Job Centre Plus

To work or not to work

Es ist eines der größten Probleme im Vereinigten Königreich: Zu viele Jugendliche sind ohne Job. Die Arbeitslosenrate ist im April auf ein Rekordhoch gestiegen. In der öffentlichen Kritik steht vor allem die konservativ-liberale Koalition. Felix FitzRoy, Wirtschaftswissenschaftler an der Elite-Universität St Andrews, macht den massiven Sparkurs der Koalition unter David Cameron verantwortlich.

Von Julia Born

Job Centre PlusIn Großbritannien geht die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander. Etwa jeder fünfte Jugendliche besucht hier eine der renommierten Privatschulen. Viel mehr als zum Beispiel in Deutschland, wo nur acht Prozent aller Schüler eine private Bildungseinrichtung besuchen. Und während Sprösslinge aus wohlhabenden britischen Elternhäusern in Internaten unterrichtet werden, sind gleichzeitig knapp eine Million Jugendliche, und damit ebenfalls rund jeder Fünfte zwischen 16 und 24 Jahre, ohne Arbeit und Zukunftsperspektive.

Die Jugendarbeitslosigkeit in Großbritannien ist angestiegen, seitdem die konservativ-liberale Koalition regiert. Unter den 16- bis 24-Jährigen waren im April dieses Jahres 993.000 Jugendliche ohne Arbeit. Damit macht die britische Jugend knapp ein Drittel der insgesamt 2,5 Millionen Arbeitslosen im Land aus. In London ist es für junge Leute am schwierigsten, einen Job zu finden. Dort ist jeder Vierte ohne Arbeit. Nicht besser ist es im Nordosten des Landes, in der Region rund um die Stadt Durham. Dort sucht ebenfalls jeder Vierte nach einer Beschäftigung.

Im europäischen Vergleich gibt das Vereinte Königreich damit kein gutes Bild ab. Während in Deutschland lediglich knapp acht Prozent aller Jugendlichen ohne Arbeit sind, liegt die Rate in Großbritannien bei 21,2 Prozent. Noch höhere Raten haben nur die wirtschaftlich angeschlagenen Länder im Süden Europas. Die Arbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien beträgt knapp 60 Prozent. Mehr als die Hälfte aller jungen Menschen sucht also eine Stelle.

Heftige Kritik kommt in diesen Tagen aus den Reihen der Opposition. Liam Byrne, Mitglied der Labour-Party und Secretary of State for Work and Pensions, kritisiert, Cameron lasse eine ganze Generation fallen. Die Koalition aus Konservativen und Liberalen habe es versäumt, Alternativen zu den arbeitsmarktpolitischen Bestrebungen der Vorgängerregierung, der Labour-Party, zu etablieren.

Die Labour-Party hatte im Jahr 2009 unter Gordon Brown das Programm “Future Jobs Fund” eingeführt. Future Jobs Fund sollte Langzeitarbeitslosen helfen, eine Arbeitsstelle zu finden, die nicht vom Staat zusätzlich finanziert wird. Mit einem Budget von einer Milliarde Pfund sollten 150.000 neue Stellen geschaffen werden, um besonders jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren den Berufseinstieg zu erleichtern.

Eine Studie, die das Projekt im Auftrag des Department for Work and Pensions untersuchte, ergab, dass für Teilnehmer dieser Maßnahme die Wahrscheinlichkeit, nach zwei Jahren für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können, um 27 Prozent angestiegen ist. Gleichzeitig sank das Risiko, weiterhin auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein, um 16 Prozent. Und tatsächlich lag das Niveau der Jugendarbeitslosigkeit zwei Jahre, nachdem das Programm an den Start gegangen ist, bei 19,3 Prozent, knapp zwei Prozentpunkte weniger als heute.

Dass die Jugendarbeitslosigkeit seither angestiegen ist, liege an einer falschen Fiskalpolitik, sagt Felix FitzRoy, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität St Andrews. Statt einzusparen, müsse die Regierung investieren, so FitzRoy. Eine langfristige Lösung seien nur Steuersenkungen, der Ausbau von Sozialleistungen und vor allem eine bessere Ausbildung von benachteiligen Jugendlichen. Das Kabinett Cameron macht allerdings genau das Gegenteil.

Das Programm Future Jobs Fund wurde im April 2011 von der Koalition eingestellt. Die Entscheidung begründete die Regierung mit der Sanierung des Haushalts. Das Programm sei zu teuer und funktioniere nicht, so Cameron damals. Immerhin 320 Millionen Pfund konnte die Regierung seit dem vorzeitigen Ende von Future Jobs Fund einsparen. Seither ist allerdings auch die Arbeitslosigkeit gestiegen.

Nichtsdestotrotz hat David Cameron im März angekündigt, den strikten Kurs beizubehalten, nachdem Großbritannien im Februar dieses Jahres zum ersten Mal seit der Wirtschaftskrise in den 70er Jahren die Top-Bonität AAA verloren hatte. Er betonte, dass er „keine Alternative“ sehe, schließlich gebe es keinen magischen Baum, an dem Geld wachse, so der Premierminister.

Ökonom FitzRoy bezeichnet diese Argumentation als „unsinnig“. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen sei das unmittelbare Resultat einer solchen Politik. Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Rezession seien rigorose Sparmaßnahmen die falsche Reaktion. Deshalb fahre das Kabinett Cameron derzeit ganz offensichtlich, so der Wirtschaftswissenschaftler, nicht den richtigen Kurs.

Sparen oder investieren in Krisenzeiten? Die Lehrmeinungen gehen hier auseinander. Vertraut man ganz auf die klassischen Theorien des Ökonomen John Maynard Keynes, so müsste die Regierung in Krisenzeiten finanzielle Impulse geben, also investieren.  Die benötigten Mittel haben die Briten aber nicht, müssten also neue Kredite aufnehmen. Daher hat sich das Kabinett Cameron für das Gegenteil entschieden: den Sparkurs. Die Sparprogramme sollen nun nicht wie ursprünglich geplant bis 2015, sondern sogar noch weitere drei Jahre bis 2018 laufen.

Doch die Zurückhaltung der Regierung muss nicht unsinnig sein. Obwohl die Arbeitslosigkeit kürzlich ein Rekordhoch erreicht hat, gibt es Gründe, am Sparkurs festzuhalten. Denn investierte die Regierung im Sinne von Keynes, so würde sich das Land weiter verschulden. Wachstum, das auf Verschuldung aufbaut, ginge damit zu Lasten zukünftiger Generationen, also der jungen Menschen im Land.

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