Fotos: Maike Hansen

Fotos: Maike Hansen

Studentisches Europa

Das spanische Studentenleben verwechseln deutsche Erasmusstudenten oft mit Sonne, Strand und Party. Wer seine Noten anrechnen lassen möchte, sitzt unter Woche jedoch nicht an der Costa de Nerja sondern in der Uni und lernt. Es sei denn, man wird von einer deutschen Austauschstudentin nach Europa gefragt.

 

a Desorden (Durcheinander)

Eine Studentengruppe, die eben noch über Fachtexten zur griechischen Mythologie gebrütet hat, hebt die Köpfe und schaut fragend auf die orangenen Blätter. Was Europa für sie bedeute…

… „Durcheinander“ fällt als erstes Schlagwort. Einer jungen Spanierin erscheint Europa wie ein Bürokratiemonster. Die circa 33.000 Beschäftigten der Europäischen Kommission und die hinzukommenden 7652 Personen, die im Europäischen Parlament arbeiten, wirken immens auf sie. „Die Beschlüsse verwirren mich auch häufig…“ Ein konkreter Beschluss fiel ihr nicht ein. Ein Kommilitone widersprach ihr allerdings…

 Diversidad (Vielfalt)

„Ich sehe das nicht so negativ und würde eher an Vielfalt denken. In den Unikursen melden sich öfter Studenten aus anderen Ländern, die mit einem anderen Hintergrund auch andere Meinungen mitbringen.“ Granada nahm dieses Jahr nach Angaben des Internationalen Büros der Universität 1952 Austauschstudenten auf. Davon besuchen 556 die Fakultät für Philosophie und Sprachen.

 Arte (Kunst)

Aber Europa bedeutet für die Studenten mehr als Union und Erasmus. Der Sitznachbarin fällt daraufhin das anstehende Kunstfestival „Duodécimo Festival Internacional de Poesía Ciudad de Granada“ ein. Innerhalb einer Woche arbeiten Studenten mit Professoren aus anderen Ländern zusammen. Darunter befindet sich unter anderem auch die serbische Übersetzerin und Dichterin Mina Gligoric. Die klare Lyrik der 24-Jährigen Serbin begeistert.

 Beleza (Schönheit)

„Beleza“, platzt es aus einer jungen Frau am anderen Ende des Tisches heraus. Sie schnappt sich den Edding. Europa? Schön? Ist das nicht etwas platt… diesen Gedanken deuten zumindest die fragenden Blicke in der Runde an. „Naja“, rechtfertigt sich die Studentin: „Europa war bestimmt schön, als sie von Zeus entführt wurde.“ Die Runde grinst, die Kamera knipst.

Oportunidades (Möglichkeiten)

Als der Edding weitergereicht wird, bekommt das Thema wieder einen ernsteren Geschmack. „Europa bietet für mich auf jeden Fall die Möglichkeit ohne großen Bürokratiekram im Ausland zu arbeiten. Für Geisteswissenschaftler sieht es ziemlich schlecht aus in Spanien.“ In Andalusien lag die Arbeitslosenquote im ersten Trimester 2015 bei 33,62 %.

 Progreso (Fortschritt)

„Hirnforscher haben da bessere Chancen… Drüben, auf der anderen Seite des Campus wird das Centro de Investigación Mente, Cerebro y Comportamiento (CIMCYC) in seinen Forschungsprojekten von der EU unterstützt. Darum bedeutet Europa für mich Fortschritt“, schreibt ein weiterer spanischer Student auf das orangene Papier. Das Forschungszentrum für Hirnströmungen arbeitet in Kooperation mit der Fakultät für Psychologie. Die Zuschüsse der EU zur Forschung stammen aus dem European Regional Development Fund.

 Cultura (Kultur)

„Für mich geht es in der EU nicht nur um Geld.“ Ein weiteres Gruppenmitglied runzelt die Stirn. „Für mich bedeutet Europa auch die Fülle an Theatern und Opernhäusern. Das gibt es in der Form auf anderen Kontinenten selten.“ Dass sich die Unterstützung des Kultursektors auszahlt, zeigte im Februar eine Studie des ifo Institut München: Ein breites Kulturangebot lockt Akademiker in Wohngegenden.

 Futuro y Paz (Zukunft und Frieden)

Möglichkeiten, Fortschritt, Kultur… Für einen Moment scheint es, als wäre die Luft raus. „Das alles zusammen ergibt doch irgendwie unsere Zukunft oder“, sagt eine Studentin gedehnt. „Stimmt“, bejaht eine weitere Spanierin: „Wenn wir zusätzlich die weltpolitische Situation betrachten: Chinas zunehmende Wirtschaft, der Terror durch die IS… Europa bedeutet auch Frieden. Das schafft Spanien nicht allein.“

 Arrogancia (Arroganz)

„Vielleicht schaffen wir vieles nicht allein. Aber vieles schafft Europa auch nicht. Im Mittelmeer sind schon zu viele Flüchtlinge gestorben. Europa verhält sich gegenüber den Problemen Afrikas einfach zu arrogant.“ Viele Fragezeichen schauen die junge Frau an, die mit dieser Aussage einen kleinen Sprung in das fast einheitlich positive Bild der Staatengemeinschaft eingerissen hatte. „Aber es sind doch bereits Flotten zur Rettung im Mittelmeer unterwegs… “ ergänzen ihre Kommilitonen. „Löst das das Grundproblem?“, fragt die Spanierin in die Runde.

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