aus Schokolade gibt es entweder geformt zu einem „S“ für Sinterklaas oder mit den Initialen des oder der Beschenkten. Kinder schreiben Wunschzettel und stellen Wasser und Heu für den Schimmel des Sinterklaas neben ihre Stiefel.

Traditionell legt Sinterklaas am 17. November an. Seit es eine dazugehörige TV-Show gibt, richtet sich der moderne Nikolaus jedoch danach und erreicht das Land an einem Samstag. Sein Ankommen läutet den Beginn der Sinterklaas-Saison ein. Am Abend des 5. Dezember findet die ihren Höhepunkt, wenn mit einem großen Familienfest und Bescherung gefeiert wird. Es ist der niederländische Heiligabend; auch wenn der Weihnachtsmann kommerziell auf dem Vormarsch ist, das Geschäft lohnt sich doch zu gut, traditionell gibt es am 24. Dezember keine Geschenke für niederländische Kinder. Offiziell ist das Fest für Kinder, aber auch Erwachsene bekommen glänzende Augen, wenn Sinterklaas mit seinen Helfern Pepernoten-werfend durch die Straßen zieht.

Zwarte Piet ist eine Tradition aus dem 19. Jahrhundert. 1848 schrieb der Lehrer und Kinderbuchautor Jan Schenkmann das Buch „Sint Nikolaas en zijn Knecht“, in dem der heilige Nikolaus das erste Mal von einem Diener begleitet wird. Seitdem wurden Lieder über die beiden geschrieben und die Tradition des Nikolaus verbreitete sich weltweit; auch der US-amerikanische Santa Claus ist wie Sinterklaas an den heiligen Bischof Nikolaus von Myra angelegt. Aber nur in den Niederlanden und in Belgien wird dieser noch vom Zwarte Piet begleitet.

Rollentausch

Dieser wandelte im Laufe der Jahre seinen Charakter; ist jetzt nicht mehr dafür zuständig, unartige Kinder in seinem Sack nach Spanien zu entführen und hat auch keine Rute mehr dabei. Vielmehr ist er es, der ihnen ihre Geschenke bringt. Trotz seiner Entwicklung vom Kinderschreck zum -freund fordern viele die Abschaffung des Brauchs. Blickt man auf die Entstehungszeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, sieht man, warum. Zu dieser Zeit waren die meisten Menschen in den Niederlanden weiße kaaskoppen und schwarze Helfer waren als Sklaven aus den Kolonien bekannt. So ist Zwarte Piet für einen Teil der niederländischen Bevölkerung und für viele Kritiker aus dem Ausland zum Symbol für Rassismus und Diskriminierung geworden.

Wir meinen es nicht rassistisch, sagen viele Befürworter der Tradition. Und wenn wir es nicht so meinen, dann ist es kein Rassismus. Sie halten an der Tradition fest, die sie an warme, geborgene Familienfeste und Kindheitsträume erinnert. Zwarte Piet sei nur schwarz, weil er durch den Schornstein hinab die Geschenke bringt.

Für einen anderen Teil der niederländischen Bevölkerung aber bringt Zwarte Piet Erinnerungen an eine schmerzvolle Vergangenheit hervor, die von Kolonialismus und Sklaverei geprägt ist. Ungleichbehandlung und Diskriminierung seien versteckt, aber, sagen Gegner, gerade deshalb institutionalisiert und ein Teil der Gesellschaft.

Traditionell oder veraltet?

Deshalb fordern sie: schafft Zwarze Piet ab. Die Niederlande sind ein hochentwickeltes, modernes Land. Die Gesellschaft ist zu großen Teilen säkularisiert. Trotzdem halten viele Niederländer an der Tradition fest. Ein unschuldiger Spaß für die Kinder sei es, wichtig für die nationale Identität. Aber wollen die Niederländer es wirklich als eine ihrer größten Traditionen ansehen, ihre Geschichte der Kolonialzeit weiter zu tragen und zu feiern? Eine Parade zum Einläuten der Sinterklaas-Saison – schön. Süßigkeiten und Lieder für die Kinder, ein wohliges, trautes Zusammenkommen – noch besser. Aber warum muss Zwarte Piet genau so bleiben wie er ist? Wenn er tatsächlich keine rassistischen Bilder vermittelte und Befürworter der Tradition so frei von diskriminierenden Gedanken, dann könnte auch Sinterklaas schwarz sein und seine Helfer weiß. Oder abwechselnd. Die niederländische Gesellschaft verändert sich und ihr Aussehen. Mit Flüchtlingsströmen und globalen Arbeitsmärkten gibt es weniger weiße kasskoppen und mehr bunte Mischungen, ob multikultureller Schmelztiegel oder saladbowl, eine neue und in Mode kommende Metapher. In Kindergartengruppen und Schulklassen von Den Haag bis Amsterdam sitzen Kinder mit den verschiedensten Wurzeln. Aber wenn Integration gelingen soll, dann müssen solche Feste wie das des Sinterklaas, wenn es so harmlos ist wie behauptet, für alle Kinder sein und für alle Familien. Der Rahmen der Tradition kann geändert werden, die Niederländer müssen nicht das ganze Fest über Bord werfen. Dass Diskussion entsteht, ist gut, um Veränderungen einzuläuten.

Die gibt es seit einigen Jahren. So verzichteten Grundschulen in Den Haag dieses Jahr zum ersten Mal auf Zwarte Piet bei den Nikolausfeiern. An seiner Stelle sollen nun „neutrale“ Helfer Sinterklaas bei seinem Schulbesuch begleiten. In der Stadt Gouda gibt es seit vergangenem Jahr nicht nur den „schwarzen Peter“, sondern auch den „Käsepeter“ mit gelb angemaltem Gesicht und den „Stroopwafelpeter“ mit Waffelmuster. So zeigen die Organisatoren: die Helfer des Nikolauses müssen nicht zwangsläufig schwarz sein. Ebenfalls im vergangenen Jahr jedoch gab es eine Niederlage für die Gegner der Tradition. Das höchste Verwaltungsgericht der Niederlande hatte entschieden, dass Sinterklaas von seinen schwarzen Helfern begleitet werden darf. Zuvor hatte ein Gericht in Amsterdam noch in erster Instanz geurteilt, dass Zwarte Piet eine „negative stereotype Figur“ sei.

Ob mit Gerichtsbeschluss oder ohne, eine Tradition, die weite Teile der Bevölkerung verletzt, weil sie diskriminierende und rassistische Züge trägt, gehört nicht in eine moderne Gesellschaft wie die der Niederlande. Eine Metamorphose der Tradition kann richtige Signale senden für eine offene Gesellschaft, die Unterdrückung und Ungleichbehandlung nicht duldet. Gerade in Zeiten von Flüchtlingsströmen und Bedrohung durch Terror ist es wichtig, dass Gesellschaften zusammenhalten – in all ihren Facetten und Teilen. Ein Bekenntnis gegen ein starres Festhalten an Zwarte Piet ist ein Bekenntnis für eine bunte und diverse Gesellschaft.

 

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